Macron und de Gaulle : Zwei Präsidenten, zwei Revolten - zwei Entscheidungen

Macron und de Gaulle – der eine kommt wegen Unruhen in Frankreich nicht nach München, der andere fuhr vor 50 Jahren genau wegen Unruhen nach Baden-Baden.

Gerd Appenzeller
Frankreichs aktueller Präsident Emmanuel Macron hat sich entschieden, nicht zur Münchner Sicherheitskonferenz zu fahren.
Frankreichs aktueller Präsident Emmanuel Macron hat sich entschieden, nicht zur Münchner Sicherheitskonferenz zu fahren.Foto: Reuters

Es sollte einer der Höhepunkte der Münchner Sicherheitskonferenz in diesem Jahr werden – ein gemeinsamer Auftritt des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wenige Tage nach der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages in Aachen wollten beide durch ihr neuerliches Zusammentreffen demonstrieren, dass die Allianz beider Nationen funktioniert. Aber Emmanuel Macron sagte in der letzten Woche ab. Er kommt nicht zur Sicherheitskonferenz, hieß es überraschend. Hinter den Kulissen wurde spekuliert: Ein neues Zerwürfnis zwischen Berlin und Paris wegen Nord Stream 2? Nein, hieß es aus dem Elysée, der Präsident wolle sich wegen der Protestbewegung der Gelbwesten, der teilweise gewalttätigen Unruhen auf den Straßen von Paris, verstärkt dem Bürgerdialog widmen. Die Reise nach München koste wertvolle Zeit zur Beruhigung der zugespitzten  innenpolitischen Situation. Dass der Präsident in diesem Moment einen Auslandstermin wahrnehme, konnte als Flucht vor der Verantwortung verstanden werden. Zunächst galt das als diplomatisch verklausulierte Ausrede. Inzwischen steht fest, dass Macron tatsächlich aus Sorge um die innenpolitische Stabilität Frankreichs nicht reisen will.

Schon einmal, fast ein halbes Jahrhundert zuvor, im Mai 1968, sah sich ein französischer Präsident einer vergleichbar dramatischen Situation gegenüber. Der aber reiste ins Ausland – wenn auch nur für Stunden. Linke Studenten, kommunistische Gewerkschaften, streikende Arbeiter forderten den seit zehn Jahren amtierenden Präsidenten Charles de Gaulle heraus. Der 77-Jährige, der Frankreich von London aus im Zweiten Weltkrieg zum Widerstand gegen die deutsche Besatzung den Rücken gestärkt und die Nation zusammen gehalten hatte, verstand die Welt und vor allem seine Franzosen nicht mehr. Angesichts eines drohenden Generalstreiks stellte sich die Frage, ob das Militär gegen das Chaos in Stellung gebracht werden, oder ob der Präsident nicht zurücktreten und dadurch der Revolte das Ziel nehmen sollte.

Am 29. Mai 1968 wird um 10 Uhr am Vormittag eine Sitzung des Ministerrats abgesagt. Der Präsident, seine Frau und der persönliche Adjutant fahren mit zwei Wagen zum Flughafen Issy-Les-Moulineaux südwestlich von Paris. Dort warten drei Alouette-Hubschrauber auf die kleine Gruppe. Erst unmittelbar vor dem Abheben nennt ein begleitender Offizier den Piloten das Ziel: das Hauptquartier der in Deutschland stationierten französischen Truppen in Baden-Baden. Deren kommandierender General ist seit 1966 der 59-jährige Jaques Massu. Der hatte im Zweiten Weltkrieg zunächst von Afrika aus für das freie Frankreich gegen die Deutschen gekämpft, führte in den 50-er Jahren in Nordafrika mit großer Brutalität die französischen Truppen gegen die aufständischen Algerier und galt als Vertrauensmann de Gaulles.

Was wollte der Präsident vom General?

Was wollte der bei Massu? Während es in Paris hieß, de Gaulle sei geflohen, landeten die Hubschrauber in Baden-Baden. Massu hatte vom unmittelbar bevorstehenden Besuch des Präsidenten erst fünf Minuten zuvor erfahren. Über das, was in den kommenden zwei Stunden passierte, gibt es verschiedene Darstellungen, einmal von Massu, dann aus der Umgebung de Gaulles. Der habe Massu mit den Worten angesprochen: Alles ist vorbei, ich ziehe mich zurück. Dafür, dass de Gaulle diesen Plan gehabt hat, spricht dies: Das Ehepaaar hatte den Familienschmuck von Madame de Gaulle dabei, und eine größere Menge Bargeld. Aus der Sicht de Gaulles waren die ersten Worte des Generals: Ich habe Frankreich nicht mehr unter Kontrolle. Meine Autorität ist zerstört. Jetzt werden alle fragen: Wo ist er? Aber ich werde es ihnen zeigen….

Massu will darauf, schrieb er in seinen Memoiren, geantwortet haben: Ein Mann ihres Ansehens hat immer noch Mittel…. Was er damit genau meinte, weiß man nicht. Gab es die Überlegung, Massu, der in der Armee hoch angesehene General, solle sich in Paris an die Spitze der Soldaten stellen und die Revolte der Streikenden und der rebellierenden Studenten drohen, niederzuschlagen? Wir wissen aber, wie es weiter ging: Zwei Stunden nach der Landung in Baden-Baden starten die Hubschrauber wieder und fliegen de Gaulle und seine Begleitung zu seinem Wohnort, Colombey-Les-Deux-Eglises. Von da aus wendet er sich in einer Rundfunkansprache an die Franzosen und verkündet: Ich werde mich nicht zurückziehen. Ich löse die Nationalversammlung auf, es gibt Neuwahlen. Auf den Straßen von Paris herrscht Jubel, vier Wochen später wird gewählt. Die Gaullisten erreichen nach beiden Wahlgängen einer Vier-Fünftel-Mehrheit in der Nationalversammlung. De Gaulles Frankreich ist gerettet.

Seine Zeit ist dennoch vorbei. Ein Jahr später, 1969, folgen die Franzosen ihm in einem innenpolitischen Konflikt – es ging um die Regionalisierung – nicht mehr und schicken ihn nach Hause. Emmanuel Macron ist in Frankreich geblieben. Einen Massu, den er hätte fragen können, gibt es nicht mehr. Die Zeiten sind auch anders. Und Emmanuel Macron ist anders als Charles de Gaulle.

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