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Greta Thunberg warnt vor einer Rückkehr zur Normalität.
© AFP

"Taten sind lauter als Worte": Greta Thunberg kritisiert die Behäbigkeit der Politik

Die Aktivistinnen Greta Thunberg und Luisa Neubauer fordern auf der Konferenz "Europe 2021", dass der Kampf gegen den Klimawandel wieder in den Fokus rückt.

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Ein Jahr ist es her, da sprach die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Hunderten Spitzenvertretern aus Politik und Wirtschaft ins Gewissen. „Alle haben versagt“, urteilte sie damals. Am Rande des Gipfels traf sie auch auf Luisa Neubauer, Deutschlands prominenteste Klimaschutzaktivistin, und Jochen Wegner, Chefredakteur bei „Zeit Online“.

Zwölf Monate später begegneten sie sich bei der Zukunftskonferenz „Europe 2021“ digital wieder. Dieses Mal diente als Kulisse für Thunberg ihr Wohnzimmer. Ein paar Zimmerpflanzen, weiße Gardinen, ein Hometrainer, ab und zu bellte sogar ihr Hund. Die große Bühne ist dem Wohnzimmer gewichen – auf eine gewisse Weise ist das ein Sinnbild für die Klimabewegung, die weltweit durch die Corona-Pandemie ausgebremst wurde.

Ob der entschlossen Kampf gegen Covid nicht auch Hoffnung für die Klimabewegung gewesen sei, wollte Wegner wissen – und erhielt ein deutliches Nein als Antwort. Zwar gebe es kleine Verbesserungen, sagte Thunberg, aber die Veränderungen seien kaum sichtbar. Verantwortlich dafür macht sie auch die Politiker, die sie bereits in Davos und auf dem UN-Klimagipfel hart angegangen hat.

Zwar würden sie versichern, dass man den Klimawandel ernst nehme. "Aber Taten sind lauter als Worte", sagte Thunberg. Die Treffen mit Spitzenpolitikern seien teils nur PR. "Natürlich treffen die uns nur wegen der Selfies", sagte sie spöttisch. Dennoch dürfe man die Chance zum Dialog nicht auslassen.

Auch Luisa Neubauer kritisierte die Geschwindigkeit, mit der die Politik die Klimakrise bekämpfe. „Selbst, wenn kleine Schritte passieren, sind sie zu klein und zu langsam.“ Die Idee, dass der Umgang mit einer Pandemie als Vorlage für den Klimakampf dienen könnte, wies sie zurück. Es reiche nicht wie bei einem Lockdown die Industrie kurzfristig zurückzufahren.

Auch Greta Thunberg treibt die Sorge um, dass die Pandemie keine nachhaltige Veränderung im Kampf gegen den Klimawandel bringt. „Wenn wir zur Normalität zurückkehren, kehren wir zu einer Krise zurück“, warnte sie. Genau das befürchtet Neubauer im zweiten Lockdown: „Ich beobachte, dass die Geduld zu Ende ist und sich die Menschen nach Normalität sehnen“, sagte die 24-Jährige.

Auch deshalb wollen die Klimaaktivisten von Fridays for Future (FfF) bald wieder demonstrieren – weltweit am 19. März. Das Motto lautet „Keine leeren Versprechungen“. Wenn die Infektionszahlen es zulassen, wird es Fahrraddemos geben, auf jeden Fall aber Mahnwachen und Kundgebungen an zentralen Orten. „Das haben wir ja auch am letzten globalen Streiktag im September gemacht“, sagt Karla Wiegmann von Fridays for Future im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

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Zwangsläufig aber wird die Bewegung im öffentlichen Raum weniger sichtbar sein. Stattdessen macht sie jetzt selbst mehr inhaltliche Vorschläge für den klimafreundlichen Umbau der Gesellschaft. An diesem Mittwoch etwa stellen die Aktivisten ihr Konzept für ein klimaneutrales Berlin bis 2030 vor. Zu den Forderungen gehört ein ticketloser öffentlicher Nahverkehr und ein Kohleausstieg bis 2025 ohne den Wechsel auf Erdgas.

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Dabei verstehen sich Friday for Future weiter als überparteilich. Eine einseitige Unterstützung für die Klimalisten, die bei den kommenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz antreten, soll es nicht geben. „Wir fordern von jeder Partei, dass sie das 1,5-Grad-Ziel in ihrem Programm verankert“, sagt Wiegmann.

Greta will vorerst kein Partei gründen

Auch Thunberg wurde gefragt, ob sie eine neue Partei gründen wolle. Kurz schmunzelte die 18-Jährige, dann verneinte sie. Das habe sie „aktuell“ nicht vor. Vorerst. Dringlicher sei momentan eine massive Steigerung des Bewusstseins für den Ernst der Klima-Situation.

„Ich bin nicht über den Atlantik gesegelt, um meinen CO2-Abdruck zu verringern, sondern um Bewusstsein zu schaffen“, sagte Thunberg. Ihre Idee sei es gewesen, dass Menschen durch ihre Aktion ihr Verhalten überdenken würden. Jetzt brauche es eine „soziale Revolution“, die Einstellung und Verhalten von Menschen verändert, um die Klimakrise zu bewältigen.

Das brachte Thunberg zu ihrer zentralen Botschaft aus ihrem Wohnzimmer in Stockholm: „Solange wir die Klimakrise nicht wie eine Krise behandeln, werden die Menschen sie auch nicht als Krise begreifen.“

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