Globalisierung vs. Regionalisierung : Taugt der Mensch zum Weltbürger?

Die Welt wächst zusammen. Gleichzeitig gedeiht der Nationalismus. Kann ein politischer Kosmopolitismus unter diesen Bedingungen überhaupt gelingen?

Malte König
Kosmopolitisches Bewusstsein wird durch einen gemeinsamen Kommunikationsraum und gemeinsame Probleme erzeugt. Aber Bewusstsein allein reicht nicht aus.
Kosmopolitisches Bewusstsein wird durch einen gemeinsamen Kommunikationsraum und gemeinsame Probleme erzeugt. Aber Bewusstsein...Foto: imago

Malte König forscht am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin mit einem Stipendium der Gerda-Henkel-Stiftung zu dem Thema „Kosmopolitismus in der Praxis. Weltbürger, Europäisten und Nationalisten im Widerstreit 1919-1939“.

Am 28. April 1986 durchsuchten Ingenieure das schwedische Kernkraftwerk Forsmark vergeblich nach einem Leck; die ungewöhnlich hohe Radioaktivität, die in der Anlage Alarm ausgelöst hatte, stammte aus der Ukraine, aus Tschernobyl – über 1300 Kilometer Luftlinie entfernt. Dass die Welt zu schrumpfen scheint, ist ein Prozess, der im 19. Jahrhundert an Fahrt aufgenommen hat.

Im Zuge der Industrialisierung legten Waren und Menschen immer größere Distanzen in immer kürzerer Zeit zurück. Durch die Weltkriege, den Handel und die neuen Medien – Radio, Fernseher, Internet – hat die Globalisierung während des 20.Jahrhunderts ungemein an Geschwindigkeit gewonnen.

Seit der Jahrtausendwende wird zunehmend spürbar, dass ein jeder sich mit der gesamten Menschheit in Nachbarschaft befindet: 2008 löste die Pleite einer amerikanischen Investmentbank eine weltweite Kettenreaktion in den Finanzmärkten aus; 2018 wiesen Wissenschaftler Mikroplastik in der Antarktis nach; seit einem Jahrzehnt lässt sich der vom Menschen verursachte Klimawandel nur noch mit Mühe leugnen.

Kosmopolitisches Denken müsste Hochkonjunktur haben

Und sollte das Virus, das derzeit die halbe Weltbevölkerung beschäftigt, tatsächlich von einem chinesischen Viehmarkt stammen, stellt sich plötzlich ernsthaft die Frage, ob man nicht aufhorchen muss, wenn in weiter Ferne ein Sack Reis umfällt. Nie gab es mehr Anlässe, sich als Bürger einer Welt zu fühlen. Kosmopolitisches Denken müsste Hochkonjunktur haben.

In der Praxis schlägt sich das jedoch nur zum Teil nieder: Phänomene wie Fridays for Future zeugen zwar davon, dass ein Verantwortungsbewusstsein für die gesamte Welt existiert und nach politischem Einfluss strebt. Doch gleichzeitig erstarken vielerorts nationalistische Parteien und Bewegungen. Rechtspopulisten pflegen das Feindbild einer abgehobenen „kosmopolitischen Elite“, die die Menschen vor Ort vergesse.

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Die Furcht vor Flüchtlingen oder Krankheiten führte selbst innerhalb der Europäischen Union zu Grenzkontrollen und Grenzschließungen. Je enger die Weltgemeinschaft zusammenrückt, desto mehr wächst der Wunsch, sich auf kleine überschaubare Räume zurückzuziehen, auf das mutmaßlich Kontrollierbare. Und anders als kosmopolitische Ziele findet die Rückbesinnung auf die Nation erheblich schneller praktische Umsetzung. Man könnte dies abtun mit der banalen Erkenntnis, dass dem Menschen das Hemd näher sitzt als der Rock.

Aber man könnte sich auch fragen, ob Kosmopolitismus überhaupt eine Form von Politik ist: Inwieweit ist es möglich, als Weltbürger eine politische Agenda zu verfolgen? Kann kosmopolitisches Denken in der Praxis Wirkung entfalten und unter welchen Umständen gelingt das? Um über solche Fragen nachdenken zu können, empfiehlt es sich, Beispiele aus der Geschichte heranzuziehen – Debatten, die zu einem Abschluss gefunden haben.

Fehlt Weltbürgern die Verbindlichkeit?

Richtet man den Blick auf den Anfang des 20.Jahrhunderts, überrascht zunächst, dass prominente Persönlichkeiten, die rückblickend wie Vorzeige-Kosmopoliten erscheinen, den Begriff vehement ablehnten. Der Schriftsteller Stefan Zweig etwa bezeichnete Kosmopolitismus als Oberflächlichkeit und schrieb ihm jede Verbindlichkeit ab. „Weltbürger“ zu sein, hatte zwischen den Weltkriegen nicht unbedingt einen guten Ruf.

Enzyklopädien lieferten unter dem Schlagwort „Kosmopolit“ zwei Definitionen: derjenige, der sich „gern allem zuwendet, was fremd ist“, gegenüber demjenigen, der „leichterhand Sitten und Gebräuche ändert“. Dem positiven Bild des Offenen, Interessierten stand das negative des Launenhaften und Wurzellosen entgegen. Unklar blieb dabei, ob es sich um ein politisches Projekt handelte oder um die private Lebenshaltung einer geistigen Aristokratie.

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Aggressionen lösten Kosmopoliten bei erzkonservativen Denkern wie Oswald Spengler aus, der ihre Gedanken als „lebensfremd und also geschichtsfeindlich, unkriegerisch, rasselos“ bezeichnete. Staatsgefährdend seien diese Leute. Das Schicksal der Nation hänge davon ab, inwieweit es „der Rasse glückt, diese Erscheinung geschichtlich unwirksam zu machen“.

Einem streng nationalistisch denkenden Staatsrechtler wie Carl Schmitt zufolge löste sich „Weltbürgertum“ in Nichts auf, wenn man es auf politische Substanz hin abklopfte: „Die politische Welt ist ein Pluriversum, kein Universum.“ Eine politische Einheit lasse sich nur bilden, wenn es die „reale Möglichkeit des Feindes“ gebe. Dass sich in der Zwischenkriegszeit keine „Partei der Kosmopoliten“ auffinden lässt, scheint Schmitt auf den ersten Blick recht zu geben.

Hoffnung Plansprache

Doch man macht es sich zu einfach, wenn man lediglich nach dem Begriff, nach Zuschreibungen oder Selbstbezeichnungen sucht. Besser ist es, das Handeln von Individuen und Gruppen ins Visier zu nehmen. Denn es finden sich durchaus Akteure, deren Handlungen auf ein Zusammenwachsen der Weltgemeinschaft und supranationale Entscheidungen abzielten oder die in ihrem Handeln von einem universal gültigen Recht ausgingen, dem die Nationalstaaten aus eigenem Antrieb nicht nachkamen.

Kosmopolitisch war sicher das Ansinnen all derer, die seit dem 17. Jahrhundert Plansprachen entwarfen, um der Menschheit eine leicht erlernbare Zweitsprache zur Verfügung zu stellen. Mit dem technischen Fortschritt rückten die Probleme, welche Sprachbarrieren für Handel, Wissenschaft, Verkehr und Friedenssicherung mit sich brachten, immer drängender ins Bewusstsein; ein einheitliches Verständigungsmittel tat not. Aber welches?

Französisch hatte als Sprache der Diplomatie seit dem Ersten Weltkrieg ausgedient; die Friedensverhandlungen verliefen im Wesentlichen auf Englisch. Englisch wiederum eignete sich nicht als Internationale Hilfssprache, da es politisch aufgeladen war und seine Einführung die Muttersprachler bevorteilt hätte. Eine Wiederbelebung des Lateins erschien sinnlos, die Grammatik war zu schwer. Vieles sprach Anfang des 20. Jahrhunderts für die Propagierung einer Plansprache.

Dass kosmopolitische Gesinnung nicht zwangsläufig dazu führt, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, belegt in diesem Zusammenhang ein Briefwechsel zwischen Giuseppe Peano und Louis Couturat – den Schöpfern von Latino sine flexione und Ido. In ihrer Auseinandersetzung über die Vor- und Nachteile der beiden Systeme zerstritten sich Peano und Couturat derart, dass am Ende jeder dem Anderen in der eigenen Sprache antwortete – weiter konnte man sich vom Ziel der Völkerverständigung nicht entfernen.

In Lichtgeschwindigkeit um die Welt. Aber welche Idee hält die Kulturen zusammen?
In Lichtgeschwindigkeit um die Welt. Aber welche Idee hält die Kulturen zusammen?Foto: envfx Fotolia

Streben nach Brüderlichkeit zwischen den Völkern

Esperanto sollte letztlich die einzige Plansprache sein, der es gelang, eine große Sprachgemeinschaft um sich zu versammeln und politische Relevanz zu entfalten. Ihr Urheber Ludwig L. Zamenhof machte aus dem kosmopolitischen Ideal, das ihn antrieb, keinen Hehl. Seit 1905, als die Sprache knapp zwei Jahrzehnte existierte, fanden jedes Jahr Weltkongresse statt, auf denen Zamenhof die interna ideo de Esperanto unterstrich: das Streben nach Brüderlichkeit und Gerechtigkeit zwischen den Völkern.

Davon abgesehen, hielt er sich zurück und ließ dem Projekt freien Lauf: Jeder sollte sich der Sprache frei bedienen. Unter diesen Vorzeichen erfuhr Esperanto einen kontinuierlichen Aufschwung und boomte nach dem Ersten Weltkrieg, wie 1922 eine Untersuchungskommission des Völkerbunds feststellte. Weltweit hätten Regierungen Esperanto bereits als Wahlfach in den Schulunterricht aufgenommen; in Städten wie Madrid, Braunschweig, Edinburgh und Lissabon sei die Sprache Teil der Polizeiausbildung, um die Ordnungskräfte auf den Fremdenverkehr vorzubereiten.

Angesichts dessen war es kein Zufall, dass der Völkerbund darüber beriet, allen Mitgliedsländern den Esperantounterricht an öffentlichen Schulen zu empfehlen. Dass es nicht dazu kam, lag vor allem an der Blockadehaltung Frankreichs, dessen Delegierter sich höchstens eine Einigung auf Französisch vorstellen konnte. Obwohl sich die Berichterstatter ausdrücklich für Esperanto ausgesprochen hatten, konnte sich die Völkerbundversammlung daraufhin nicht zu einer Unterstützung des Projekts durchringen; lediglich die Verwendung als clear language für die interne Telegraphie wurde 1924 beschlossen.

Völkerbund als Keim von etwas Größerem

Nimmt man den Völkerbund unter die Lupe, stellt sich heraus, dass innerhalb der Institution zwei Strömungen existierten. Während der Anfangsjahre fanden sich dort nicht nur Internationalisten, die die Organisation als Plattform betrachteten, mittels der Regierungen zu einem Konsens finden konnten. Nein, es arbeiteten dort auch Beamte, die kosmopolitisch dachten und den Völkerbund als Keim von etwas Größerem ansahen.

Mit Eric Drummond hatten die Gründerstaaten einen vermeintlich blassen Bürokraten als ersten Generalsekretär berufen – und zwar absichtlich: Der Völkerbund sollte einer Verwaltung gleichen und nicht zu dominant werden. Doch Drummond erklärte in einem seiner ersten Interviews, dass sich Mitarbeiter des Sekretariats national vorgefasster Meinungen entledigen müssten.

Im Mai 1920 unterstrich das Generalsekretariat, dass „Sekretariatsmitglieder, einmal ernannt, nicht mehr Diener ihres Vaterlands, sondern einzig und allein des Völkerbunds“ seien. In vielerlei Hinsicht schlug die Organisation supranationale Wege ein und nahm sich Probleme an, für die sich die Nationalstaaten nicht zuständig fühlten. Mit der Einführung des Nansen-Passes versuchte Genf, Staatenlosen eine Identität und damit Bewegungsfreiheit zu geben.

Um die Verbreitung von Drogen einzudämmen, wurde eine Kommission zur Bekämpfung des Opiumhandels eingesetzt. Ein anderer Ausschuss untersuchte die Zusammenhänge zwischen internationalem Frauenhandel und nationaler Prostitutionsgesetzgebung. Die Gesundheitsbehörde baute Hilfsprogramme in Afrika und Asien aus, um die Ausbreitung von Seuchen und armutsbedingten Krankheiten einzudämmen.

Machtanwandlungen eines Superstaates?

Den Regierungen vieler Staaten wurde dieses Engagement bald zu viel, zunehmend bremsten sie den Völkerbund aus: Italien verabschiedete 1927 ein Gesetz, das seine Staatsangehörigen verpflichtete, vor Annahme eines internationalen Postens um Erlaubnis zu bitten. Mitarbeiter des Generalsekretariats waren der faschistischen Regierung permanent Rechenschaft schuldig.

In der Opium-Kommission meinte die indische Delegation angesichts der geplanten Kontrollen, dass der Völkerbund wie „ein Super-State agiere und versuche, alle Macht an sich zu reißen“. Als die Inspektionen zur Aufdeckung des Frauenhandels engmaschiger wurden, protestierte Paris; die Reglementierung des Prostitutionsgewerbes sei eine „Hausangelegenheit“ und gehe Genf nichts an.

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Selbst die Programme zur Seuchenbekämpfung stießen auf Widerstand, die Briten unterstellten der Gesundheitsbehörde „Sozialradikalismus“; es würden die falschen regionalen Schwerpunkte gesetzt.

Eine Art „Kosmopolitik“ existierte Anfang des 20. Jahrhunderts zweifelsohne, wie diese Beispiele zeigen. Doch Kosmopoliten mangelte es meist an Geschlossenheit, da unter ihnen eine natürliche Skepsis gegenüber zentraler Führung herrschte. Wer wie ein Weltbürger dachte, setzte auf Vielfalt, Konsensfindung und Toleranz. Kosmopolitische Zeitschriften wie die „Literarische Welt“ waren stolz auf ihre Debattenkultur und gaben bisweilen Nationalsozialisten ungefiltert das Wort, um deren Ansichten kennenzulernen.

Auf die Mittel des Nationalstaats angewiesen

Die Offenheit von Esperanto hatte im Ersten Weltkrieg zur Folge, dass Deutsche und Franzosen die Sprache zur Auslandspropaganda einsetzen konnten und deren Intention somit ad absurdum führten. Machtpolitisch waren Kosmopoliten zudem dadurch eingeschränkt, dass sie auf die Instrumente und Finanzmittel der Nationalstaaten angewiesen waren; ihre unmittelbaren Ansprechpartner waren Regierungen.

Folgerichtig kamen sie mit ihren Zielen nicht weit, da sie im Kern gegen das Nationalstaatsprinzip arbeiteten und unweigerlich Widerstand provozierten. Kosmopoliten strebten nicht nach Macht und hatten daher auch keine. Eine Institution wie der Völkerbund setzte auf Transparenz als politisches Mittel, etwa indem er die Untersuchungsergebnisse zum Frauenhandel publizierte. Doch der öffentliche Druck, der auf diese Weise erzeugt wurde, fiel zu gering aus, um Regierungen zum Handeln zu zwingen. Um Wirkung zu entfalten, müsste sich die Menschheit allerorts als Weltbürger fühlen – was sich durch Medien allenfalls abstrakt herstellen lässt.

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Das Zeitalter des global village mag begonnen haben, aber Information ist nicht alles. Kosmopolitisches Bewusstsein wird eher durch gemeinsame Probleme wie etwa den Klimawandel erzeugt. Und Bewusstsein allein reicht nicht aus. Um Niederschlag in der Praxis zu finden, sind kosmopolitische Bewegungen stets auf das Handeln der Nationalstaaten angewiesen. Ein kosmopolitisches Ziel muss daher zunächst auf nationaler Ebene relevant werden, um wirkmächtig verfolgt zu werden.

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