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Giftanschlag auf Ex-Spion Skripal : Russisches Nowitschok-Labor angeblich identifiziert

Mit chemischen Analysen ließ sich die Herkunft des Giftes nicht nachweisen. Nun heißt es: Großbritannien kennt sogar das Labor in Russland. Dessen Botschafter streitet alles ab.

Florian Niedermann
Einsatzkräfte spannen ein Zelt über die Bank, auf der der russische Ex-Spion Sergej Skripal mit seiner Tochter bewusstlos aufgefunden wurde.
Einsatzkräfte spannen ein Zelt über die Bank, auf der der russische Ex-Spion Sergej Skripal mit seiner Tochter bewusstlos...Foto: AFP PHOTO / Ben STANSALL

Britische Experten glauben einem Medienbericht zufolge das russische Labor identifiziert zu haben, aus dem das Gift für den Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal stammen soll. Dies sei mit Hilfe von wissenschaftlichen Analysen und der Geheimdienste gelungen, berichtete die Zeitung „The Times“ am Donnerstag. Die Experten seien sich recht sicher, wenn auch nicht zu 100 Prozent. Eine klare Quelle nannte das Blatt allerdings nicht. Ein Regierungssprecher wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren. Die britische Forschungsanlage Porton Down hatte zuvor berichtet, dass die genaue Herkunft des Nervengiftes unklar sei.

Sergej Skripal und seine Tochter Julia waren vor einem Monat bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury aufgefunden worden. Premierministerin Theresa May bezichtigt den russischen Staat als Drahtzieher des Attentats. Der Fall löste eine schwere diplomatische Krise aus.

Die britische Regierung geriet durch die Äußerungen von Gary Aitkenhead, dem Chef des Porton-Down-Labors, unter Druck. In einem Interview mit dem Sender Sky News sagte er, sein Labor habe zwar nachweisen können, dass es sich beim verwendeten Gift um Nowitschok handle, aber nicht, dass es aus Russland stamme. Der Kreml forderte umgehend eine Entschuldigung seitens der britischen Regierung und stellte die Behauptung in den Raum, dass das Nervengift aus Porton Down selbst stammen könnte. Aitkenhead dementierte dies: "Es ist absolut unmöglich, dass das von uns kommt oder unsere Mauern verlassen haben könnte."

Der britische Außenminister Boris Johnson beharrte auf seinen Vorwürfen an Moskau. Dafür wurde er auch in Großbritannien kritisiert: Labour-Chef Jeremy Corbyn warf Johnson vor, dass er entweder nicht all sein Wissen preisgebe oder übertreibe. Labour-Politikerin Diane Abbott sprach von Irreführung der Öffentlichkeit. Johnson erwiderte, dass der Oppositionschef genauso wie Russland versuche, Großbritannien zu diskreditieren.

In einem Interview mit der Deutschen Welle hatte Johnson auf die Frage nach Belegen für die Herkunft des Gifts aus Russland gesagt: „Als ich nach dem Beweis geschaut habe, waren die Leute des Laboratoriums Porton Down sehr bestimmt.“ Er habe einen Experten dort gefragt: „Sind Sie sich sicher? Der habe geantwortet: „Es gibt keinen Zweifel.“ Dies habe zu den Maßnahmen gegen Russland geführt.

Botschafter wirft Großbritannien mangelnde Kooperation vor

Bei einer Pressekonferenz dementierte der russische Botschafter in London, Alexander Jakowenko, am Donnerstag abermals, dass Russland in die Vergiftung Skripals und seiner Tochter involviert war. Er bezog sich dabei auf einen Tweet, in dem Johnson schrieb, der Kreml hätte Motive für einen Anschlag auf den ehemaligen Doppelagenten gehabt. Das sei ebenso unwahr, wie die Aussage, Russland hätte den Kampfstoff hergestellt und gelagert. "Wir wollten prüfen, ob es sich bei dem Gift um Nowitschok handelt, doch die britische Regierung weigert sich, uns Proben davon zu geben", sagte Jakowenko. Russland habe den Kampfstoff auch in der Vergangenheit nicht produziert, das seien andere Staaten gewesen.

Generell warf der Botschafter Großbritannien vor, Vorwürfe gegen Russland zu erheben, ohne sie mit Beweisen zu untermauern. Die Kritik, in der Aufklärung des Falls nicht kooperieren zu wollen, gab Jakowenko umgehend an das britische Außenministerium zurück. Mehrere offizielle Noten und ein Katalog mit 40 Fragen der russischen Botschaft seien unbeantwortet geblieben. Selbst zum gesundheitlichen Zustand Skripals habe man nur sehr spärliche Informationen erhalten. "Wir wissen nur das, was an die Medien durchsickert. Der Vorwurf, wir würden nicht kooperieren, ist falsch", sagte Jakowenko. Seine Regierung fordere von Großbritannien einen transparenten Austausch von Informationen, damit Russland Rechtshilfe leisten könne.

Westen beerdigte russische Resolution in der OPCW

Der Botschafter äußerte sich auch zur Sitzung der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) vom Mittwoch. Russland habe dort einen Resolutionsentwurf vorgelegt, in dem die Mitgliedstaaten der internationalen Organisation aufgefordert würden, bei Ermittlungen transparent zusammenzuarbeiten, damit die Politisierung von Fällen wie jenem in Salisbury verhindert werden könne. Von den 38 Mitgliedsstaaten hätten nur 15 gegen die Resolution gestimmt, sagte Jakowenko: "Darunter waren vorwiegend EU- und Nato-Mitglieder." Sechs Staaten stimmten für die Resolution, 17 enthielten sich. Das zeige nur, so Jakowenko, dass diese Länder unter sehr großem Druck der EU- und anderen westlichen Staaten gestanden hätten.

Russland will nun die Ergebnisse der OPCW-Untersuchung in Großbritannien abwarten. Die internationale Organisation will sie allerdings nur der britischen Regierung zur Verfügung stellen. Botschafter Jakowenko forderte das Außenministerium daher dazu auf, die Informationen umgehend auch an die anderen Mitgliedsstaaten weiterzugeben, um Transparenz zu schaffen.

Erstmals äußerte sich am Donnerstag auch die beim Giftanschlag von Salisbury schwer verletzte Julia Skripal öffentlich. Sie fühle sich jeden Tag besser, erklärte die 33-Jährige in einer von der britischen Polizei verbreiteten Mitteilung. Vor mehr als einer Woche sei sie aufgewacht. (mit AFP, dpa)

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