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Seit 2015 lebt Andrij Melnyk mit seiner Familie in Berlin.
© IMAGO/Christian Spicker
Update

Unbequem, laut und omnipräsent: Mit dem Abzug des ukrainischen Diplomaten Andrij Melnyk geht eine Ära zu Ende

Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine polarisierte der streitbare Botschafter in Deutschland. Zuletzt musste er auch Rückhalt aus Kiew einbüßen.

Von Lea Schulze

Vielen wird er als Reizfigur in Erinnerung bleiben: Kaum jemand polarisierte in den vergangenen Monaten so sehr wie Andrij Melnyk, umstrittener sowie streitbarer ukrainischer Botschafter in Berlin.

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Für gewöhnlich laufen Diplomaten für die Zivilgesellschaft unter dem Radar – mit Ausnahme vielleicht des früheren US-Botschafters Richard Grenell, der sich alles andere als diplomatisch gab, und dem Schweizer Thomas Borer, der das politische Berlin einst mit einer delikaten Sex-Affäre aufmischte.

Aber wir leben eben nicht in gewöhnlichen Zeiten. Und so fiel Melnyk spätestens seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine auf, weil er laut, unbequem und omnipräsent war. In Talkshows, auf Twitter, im Print und im Radio ließ er seiner Wut über die vermeintliche Zurückhaltung der deutschen Regierung ziemlich ungefiltert freien Lauf.

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Damit ist bald Schluss: Im Herbst wird Melnyk zurück nach Kiew abberufen. Das ging aus einem von der Präsidentenkanzlei in Kiew am Samstag veröffentlichten Dekret hervor. Außer Melnyk wurden laut Präsidialamt auch die Botschafter der Ukraine in Norwegen, Tschechien und Ungarn sowie Indien zurückbeordert. Gründe oder eine künftige Verwendung der Diplomaten wurden nicht genannt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Abberufung von Botschafter Andrij Melnyk aus Deutschland als normalen Vorgang bezeichnet.

Melnyk lebt seit 2015 mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin

„Ich habe heute Dekrete über die Entlassung einiger Botschafter der Ukraine unterzeichnet. Diese Frage der Rotation ist ein üblicher Teil der diplomatischen Praxis“, sagte er am Samstag in einer Videobotschaft, ohne einen der fünf Botschafter namentlich zu nennen. Neue Kandidaten würden vom Außenministerium vorbereitet.

Für die Amtszeit eines Botschafters gelten vier oder sechs Jahre als Regel, mit acht Jahren ist Melnyk also schon überdurchschnittlich lang im Amt. Dass er auf diesem Posten abgelöst werden sollte, war immer mal wieder im Gespräch.

Der Abschied falle schwer, sagt Melnyk

Melnyk lebt seit 2015 mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin. Wenn seine Amtszeit formell zu Ende ist, würden er und seine Familie in die Ukraine ausreisen, sagt der Diplomat gegenüber der F.A.Z. am Sonntag. Der Abschied falle schwer: „Deutschland bleibt in unseren Herzen“, zitiert ihn die Zeitung. „Ich war zweimal in Deutschland auf Posten, ich habe eine sehr enge Beziehung zu diesem Land, die streckenweise auch eine Art Hassliebe war.“

Mehr zum Ukraine-Krieg bei Tagesspiegel Plus:

Nicht von der Hand zu weisen ist, dass es in den vergangenen Monaten immer mehr knirschte im Gebälk. Melnyk, mit fast 140.000 Follower:innen auf Twitter inzwischen zum Medienstar avanciert, genoss lange Zeit den ungebrochenen Rückhalt aus Kiew.

Doch zuletzt wurde er immer wieder zurückgepfiffen. Insbesondere das Interview mit dem Journalisten Tilo Jung war ihm unlängst entglitten: Den früheren ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera hatte Melnyk dort als „Inbegriff des Freiheitskämpfers in der Ukraine“ bezeichnet.

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Die von Bandera geführte Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) wollte einen ethnisch homogenen Staat der Ukrainer errichten, in dem es keinen Platz für Juden und für Polen geben sollte. Milizen, die sich auf Banderas OUN beriefen, waren zwischen 1942 und 1944 während der deutschen Besatzung an der Ermordung Zehntausender Juden und Polen im Westen der Ukraine beteiligt.

Bandera sei kein Massenmörder gewesen, er habe nicht den Befehl gegeben, Juden zu vernichten, sagte Melnyk. Das ukrainische Außenministerium distanzierte sich davon. Daran, dass sein Abzug aus Deutschland Teil einer üblichen Rotation ist, bleiben also zumindest Zweifel.

Melnyk habe die Spielräume der Diplomatie weit überspannt

In Deutschland hat Andrij Melnyk längst den Ruf der personifizierten Nervensäge weg. Er habe die Spielräume der Diplomatie weit überspannt, fanden viele Politiker:innen. Auch abseits der Parlamente zog er Unmut auf sich, indem er etwa den Bundeskanzler Olaf Scholz als „beleidigte Leberwurst“ bezeichnete und immer wieder harsche Kritik am Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier übte.

„Für Steinmeier war und bleibt das Verhältnis zu Russland etwas Fundamentales, ja Heiliges, egal was geschieht. Auch der Angriffskrieg spielt da keine große Rolle“, sagte Melnyk dem „Tagesspiegel“.

Immer wieder prangerte er öffentlich an, von Politiker:innen nicht gehört zu werden. „Bei allem Verständnis für die existenzielle Bedrohung der Ukraine durch den russischen Einmarsch erwarte ich, dass sich ukrainische Repräsentanten an ein Mindestmaß diplomatischer Gepflogenheiten halten und sich nicht ungebührlich in die Innenpolitik unseres Landes einmischen“, kritisierte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich das Gebaren Melnyks und stieß damit auf viel Zuspruch.

Olaf Scholz bezeichnete er als „beleidigte Leberwurst“

Einschüchtern ließ Melnyk sich dadurch indes nicht, er werde sich nicht mundtot machen lassen, war seine Replik. Man mag dem Juristen einiges vorwerfen können, nicht aber, dass er den Konflikt scheut.

Im Nachhinein könne der Diplomat einige Kritik nachvollziehen - zum Beispiel, dass es keine gute Idee war, den Kanzler eine „beleidigte Leberwurst“ zu nennen. Der Schwäbischen Zeitung sagt er: „Wir sind alle Menschen und man macht Fehler. Man versucht auch, diese Fehler zu korrigieren und aus ihnen zu lernen. Viele emotionale Aussagen bedauere ich im Nachhinein.“

Ja, Melnyk hat Fehler gemacht und vermutlich pausenlos gegen einen unausgesprochenen Etikette-Leitfaden für Diplomaten verstoßen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Melnyk hat viel für sein Land getan. Er hat die Debatte um die Lieferung schwerer Waffen und um den EU-Beitritt der Ukraine maßgeblich mitgeprägt, war in den vergangenen Monaten unentwegt dabei, möglichst große Hilfe für sein Land zu fordern.

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Melnyk hat die Deutschen über die Sicht der Ukraine informiert. Der eloquent deutsch sprechende Lemberger hat politische Akteur:innen und die Medien dazu gebracht, die deutsche Politik gegenüber Putin zu hinterfragen.

Dass er dabei genervt hat? Geschenkt. Gerüchten zufolge soll der 46-Jährige neuer stellvertretender Außenminister in Kiew werden, eine Degradierung wäre sein Weggang also nicht. Dass er dort leiser sein wird, ist nicht zu erwarten, von ihm hören werden wir sicherlich weiterhin.

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