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Ballaballa. Die Piratenpartei zwischen Gaga und großer Netzpolitik.

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Sascha Lobo und Christopher Lauer: Piratenpartei - "Von Jungen Wilden zu Jungen Ärschen"

Urheberrecht, Twitter, Transparenz: Was zum Hype der Piratenpartei beigetragen hat, hat sie auch zerstört. Zu dem Schluss kommen Christopher Lauer und Sascha Lobo in ihrem Buch "Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei". Und sie finden einen prominenten Schuldigen am Abstieg der Partei.

Die Sorge kann man Christopher Lauer und Sascha Lobo nehmen. Eine Abrechnung mit der Piratenpartei ist es nicht geworden. Genau das wollten der Ex-Pirat und Deutschlands prominentester Blogger, Christopher Lauer und Sascha Lobo, mit ihrem Buch "Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei" nicht abliefern, was sie auch gleich zu Beginn betonen. In weiten Stücken ist es aber zumindest für Lauer und wohl auch für Lobo eine Art Rechtfertigung geworden, dafür, dass man überhaupt dabei war. Dafür, dass man an die Ziele dieser Partei geglaubt hat - und dafür, dass man letztendlich doch mit den Piraten gebrochen hat.

Mit Lauer und Lobo haben sich zwei Exzentriker zusammengetan und natürlich nicht einfach ein schnödes Buch, eine Analyse auf totem Holz geschrieben. Denn das Buch erscheint zunächst als gestreamtes eBook auf der von Lobo ins Leben gerufenen Plattform "Sobooks". Sobooks steht für Social Books, was bedeutet, dass die Bücher gewissermaßen interaktiv sind, Verlinkungen und Kommentierungen sind möglich. Sobooks – eine Art buchgewordene Piratenpartei und da passt es gut, dass ein Buch über eben jene Piraten auch der erste große Aufschlag ist - vom Chef persönlich.

Und dieser Aufschlag ist durchaus gelungen. Auf knapp 200 Seiten wird zunächst einmal klar unterschieden zwischen den persönlichen Erfahrungen Lauers und der Analyse der beiden Autoren. So gewinnt das Buch an Dynamik, wirkt kurzweilig ohne an Tiefe zu verlieren. Interessant ist auch die Ausgangslage, denn beide wollen ein historisches Phänomen betrachten und einordnen. Nur muss man dafür den Gegenstand der Betrachtung erst einmal für tot erklären. Das tun beide. Sie betten die Piraten in den zeitlichen und vor allem netzpolitischen Kontext: von Musiktauschbörsen, über Urheberrechtsdebatten, Netzsperren bis zur Vorratsdatenspeicherung. Sie zeigen, dass die Piraten einen Nerv getroffen haben, oder besser: Der Zeitgeist hat eine Partei getroffen - und wurde enttäuscht.

Der Umgang mit Sven Regeners Wutrede 2012 markiert den Wendepunkt

Und sie haben sogar einen Verantwortlichen für den Abstieg der Piraten gefunden: Sven Regener. Oder besser: den Umgang der Piraten mit dessen Wutrede 2012. Der "Element-of-Crime"-Sänger schimpfte damals über die Piraten und ihren vermeintlichen Versuch, das Urheberrecht abschaffen zu wollen und so Künstler um Lohn und Brot zu bringen, nur um kostenlos Musik im Netz zu hören. Lauer nennt Regners Wutrede einen "Beleuchtungswechsel" in der Wahrnehmung der Piraten. "Obwohl wir bundesweit in den Umfragen bis Mai 2012 teilweise über zehn Prozent lagen, obwohl wir im Saarland in ein zweites Landesparlament eingezogen waren, wurden wir anders betrachtet. Wir verloren wie über Nacht viel Unterstützung von Leuten, die uns bis dahin als neue, politische Kraft geschätzt hatten. Wir waren nicht mehr cool."

Fehlende Professionalisierung, mangelhafte Strukturen und kein Gespür für die Außenwahrnehmung hätten sich einmal mehr als großes Problem erwiesen. "Die Strukturlosigkeit hat die Piratenpartei in der Debatte eingeholt. Wir wurden in der Zuschreibung von außen fast über Nacht von den Jungen Wilden zu den Jungen Ärschen." So zeigen Lauer und Lobo, dass jener Nährboden für den Aufstieg der Piraten gleichzeitig auch der Sumpf für ihr Versinken darstellt.

Was die Piraten groß gemacht hat, hat sie auch zerstört 

Twitter beispielsweise sei von Piraten gekapert worden und habe zu ihrem Aufstieg beigetragen. Gleichzeitig wurden später alle Streitereien derart öffentlich ausgetragen, dass sich das Publikum abgewendet hat. Das Urheberrecht war thematischer Kern der Partei, an dem sie sich aber auch die Zähne ausbissen. Transparenz und offene digitale Beteiligungsformen machten den Reiz aus, nur gelang es den Piraten nicht, beides vernünftig zu implementieren. 

Dem Buch geht es aber am Ende ähnlich wie den Piraten. Denn die Stärke – eine subjektive, kenntnisreiche Innenansicht gepaart mit einer vermeintlich neutralen Analyse, ist gleichzeitig auch die Schwäche, weil allzuoft in der Analyse die persönlichen Schilderungen und Einordnungen Lauers nur repetiert werden. So bleibt es eben nur eine von vielen möglichen Piratenperspektiven, gleichwohl aber eine interessante. Denn Lauer war zweifelsohne einer der markantesten Köpfe der Partei: provokant, klug, scharf - nur hat er auch massiv zur Hybris der Piraten beigetragen. Eine Einordnung seinerselbst wäre also spannend. Trotzdem sind seine persönlichen Einlassungen aufschlussreich, auch weil er nicht mit Selbstkritik spart.

"Ich habe mich gesuhlt in meinem Selbstmitleid"

Der Ex-Pirat Christopher Lauer und der Blogger Sascha Lobo.

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Lauer spricht viele Konflikte, die er mit führenden Piraten ausgetragen hat offen an, hält an seinen abschätzigen Einschätzungen über den ehemaligen Vorsitzenden Sebastian Nerz oder den Politischen Geschäftsführer Johannes Ponader fest - aber er spart auch nicht mit Selbstkritik.

Beispielsweise als er seinen Versuch beschreibt, im Jahr 2011 Bundesvorsitzender zu werden. "Ich wurde als unfreundliches, arrogantes Arschloch dargestellt. Meine trotzigen Reaktionen auf die Angriffe machten es nicht unbedingt besser." Oder sein Verzicht auf eine erneute Kandidatur als Politischer Geschäftsführer "Rückblickend vielleicht ein Fehler, weil ich mir so die Möglichkeit nahm, wenigstens ein wenig mitzugestalten. In der Situation war ich einfach furchtbar beleidigt und suhlte mich in meinem Selbstmitleid." An anderer Stelle spricht er von Momenten, in denen er von sich selbst angewidert war.

Auch habe er Fehler im Umgang mit Marina Weisband, dem einstigen Star der Partei, gemacht. "Auch ich unternahm keinen Versuch, sie in irgendeiner Form zu halten. Ohne es mir einzugestehen, neidete ich ihr die Aufmerksamkeit und war deshalb aus ganz egoistischen Motiven erst mal froh, dass sie ging. Rückblickend wirkt mein Neid auf mich kindisch, kurzsichtig und charakterschwach. Marina Weisband wäre ja eine Person gewesen, die meine Situation am besten hätte nachvollziehen können, denn auch ich befand mich ja unter hoher medialer Beobachtung."

Der Pirat Lauer existiert nicht mehr, die Hybris aber lebt noch

Natürlich schimmert durch jede Selbstkritik auch hervor, dass er Fehler nur aus purer Verzweiflung ob der Strukturlosigkeit der Partei begangen habe. Mit ihm wäre es wohl besser gelaufen - den Pirat Lauer mag es nicht mehr geben, aber die Hybris lebt noch. Gleichzeitig beschreibt er auch Momente, falscher politischer Einschätzungen. Offen spricht er davon, dass der Erfolg in Berlin auch das Produkt eines "heimlichen Populismus" gewesen sei. Denn da habe man aus der Not (Ahnungslosigkeit im Detail) eine Tugend gemacht habe und sich außerhalb des Mainstreams gesehen hat. Er selbst sei zunächst wütend gewesen, als er den damaligen Spitzenkandidaten Andreas Baum im Fernsehen gesehen habe, wie der den genauen Schuldenstand Berlins nicht beziffern konnte, doch als er gemerkt habe, dass ihm diese Ahnungslosigkeit sogar positiv ausgelegt worden sei, wurde dies zur Attitüde.

Lauer, der Trittbrettfahrer?

"Aufstieg und Niedergang" - das erinnert an das alte Rom, an ein Imperium. Davon waren die Piraten trotz ihres Höhenflugs weit entfernt. Es erinnert aber auch an Mancur Olson. Der hat das Buch "Aufstieg und Niedergang einer Nation" geschrieben, dem die "Logik kollektiven Handelns" zugrunde liegt, in der Trittbrettfahrer eine zentrale Rolle spielen, weil sie nicht rational im Sinne der Organisation handelten, sondern nur den persönlichen Nutzen im Blick hätten. Vielleicht ein feiner ironischer Schachzug daran zu erinnern, wurde doch Lauer von seinen Kritikern vorgeworfen genauso zu handeln. Doch war Lauer am Ende für die Piraten mehr als ein egoistischer Trittbrettfahrer, denn er hat zusammen mit vielen anderen Berliner Piraten die Probleme der Partei erkannt und benannt - nur fehlte ihnen die Durchsetzungskraft.

Von Netzeuphorikern zu kritischen Netzoptimisten

Ballaballa. Die Piratenpartei zwischen Gaga und großer Netzpolitik.

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Lobo und Lauer zeigen auch ihre Entwicklung von Netzeuphorikern hin zu einer Art kritischer Netzoptimisten auf - vor allem wenn es um digitale Beteiligungsformen und Abstimmungstechniken geht. Denn spätestens durch die Veröffentlichungen der Snowden-Dokumente sei erwiesen, dass Geheimdienste politische Diskussionen und Diskurse im Netz manipulierten. "Das macht die Instrumente der digitalen Demokratie oder der Liquid Democracy nicht grundsätzlich untauglich. Es erfordert aber eine neue Diskussion darüber, wie eine digital wehrhafte Demokratie aussieht, welche Instrumente wie gegen Missbrauch abgesichert werden können", schreiben Lobo und Lauer.

Die Partei ist tot, die Idee lebt weiter

Das Buch wird seinen Stellenwert im Piratendiskurs bekommen, genau wie Lauer wohl den nächsten Shitstorm. Aber ist nun der Zeitgeist über die Piraten hinweggefegt oder haben sich die Piraten selbst erledigt. Für Lauer und Lobo steht fest: die Idee lebt weiter, nur für die Piratenpartei haben sie wenig Hoffnung. "Zwar wurden durch die Piratenpartei viele idealistisch eingestellte Politikneulinge gründlich demotiviert, inklusive der Errichtung eines gleißenden Beispiels, wie digitale Demokratie eben nicht geht. Aber die gesellschaftlichen Grundprobleme, die 2009 zur ersten Piratenbegeisterung führten, sind heute noch immer vorhanden. Vielleicht kann diese Chance noch nicht 2015 oder 2016 genutzt werden, vielleicht sogar nie. Das Wesen einer Chance ist ja, dass sie vertan werden kann und im Vertun waren die Piraten von Beginn an sehr geschickt."

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