Prognosen für den ungeregelten Brexit : Konjunktureinbruch und Riesenstaus

Einige Prognosen für einen ungeregelten Brexit beinhalten furchterregende Fakten. Was könnte auf Unternehmen und Konsumenten zukommen?

Sebastian Borger
Anti-Brexit-Demonstranten protestieren vor dem Parlament in London.
Anti-Brexit-Demonstranten protestieren vor dem Parlament in London.Foto: Reuters/Hannah McKay

Zur Vorbereitung auf den Chaos-Brexit („no deal“) hat London eine Reihe von Arbeitspapieren für diverse Branchen herausgegeben. Das Brexit-Ministerium folgt damit der EU-Kommission, auf deren Website derzeit 70 „Mitteilungen zur Vorbereitung auf den Brexit“ abrufbar sind, wie es in kühler Sprache heißt.

Dahinter verbergen sich furchterregende Fakten. So könnten Airlines mit lediglich britischer Betriebsgenehmigung von Ende März an nicht mehr in den europäischen Luftraum fliegen. Sich einfach als europäisches Unternehmen umzuwidmen, wie es Billigflieger EasyJet mit einem Tochterunternehmen in Wien versucht hat, ist gar nicht so einfach. Der Vorgabe der EU-Kommission zufolge muss ein Luftfahrtunternehmen zu mindestens 50 Prozent EU-Aktionären gehören. Auf der Autobahn M20 von London nach Folkestone und Dover soll ein 20 Kilometer langer Abschnitt bei Bedarf in einen riesigen Lastwagen-Parkplatz verwandelt werden. Doch selbst wenn jede Kontrolle zukünftig nur zwei Minuten länger dauern werde, haben Transportexperten errechnet, würden sich die Fahrzeuge auf beiden Seiten des Kanals binnen weniger Tage mehrere Dutzend Kilometer lang stauen.

30 Prozent seines Nahrungsmittelbedarfs importiert Großbritannien aus der EU. „Und alles beruht auf ,just in time’, um die Lagerkosten niedrig zu halten", erläutert Tim Reardon vom privaten Hafenunternehmen in Dover. Im Umfeld der Nordseehäfen gibt es „kaum noch Warenlager mit Kühleinrichtungen“, sagt Adam Marshall von der britischen Handelskammer.

Für Unternehmen und Konsumenten wäre der ungeregelte Brexit überwiegend negativ

Auch die Prognosen ernstzunehmender Volkswirtschaftler lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Demnach würden große EU-Mitglieder wie Deutschland und Frankreich Einbußen von bis zu einem Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts erleiden, wenn der Handel mit der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt schwieriger würde. Der anglo-irische Handel könnte im schlimmsten Fall sogar um ein Fünftel schrumpfen. Großbritannien selbst sagen Gutachten einen katastrophalen Konjunktureinbruch von bis zu vier Prozent voraus. Das Finanzinstitut IFS sieht jene Bevölkerungsgruppe als Brexit-Verlierer, die besonders begeistert für den Austritt gestimmt hat, nämlich ungelernte Arbeiter mit Hauptschulabschluss.

Auf der Insel beschäftigt die Automobilbranche direkt und indirekt mehr als eine Million Menschen, davon 186.000 in der Montage. Über 80 Prozent ihrer Produkte gehen in den Export, davon mehr als die Hälfte in die EU. Umgekehrt kaufen britische Autofahrer zwei Drittel ihrer Neuwagen vom Kontinent, weshalb auch die 27 EU-Partner an einer Lösung interessiert sein sollten, glaubt die Auto-Lobby SMMT.

Viele Prognosen zum Chaos-Brexit wirken wie Gruselgeschichten, die den Verhandlern beider Seiten einen Kompromiss nahelegen sollen. Doch die Formulierung des Thinktanks UKCE ist nur schwer zu bestreiten: Für Unternehmen und Konsumenten wäre kein Deal „ganz überwiegend negativ“.

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