Feuer im Lager Moria : Recht so, zerstört die Camps!

Die Zustände im Lager Moria waren absolut sittenwidrig. Nun haben die Zusammengepferchten aufbegehrt. Und jetzt wirft man ihnen Regelbruch vor? Ein Zwischenruf.

Das zerstörte Camp in Moria auf der Insel Lesbos.
Das zerstörte Camp in Moria auf der Insel Lesbos.Foto: LOUISA GOULIAMAKI / AFP

In der Debatte darum, was mit den Flüchtlingen aus dem abgebrannten Lager Moria auf Lesbos geschehen soll, passiert etwas Seltsames. Es wird darauf hingewiesen, dass das Feuer mutmaßlich extra gelegt wurde, dass unter den Flüchtlingen jetzt womöglich Brandstifter sind. Also Straftäter.

Die Frage lautet: Würde man nicht auch die Straftäter belohnen, wenn die nunmehr lagerlosen Flüchtlinge auf europäische Länder verteilt werden?

Warum das seltsam ist? Weil es von Menschen, die entgegen allen guten Sitten behandelt wurden – und das teilweise über Jahre – verlangt, dass sie sich dessen ungeachtet brav und gefügig verhalten. Und weil diejenigen, die das verlangen, diejenigen sind, die das Sittenwidrige der Behandlung teilweise über Jahre mitgetragen haben.

Griechenland - und damit auch die EU - hat in Kauf genommen, dass Moria komplett überbelegt war. Dass die sanitären Einrichtungen nicht reichten. Dass dort im Dreck gelebt wurde. Dass sich Banden gebildet haben, die nachts Einwohner terrorisierten. Dass dort durch nichts zu rechtfertigende Zustände herrschten. Dann kam noch das Coronavirus, und man hat das Lager abgeriegelt.

Feuer auf Lesbos - gab es nicht eine Art Recht aufzubegehren?

Was hat man denn erwartet? Dass die Menschen sich reihum anstecken lassen und dann mangels medizinischer Versorgung allmählich eingehen? Hat man wirklich gedacht, dass nie jemand die Nerven verliert?

Die Frage müsste also lauten: Gab es angesichts der menschenunwürdigen Zustände, die in Moria herrschten, nicht eine Art Recht zum Aufbegehren, ein Recht zum Widerstand? Menschen müssen die Umstände, unter denen sie leben, nicht unbegrenzt hinnehmen, wenn die ihre Gesundheit gefährden, ihre Würde beschädigen, ihr Leben bedrohen.

[Mehr zum Thema: Flüchtlingspolitik zwischen Versagen und Pragmatismus - darum schaut Europa in Moria nur zu]

Ab einem gewissen Punkt werden auch vor Gericht bei der Bewertung von gewaltsamem Widerstand mildernde Umstände zugebilligt. Etwa, wenn Frauen ihre gewalttätigen Partner und prügelnden Väter ihrer Kinder umgebracht haben. Und es gibt gute Gründe dafür anzunehmen, dass mildernde Umstände auch in Moria gelten: dass die Feuer nicht in erster Linie Brandstiftung waren, sondern der verzweifelte Versuch, sich aus schikanösen Zuständen zu befreien.

Es finden sich also ganz sicher Vertreter der Meinung, die Feuer seien eine Art von Notwehr gewesen. Und das sind wahrscheinlich nicht die Verrücktesten. Das wären dann Feuer, die von Menschen gelegt wurden, die sich schon sehr lange sehr viel haben bieten lassen.

Und letztlich ist es doch erstaunlich genug, dass es mit Moria überhaupt so lange gut ging. Man könnte sogar sagen: Recht so, zündet alle Zelte an, auch die, die euch da wieder hingestellt werden. Sonst ist nämlich bald wieder alles beim Alten. Und der Winter kommt erst noch.

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Allen Betroffenheitsbekundungen zum Trotz scheint das Feuer von Moria eben Betroffenheit nicht zu wecken. Vielmehr macht es den Anschein, als gingen die Flüchtlinge aus dem Lager sehr vielen Handelnden vor allem auf die Nerven.

Ist eine Plane schon ein Obdach?

Allein die Gedankenlosigkeit, wenn sie jetzt nach dem Feuer zu „Obdachlosen“ erklärt werden. Was, bitte, waren sie denn vorher, als sie in den überfüllten Zelten gehaust haben? Ist eine Plane nach den Maßstäben der EU-Wertegemeinschaft schon ein Obdach?

[Mehr zum Thema: Was tun mit den Flüchtlingen in Moria? Soforthilfe: Ja. Sofort nach Deutschland: Nein]

Dann dieses Herumdrucksen, was man sich damit wohl für Folgekosten ins Haus holt, wenn man jetzt die Elenden der Elenden über die willigeren und wohlhabenderen EU-Länder "verteilt", wobei das "Verteilen" schon als Terminus schrecklich ist.

Was offenbar wirklich zum Betroffenheitsauslöser taugt, ist der Umstand, dass jetzt 27 mit dem Coronavirus infizierte Menschen frei auf Lesbos herumlaufen und Gott weiß wen alles anstecken könnten. Eine große Sorge gilt jetzt der Gefahr, die von diesen Menschen ausgeht, was ja auch grundsätzlich richtig ist. Was aber so klingt, als sei das erst jetzt interessant, wo sie nicht mehr im Lager sind. Nach Anteilnahme und Betroffenheit klingt das alles nicht. Aber betroffen macht es schon. (Hinweis: Dieser Text wurde am Freitag, 11. September, 11 Uhr erweitert)

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