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Kandidatin Künast: Im Spiegelkabinett

Renate Künast will als erste Frau und Grüne Berlin regieren. In Umfragen ist sie furios gestartet. Warum tut sie sich jetzt so schwer?

Von Stephan Haselberger

Vielleicht ist das die Wende.

„Ich gehe jetzt und mache Kohlrouladen“, sagt die alte Dame.

„Ist es nicht ein bisschen warm für Kohlrouladen?“, fragt Renate Künast.

„Ich könnte Ihnen ja eine vorbeibringen ...“

Wenn Renate Künast in diesem Moment das Erlösungspotenzial einer Kohlroulade schon bewusst wird, dann lässt sie es sich nicht anmerken. Der Stand der Grünen steht auf der Schattenseite der Kreuzberger Bergmannstraße. Die Partei, die bei sagenhaften 29 Prozent ihre Kandidatur verkündet hat, liegt nur noch bei 22 Prozent. Künast ist im Kampf um das Rote Rathaus auf dem Berliner Pflaster angekommen. Entschlossen, lakonisch, lila Bluse, bereit zum Sprung.

In den kommenden Tagen wird sie diese Szene begeistert erzählen: Freunden und Feinden, ihrem engsten Wahlkampfteam und verdutzten Chefredakteuren. Sie alle ahnen ja nicht, dass diese Szene aus der Perspektive von Renate Künast einen Meilenstein bedeutet, einen Durchbruch menschlicher und politischer Art im Kampf um Berlin 2011.

Es ist das Jahr, in dem Renate Künast ihre Hochzeit und einen Todesfall erlebt, in dem eine Kernschmelze in einem japanischen Reaktor einen deutschen, grünen Ministerpräsidenten hervorbringt, und in dem Renate Künast versucht, von einer Bundespolitikerin zur Regierenden Bürgermeisterin von Berlin zu werden.

Am 12. März eröffnet sie den grünen „Metropolenkongress: Vor dem Hintergrund, dass gestern ein Tsunami und ein Erdbeben ein japanisches Kernkraftwerk beschädigt habe, sagt sie, sei diese Tagung besonders bedeutungsvoll. In Wahrheit hat sich soeben ein historisches Zeitfenster für die Grünen geöffnet.

Renate Künast wendet sich den Metropolen zu. Sie will ja bald selber eine leiten. Grüne Repräsentanten aus München, Bremen und Köln erzählen von ihren Städten. Sie charakterisieren liebevoll deren Bewohner. Überall ist Stolz. Renate Künast sagt als Einzige nicht „wir“, wenn sie über ihre Stadt spricht.

Ist Berlin denn nicht ihre Stadt? Sie hat mit 21 Jahren in der Justizvollzugsanstalt Tegel als Sozialarbeiterin angefangen und ihr ganzes berufliches Leben in Berlin verbracht. Als sie 2006 30 Jahre in der Stadt lebte, hat sie in der Winterfeldtstraße 33/35 eine Linde gepflanzt. Ihre Schnauze geht als „Berliner“ durch. Ach, habe ich nicht „wir“ gesagt? – Renate Künast schweigt. Und überlegt, was das bedeuten könnte. Ihr schmales Büro in der Wahlkampfzentrale in der Kommandantenstraße ist gerade erst eingerichtet: ein trapezförmig geschnittener Schreibtisch, eine vitale Topfpflanze, der provisorische Charakter ist Absicht. Ihr Blick fällt links aus dem Fenster auf eine grün bewucherte Brache, wo es zugeht wie im Rest von Deutschland: Kaum guckt man kurz nicht hin, ist alles grün.

„Für wen stünde dann das Wir?“ fragt Künast. „Ich bin ja noch Fraktionsvorsitzende.“ Als hätte auf diesem Städtekongress ernsthaft die Gefahr einer Verwechslung von 68 Fraktionsmitgliedern mit 3,4 Millionen Berlinern bestanden.

Und dann kann man Renate Künast ratlos sehen, in diesem seltsamen Wahlkampf, in dem sie sich ganz zu Anfang so vergaloppiert hatte mit kruden Aussagen zu Tempo 30 in Berlin, dem Großflughafen BBI und den Schulen. „Alles fokussiert sich auf die Frage: Kann die das?“ Sie weiß nicht, warum das jetzt plötzlich eine Frage ist. Sie weiß nicht, wo diese Frage herkommt. Als sie Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz wurde, hat sie keiner gestellt. In Europa wurden 2001 die Rinder irre. „Ich hatte damals fünf Minuten Zeit, mir zu überlegen, ob ich das Amt haben will.“

Womit Renate Künast im Gespräch einen rettenden Hafen erreicht. Sie zählt jetzt ihre Erfolge auf: Ökologisierung der Landwirtschaft, die „Agrarwende“, das Bio-Siegel. Tausende Bauern, sagt sie, haben sie damals ausgebuht.

Es soll heißen, dass sie schon einmal Ablehnung in einen Erfolg umgemünzt hat. Seitdem lässt sie immer, wenn sie Unterstützung braucht, die Bauern auf- und abtreten. Ihre ehemaligen Angreifer haben sich längst in ihre Verteidigung verwandelt. Das kleine Büro ist jetzt voller Bauern: Etwa 5000 vom Bauerntag in Münster und 3500 vom Bauerntag in Freiburg. Und hinter diesen Bauern sitzt verschanzt eine ängstliche Königin. Wer zu ihr will, muss jeden einzeln aus dem Weg räumen. Es ist schlimmer als Schach.

Lesen Sie mehr zu Künast' Werdegang auf Seite 2.

Damals, sagt sie, als es um das Amt der Landwirtschaftsministerin ging, habe sie sich gefragt: „Habe ich dazu eine Liebe?“ Als Antwort tauchten Bilder aus ihrer Heimat Recklinghausen auf, ausgerechnet. Von der Werksvilla auf dem Firmengelände, wo sie lebten – der Vater chauffierte den Boss – dahinter eine Wiese, dahinter ein Stück Garten, in dem sie lernte wie Sauerampfer und Kohlrabi schmecken. Wenn Landwirtschaft so schmecken würde, hätte sie dafür eine Liebe.

Fünf Minuten an Recklinghausen denken reichen also für einen Ministerposten. Wie lange hat sie für Berlin überlegt?

Sie schweigt eine Sekunde, in der sie den Haken in der Frage sucht. Das macht sie immer. Dann antwortet sie nicht auf die Frage, sondern auf den vermeintlichen Vorwurf darin: „Ich habe ja schon Monate vor dem November dafür gesorgt, dass sich gute Leute um das Wahlprogramm kümmern.“

Es ist kein Gespräch, es ist eine Kampftechnik. Und vielleicht hat sich Renate Künasts Widerstand über die Jahre verselbständigt, seitdem ihre Eltern in Recklinghausen fanden, die Mittlere Reife sei genug für ihr Kind. Sie kämpfte gegen die Eltern, die Bauern, die Konkurrenten in der eigenen Partei. Sie fand in diesem Widerstand ihre Form. Wenn sie angegriffen wird, scheint sich alles an ihr aufzurichten. Die Haare bis in die Spitzen, der Jackenkragen, die Manschetten, die Pumps, alles an ihr wird spitz und verdichtet sich zu einer Wehrhaftigkeit, die auch dann nicht mehr schwindet, wenn kein Angriff droht.

Künast macht das, was sie immer tat. Sie ist dafür schon gelobt worden: Provozieren. Nicht ablassen. Einstecken. Beharren. Abwarten. Recht behalten. Diesmal lobt sie keiner.

Vielleicht liegt das daran, dass die Ämter überhaupt nicht vergleichbar sind. Erfolg als Ministerin definierte sich darüber, Themen durchzusetzen. Ein Minister bleibt Repräsentant seiner Partei und Verfechter seiner Ideen. In einer Stadt wirkt so etwas nur verbockt. Bürgermeister stellen sich an die Spitze der Interessen anderer. Sie müssen in die Stadt hineinhorchen. Erfolgreiche Bürgermeister verteidigen ihre Bürger, sie verkaufen ihre Unzulänglichkeiten nach außen als Charme, Filz als Zusammenhalt, Zumutungen als Herausforderung und Konflikte als Vielfalt. Ein Bürgermeister vermittelt unter allen Parteien. Angst vor Menschen ist nicht hilfreich.

Gerade erst rotierten wieder deutsche Minister: Rösler, Bahr, de Maizière und Friedrich sitzen auf neuen Stühlen. Aber ist solche Beliebigkeit bei Bürgermeistern denkbar? Könnte man sich Ole von Beust in München und Christian Ude in Berlin vorstellen? Klaus Wowereit in Frankfurt?

Renate Künast, für die Politik nie aufgehört hat, ein Kampf zu sein, kämpft dieses Mal vor allem mit sich selbst. Von den alten Raufkumpanen aus der Partei ist ja niemand mehr da. Sie ist die unangefochtene Spitzenkandidatin. Und so wird Berlin zu einem Spiegelkabinett, in dem sie unablässig sich selbst begegnet, ihren Verdiensten, ihren Schwächen, ihrer Vergangenheit, ihrer Art. Und dann fällt auch noch der Distanzapparat des Bundestags weg. Sie soll plötzlich eine „zum Anfassen“ sein, und tendenziell zuständig für alles: für nicht gefegtes Laub, gestreute Straßen, eine Autobahn, Schulen.

„Ich kann mich jetzt in jedes Café setzen, und es ist ein Wahlkampfauftritt.“ Sie sieht darüber überhaupt nicht glücklich aus. „Man muss aufpassen, dass noch ein Rest Privatsphäre bleibt.“

„Kann die das?“ meinte vielleicht nicht ihr Fachwissen, sondern ihre Art. Es ist nur eine andere Formulierung für die Frage: Wird Renate Künast bis zur Wahl noch ein Mensch?

Ein Wohlmeinender sagt: Das spielt keine Rolle. „Wenn sie eines kann, dann Regieren.“ Das Verbraucherschutzministerium war schließlich nach ihr nicht mehr wiederzuerkennen. Ihre Errungenschaften will niemand mehr missen. Vielleicht definierte sie auch in Berlin einfach das Amt um, so wie sie es mit ihrem Ministeramt gemacht hat? Vielleicht würde sie sich nicht davor scheuen, eine träge Verwaltung anzupacken? Vielleicht würden die Berliner Beamten ihre neuen Bauern? Und wieso wirft man ihr vor, was sonst doch immer verlangt wird? Renate Künast heuchelt keine Freundlichkeit. Ihre schlechte Laune ist echt.

Andreas Schulze ist der Pressesprecher von Renate Künast und zugleich ein erfahrener Pilot des politischen Instrumentenflugs. Er passt die Flugweise den Meldungen der Instrumente an. Die Instrumente sind die Umfragen der empirischen Institute Infratest dimap und Forsa. Sie sind Temperaturfühler, Höhenmeter und messen den Gegenwind. Sie zeigen zum zweiten Mal einen unerwarteten Druckabfall, zur Zeit auf 25 Prozent.

Schulze hat zuletzt den Bundespräsidentenwahlkampf von Joachim Gauck betreut. Er ist jetzt noch immer erstaunt über das „kleine Karo“ Berlins. Sie hatten im Team einen Landeswahlkampf erwartet, „aber es ist ein Kommunalwahlkampf“. Faktenreich und detailversessen.

Überraschenderweise, sagt Schulze, kam bei den Umfragen heraus, dass sich die Berliner für das Klimaproblem kaum interessierten – immerhin ein grünes Zentralthema. Stattdessen sorgten sie sich zum Beispiel um ihre Mieten.

Und, welche Strategie folgt aus dieser empirischen Erkenntnis?

„Verknüpfen“, sagt Schulze.

Lesen Sie mehr zum Wahlkampf von Künast in Berlin auf Seite 3.

Man kann Renate Künast in den folgenden Wochen dabei beobachten, wie sie versucht, die losen Probleme Berlins mit den gefestigten Vorschlägen der Grünen zu verbinden. Sie verknüpft in der Urania die wirtschaftliche Not Berlins mit dem Boom erneuerbarer Energien. Sie verbindet in der Charlottenburger St. Canisius-Kirche die Anliegen der Grünen mit dem Buch Genesis. Die Diskussion wirkt schließlich etwas verknotet, als Künast auf dem Podium im Ritz Carlton wirbt, dass die „zweite Miete“ sinke, wenn man Häuser ökologischer wärmedämmt. Das Publikum fragt: Aber die Modernisierung, die zahlen doch wir?

Ende Juni trifft Renate Künast auf der Terrasse des Weekend-Clubs hoch über dem Alexanderplatz die „Berliner Musikwirtschaft“. Clubbetreiber und Gastronomen, Organisatoren der Nacht haben sich ans Tageslicht gewagt, um darauf hinzuweisen, dass sie, die Kreativen, von intransparenten Fördermöglichkeiten abhängen. Und sei sie nun für oder gegen einen Pop-Beauftragten beim Senat? Könne man sich ihrer Unterstützung versichern? Künast sagt nichts zu. Sie sagt, dass man sich zusammensetzen müsse, um Informationen zu bündeln. Dass man im Gespräch bleiben müsse. Die Nachteulen verstehen es nicht. Sie reden aneinander vorbei.

Was daran liegen könnte, dass Künast nicht den fundamentalen Unterschied erklärt: dass sie nämlich grundsätzlich überhaupt keine Lösungen verspricht, nie und niemandem. Sondern eine Methode, um eine Lösung zu finden. Das ist etwas völlig anderes, der Lösung weit vorgelagert.

A100? „Da müssen sich alle mal zusammensetzen.“ Der Eindruck entsteht: Immer, wenn man von ihr persönlich eine Lösung möchte, vertagt sie die Sitzung. Wähler aber glauben, dass man einen Politiker beauftragt, in seinem Sinne zu entscheiden. Soll man jemanden wählen, der sich auf keinen Inhalt festlegt? Die ganze Kampagne „Da müssen wir ran“, sagt ja nur, dass man jetzt mal überlegen müsse. Dass, kurz gesagt, die ganze Arbeit noch vor einem liegt!

Ist das nun ein Ausweichen vor Entscheidungen oder tatsächlich ein Mittel für mehr Zufriedenheit für nun einbezogene Bürger?

Den Schlüssel zu diesem Rätsel hält vielleicht ausgerechnet Ralph Adam in der Hand. Hinter der Sicherheitsschleuse der JVA Tegel, des größten Männergefängnisses Deutschlands, sitzt ein saisonal gebräunter 63-jähriger Mann auf dem Chefsessel.

Adam kam 1978 als Sozialarbeiter nach Tegel, wo Renate Künast in der Teilanstalt I ihre Arbeit mit der ersten Drogengruppe gerade begonnen hatte. „Der Strafvollzug hatte damals etwas Unanständiges, das war natürlich spannend“, sagt er, ein „nachgeprägter 68er“. Zum ersten Mal waren die Vorschriften in den Gefängnissen in ein Gesetz gegossen worden, das „Strafvollzugsgesetz“. Und das war auch nötig.

„Als ich hier anfing, gab es jeden Tag Prügeleien.“ Die Angestellten, zum Teil noch ehemalige Soldaten, hatten auch Angst vor den Sozialarbeitern mit ihren nackten Füßen in den Holzpantinen, von denen sie sagten, „die sehen ja aus wie die Knackis“, erzählt Adam, der auch noch nicht so lange Krawatte trägt.

Künast, erinnert er sich, „war immer klar, nicht so eine Gefühlsduselei, wie man sie oft in der Sozialarbeit hat“. Das mochte er. Das neue Gesetz erlaubte ihnen, mit den Häftlingen zu reden, „ein Quantensprung“. So wie gerade im ganzen Land Gespräche über Vergangenheit und Schuld Verkrustungen lösten.

Künast machte draußen Karriere, und hier drinnen tat Adam dasselbe. Künast studierte Jura, trat der Alternativen Liste bei, stritt in ihrer WG um den Abwasch, färbte sich die Haare platinblond, demonstrierte, kaufte Sonnenblumenkernbrot, verlor eine Wahl um das Berliner Abgeordnetenhaus, arbeitete in einer Kanzlei, wurde Landwirtschaftsministerin, ließ sich von Bauern ausbuhen, behielt recht, entdeckte das Gärtnern, das Kochen und den blauen Zweigelt, heiratete einen Strafverteidiger, legte Lipgloss auf und bewarb sich um das Amt der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin.

Und während Ralph Adam, inzwischen Chef des Gefängnisses, die Früchte des Redens erntete – „heute sitzen wir in einer völlig anderen Anstalt als damals“ – erntete auch Renate Künast: Die Grünen, hieß es, seien bald eine Volkspartei.

Damals war Reden das Mittel der Zeit. Knapp 40 Jahre später haftet dem Diskutieren der Ruf des Ineffizienten an. Man verlangt „Entscheider“. Streitet eine Partei, ist ihre „Geschlossenheit“ gefährdet. Diskutieren gilt als unprofessionell. Aber zugleich quasseln auf Facebook, Smartphones und per E-Mail alle durcheinander.

Seit Künasts Kandidatur sind 0,4 Milliarden Kubikmeter Wasser die Spree heruntergeflossen, es ist jetzt endlich Sommer. Der Atomausstieg der Bundesregierung ist nur noch sieben Tage entfernt und Renate Künast besteigt ein Boot zum „Christopher Street Day auf der Spree“. Man drückt ihr einen blauen Plastikpuschel in die Hand, der garantiert in 100 Jahren nicht abbaubar ist. Sie mag ihn trotzdem. Kontaktaufnahme ist möglich, indem man mit jemand anderem seinen Puschel aneinanderreibt. „Puscheln!“ 200 Schwule und Lesben schreien gegen die Musik an. Renate Künast entspannt. Das Bier kommt in durchsichtigen Plastikbechern. Es nippt eine scheue Person, die ausgerechnet Reden zu ihrer Methode erklärt hat.

Seit sieben Jahren, sagt Künast, ist sie bei dem CSD auf der Spree dabei. Es sehe ja bloß immer so aus, als wäre nur Wowereit in dieser Szene zu Hause. Sie steht achtern auf einem Plastikstuhl und schwenkt den Puschel. Morgen geht sie wieder ins Büro, heute singt sie unter den Brücken, wo es so gut hallt, „Du gehörst zu mir, wie mein Name an der Tür ...“

Bis am Ende der Gangway am Anleger der Veranstalter auf sie zutritt. Ob sie sich vorstellen könne, die Schirmherrschaft zu übernehmen für den CSD auf der Spree? Sie schnutet die Lippen. Sie guckt anerkennend. Daran merkt man, dass sie sich freut. „Ja. Könnte ich.“

Und dann gehen alle noch hoch auf die Caféterrasse am Anleger, ein Mineralwasser jetzt endlich. Bei sinkendem Adrenalinspiegel scheinen Unternehmertum und Politik für einen kurzen Moment wie ein beglückendes Abenteuer. Künast ist gerade um eine Schirmherrschaft gebeten worden, jeder andere hätte vermutlich die gelöste Stimmung so lange wie möglich zu halten versucht. Aber so tickt sie nicht. Sie beugt sich vor und fragt: Also mit der Verpflegung an Bord, immer nur Bockwurst und Toast, „muss das denn sein?“

Sie will dann zu ihrem Lieblingsitaliener in Wilmersdorf, wo man von ihr nur noch eine Bestellung erwartet und wo sie gleich mit ihrem Mann Rüdiger Portius verabredet ist. Ob sie einen noch ein Stück mitnehmen könne?

Sie steigt zu ihrem Wahlkampfleiter André Stephan in das silberne Wahlkampfauto. Sie tippt auf dem Beifahrersitz konzentriert in ihr Handy. Stephan beweist, dass man auch ein Elektroauto sportlich fahren kann. Könnte er nicht nur nach vorne auf die Holzmarktstraße sehen, sondern auch fünf Tage in die Zukunft, er sähe sich selbst, wie er in eben dieser Straße vor einer Ampel einschläft, betrunken, nach dem Hoffest von Klaus Wowereit. Als Polizisten ihn wecken, wird er ausfällig und ist tags drauf seinen Job los.

„Rüdiger? Ist später geworden“, sagt Künast in ihr Telefon. „Ich habe gerade bestellt“, antwortet Portius.

Lesen Sie mehr zur Kampagne der Grünen auf Seite 4.

Vier Wochen später ist Wahlkampf, offizieller Teil. Im Modulor-Haus am Moritzplatz stellen die Grünen ihre Online-Kampagne vor. Renate Künast ist gefasst, ihre Haut hat einen entspannten Sommerteint. Was zwei Wochen Schleswig-Holstein so mit einem machen. Sie erklärt, wie Bürger im Netz Probleme benennen können. Und als jemand hinterher immer noch nicht verstanden hat, was denn das Besondere daran sein soll, fällt ihre Stimme zwei Lagen. Das Besondere sei, dass die Kommunikation nun in alle Richtungen gehe. Kein Hinweis gehe verloren, „man kann den Finger auf etwas halten“.

Renate Künast hat zu ihrem frisch gebräunten Zeigefinger ein ungebrochenes Verhältnis. In ihrer Freizeit zieht sie mit ihm Unkraut aus. Aber eigentlich gehört er in eine Wunde. Das ist – „warum muss immer alles sexy sein?“ – ihr Arbeitsauftrag. Der Finger bedeutet Präzision.

Das Problem ist, dass er in Berlin an vielen Stellen eine Art allergischer Reaktion auslöst. Man hält ihn für einen besserwisserischen Zeigefinger. Man warnt, mit den Grünen würde es in Berlin eine „Öko-Tyrannei“ geben, aber genau diese Worte hat der Bauernpräsident Gerd Sonnleitner vor zehn Jahren auch benutzt, bevor die Öko-Welle seine Argumente hinweggespült hat.

Renate Künast hat beschlossen, bis zur Wahl am 18. September keinen Alkohol zu trinken. Die Fotos sind geschossen, die Slogans gewählt, die Plakate gehängt. Die Strategen können nur noch das Auf und Ab der Zahlen verfolgen. Die Kandidatin muss nun mit allem, was sie in den vergangenen Monaten gelernt hat über sich und Berlin das letzte Stück im Sichtflug bewältigen. Sie muss ihre Mission alleine heruntersteuern bis aufs Berliner Pflaster.

Es ist der erste Samstag im August, längst blickt sich Renate Künast von Ampeln und Laternenpfählen selbst ins Gesicht. An ihrem ersten Vormittag im Kontakt mit dem gemeinen Berliner liegen die Grünen bei 22 Prozent. Da tritt die Stadt in Gestalt einer alten Dame an sie heran. „Man kennt Sie ja sonst nur aus dem Fernsehen“, sagt sie.

Die Instrumente hatten diese Dame nicht angezeigt. Sie erschien nicht auf dem Radar der Demoskopen. 90-Jährige mit 70-jährigen Kindern entbehren empirischer Wahrscheinlichkeit.

Sie legt Renate Künast die Hand auf die Schulter. Renate-zum-Anfassen guckt anerkennend geradeaus auf die Türen von „Kaiser’s“. Schwarze Kreuzberger Fahrräder mit Atomkraft-Nein-Danke-Aufklebern bilden eine dichte Hecke um den Stand. Deren Fahrer halten es für normal, dass es im Supermarkt Bioprodukte gibt.

Und Renate Künast hält ganz still. Sie ist jetzt im Körperkontakt mit Berlin, der Arm der alten Dame ist ihr Erdungskabel.

„Ist es nicht ein bisschen warm für Kohlrouladen?“ fragt Künast.

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