Hausangestellte im Libanon : Missbrauch und Vergewaltigung gehören dazu

Bis zu 500.000 ausländische Dienstmädchen leben im Libanon. Meist unter verheerenden Bedingungen und durch das "Kafala"-System wie moderne Sklavinnen.  

Julius Geiler
Eine äthiopische Frau sitzt zwischen Koffern und Matrazen vor der äthiopischen Botschaft.
Eine äthiopische Frau sitzt zwischen Koffern und Matrazen vor der äthiopischen Botschaft.Foto: Joseph Eid/AFP

Am 13. März diesen Jahres schickt die 23-jährige Faustina ihre letzte Nachricht an die Sozialarbeiter der Hilfsorganisation „This is Lebanon“. Es sind lediglich fünf Wörter, doch Faustinas Angst ist darin greifbar: „Bitte Gott steh mir bei!“  

Einen Tag später wird die junge Ghanaerin tot aufgefunden. Ein verstörendes Foto zeigt ihren leblosen Körper.

Er liegt auf dem Parkplatz des Hauses, in dem sie als Hausangestellte monatelang missbraucht wurde. „Ich bin so schwach, so schwach. Mein ganzer Körper ist geschwollen, ich kann kaum fünf Minuten am Stück stehen“, schreibt Faustina am Vortag ihres Todes. Nach ersten Angaben der lokalen Polizei deutet alles auf einen Suizid hin. Die 23-Jährige soll sich von der Brüstung des Balkons im vierten Stock gestürzt haben. Augenzeugen gibt es nicht. 

Die Zahlen werden nicht veröffentlicht

Anfang 2019 war die Afrikanerin in den Nahen Osten gekommen, um als Hausangestellte in einer libanesischen Familie zu arbeiten. Kochen, waschen, putzen und pflegen.  

Nach Angaben von Amnesty International leben und arbeiten bis zu 250000 Hausangestellte ausländischer Herkunft im Libanon. Die Nichtregierungsorganisation „This is Lebanon“ schätzt ihre Zahl aktuell auf mindestens 500000. Die meisten von ihnen sind äthiopischer und nigerianischer Herkunft. 

Es wäre ein leichtes, eine Statistik darüber zu führen, wie viele Frauen tatsächlich in libanesischen Haushalten ihre Arbeit verrichten. Den Boden des Zedernstaates betreten alle neu ankommenden Arbeitskräfte zum ersten Mal am einzigen Flughafen des Landes, dem Rafik Hariri Airport in Beirut.  Hier werden die Frauen von den Behörden registriert. Dennoch wird von staatlicher Seite seit Jahrzehnten über deren exakte Anzahl geschwiegen.  

Sich eine oder gleich mehrere Hausangestellte leisten zu können ist im Libanon nicht wie anderswo nur der Oberschicht vorbehalten. Im ganzen Land gibt es drei Altersheime - eine Hausangestellte mit einem monatlichen Gehalt von durchschnittlich 150 US-Dollar ist vergleichsweise günstig. 

Die Angst vor Verfolgung ist groß

Patricia ist eine der Mitbegründerinnen von „This is Lebanon“. Die Hilfsorganisation macht sich für die Rechte ausländischer Dienstmädchen und Gastarbeiterinnen im Libanon stark. Auch Patricia lebte lange in dem kleinen Mittelmeerstaat, auch Patricia arbeitete als Dienstmädchen. Deswegen ist Patricia nur ein Pseudonym, am Telefon möchte sie dem Tagesspiegel nicht einmal ihren aktuellen Wohnort mitteilen.

Wandten sich ursprünglich Frauen an „This is Lebanon“, um über ihre Erfahrungen in libanesischen Haushalten zu berichten, fungiert das Telefon der NGO mittlerweile als regelrechte Notfall-Hotline.

Andere vergleichbare Anlaufstellen für ausländische Hausangestellte im Libanon in Notfallsituationen sind Mangelware. Die örtliche Polizei bietet bei Missbrauch oder Belästigungen durch die libanesischen Arbeitgeber in der Regel keine Hilfe für die Frauen.  

Viele ehemalige Hausangestellte leben zurzeit in Beirut auf der Straße.
Viele ehemalige Hausangestellte leben zurzeit in Beirut auf der Straße.Foto: Joseph Eid/AFP

Diese arbeiten häufig sieben Tage die Woche. Im Schatten des sogenannten „Kafala-Systems“ besitzen sie so gut wie keine Rechte. Die vor allem in arabischen Ländern weit verbreitete Gesellschaftsform regelt das Verhältnis von ausländischen Arbeitskräften zu ihren Arbeitgebern. Über Vermittlungsagenturen werden die Frauen in ihren jeweiligen Heimatländern angeworben. Die Arbeitgeber fungieren dabei als Bürgen und übernehmen die Reise- und Unterbringungskosten. Dadurch entsteht ein toxisches Abhängigkeitsverhältnis der Dienstmädchen ihren als Arbeitgeber fungierenden Familien gegenüber.  

Die Frauen sind wie an ihre Arbeitgeber angekettet

So ist der legale Status jeder ausländischen Arbeitskraft direkt mit dem jeweiligen Arbeitgeber verbunden. Konkret bedeutet das im Libanon, dass sich ausländische Dienstmädchen nur legal im Land aufhalten, wenn sie die Voraussetzungen des abgeschlossenen Arbeitsvertrages mit der jeweiligen Familie erfüllen. Das soziale Leben der Arbeitskräfte ist abhängig von ihren Bürgen. Nicht selten ist es den Frauen nicht einmal erlaubt, ungefragt das Haus ihres Arbeitsgebers zu verlassen. 

Selbst das libanesische Arbeitsministerium spricht beim „Kafala-System“ mittlerweile von moderner Sklaverei. So gehören Misshandlungen, häusliche Gewalt und Vergewaltigungen zum Alltag vieler Dienstmädchen.  Als Menschen zweiter Klasse haben die Hausangestellten nur minimale Chancen auf eine juristische Verfolgung der Täter. Entschließt sich eine der ausländischen Frauen zur Flucht, reagieren viele Familien mit Anzeigen von erfundenen Delikten. Den aus dem „Kafala“-System Entkommenen drohen die Strafverfolgung durch die libanesische Justiz und das Gefängnis.  

Protest gegen das "Kafala"-System im Mai 2019 in Beirut.
Protest gegen das "Kafala"-System im Mai 2019 in Beirut.Foto: Anwar Amro/AFP

„Noch nie wurde ein Libanese für ein Verbrechen gegenüber einem ausländischen Dienstmädchen belangt“, sagt Patricia. Über die Notfallhotline von „This is Lebanon“ melden sich mittlerweile mehr als 20 Personen täglich bei ihr und ihren Kollegen. Rund 430 Fälle sind noch unbearbeitet. Covid-19 und die verheerende Lage der libanesischen Wirtschaft haben die Situation der Dienstmädchen nochmals verschärft. Videos in den sozialen Netzwerken zeigen wie Hausangestellte von libanesischen Familien einfach vor die Tür gesetzt werden. Einige sehen in ihnen ein erhöhtes Corona-Ansteckungsrisiko, anderen Familien geht das Geld aus und sie können ihre ehemaligen Hausangestellten nicht weiterbezahlen.

Der einzige Flughafen des Landes war für Monate geschlossen. Für die ausländischen Frauen führte kein Weg zurück in die Heimat. Von ihren Arbeitgebern vor die Tür gesetzt, bewegen sie sich illegal im Land. Hunderte campierten in den vergangenen Wochen vor den Botschaften ihrer Heimatländer. Die Corona-Fallzahlen im Libanon steigen im Juli wieder rasant. Nur einige wenige Flügen starten täglich vom Beiruter Flughafen. 

Mehr als Durchhalteparolen gibt es nicht

Auch deswegen rät „This is Lebanon“ den Anruferinnen aktuell davon ab, zu flüchten. „Mittlerweile sage ich am Telefon nur noch: keep going sister, keep going! Aber ich weiß wirklich nicht wie lange einzelne es noch durchhalten“, sagt Patricia und fügt hinzu: „Wir haben Frauen, die jeden Tag missbraucht werden, aber denen wir dennoch dazu raten, erst einmal abzuwarten. Einfach, weil die Situation auf der Straße noch gefährlicher ist.“ 

Patricia hat es geschafft, dem unmenschlichen „Kafala“-System zu entkommen. Die 23-jährige Faustina nicht. Mit ihrem Tod müssen sich die Sozialarbeiterinnen von „This is Lebanon“ jeden Tag auseinandersetzen. Sie prangern auf ihrer Internetseite die libanesische Familie an, für die Faustina bis zu ihrem Tod arbeitete. Klarnamen, Verwandte und selbst die Geschäfte des Familienvaters werden öffentlich gemacht.

So wollen sie zumindest dazu beitragen, dass keine weitere Frau ein ähnliches Märtyrertum wie die junge Ghanaerin durchleben muss. Auch an der offiziellen Darstellung des Freitodes zweifeln die Mitarbeiter der Organisation: „Faustina war verzweifelt, aber sie war nicht gebrochen. Im Gegenteil: sie war ein unglaublich starkes Mädchen, das alles dafür tat, um sein Leben zurückzubekommen. Wir sind uns sicher, dass sie ermordet worden ist“, sagt Patricia und muss das Gespräch beenden. Das Telefon der Notfallhotline klingelt. Die nächste Frau braucht Patricias Unterstützung. 

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