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Putin sieht Peter den Großen als sein Vorbild.
© Montage: Tagesspiegel / Fotos: imago

Kremlchef will Gebiete „zurückholen und stärken“: Putins Vergleich mit Zar Peter lässt Balten, Polen, Finnen zittern

Berlins Verbündete nehmen die Drohungen ernst, Deutsche weniger. Warum? Die einen waren die Opfer, die anderen die Täter. Eine Analyse.

Wladimir Putin redet ganz offen über seine Ziele. Er will die Sowjetunion zurück. Und noch mehr: Er fordert einen russischen Herrschaftsbereich, wie ihn das Zarenreich hatte.

Das schließt die Baltischen Staaten, Finnland und den Großteil Polens mit ein. Es geht ihm, das spricht er unmissverständlich aus, nicht nur um die Ukraine.

Den 350. Geburtstag von Peter dem Großen am 9. Juni hat der kriegführende Kremlchef für diese Ansage genutzt: „Offenbar ist es auch unser Los: Zurückzuholen und zu stärken.“

Er bezog sich auf die Eroberungen im Ostseeraum von den Schweden durch Zar Peter den Großen im Nordischen Krieg. Damals sicherte sich das russische Reich den Zugang zur Ostsee.

Ob russisch oder nicht: Was die Welt darüber denkt, ist Putin egal

Auch damals habe kein europäischer Staat das Gebiet als russisch anerkannt, sagte der Kremlchef. „Dabei haben dort seit Jahrhunderten neben den finno-ugrischen Stämmen auch Slawen gelebt“.

Überall, wo irgendwann einmal Russen lebten oder herrschten, soll Moskau wieder das Sagen haben. Das ist Putins Weltbild. Er spricht von einer Rückholaktion russischer Erde.

Den meisten Deutschen erscheint das unwirklich, irgendwo zwischen unrealistisch und absurd. Für viele ihrer Bündnispartner im geografischen Raum zwischen Deutschland und Russland klingt es dagegen wie eine sehr ernst zu nehmende Drohung.

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Esten, Letten, Litauer, Finnen, Polen waren bis zum Untergang des Zarenreiches in Folge des Ersten Weltkriegs und der russischen Revolution die Opfer dieses imperialistischen Denkens. Und sie waren es - mit Ausnahme der Finnen - bald darauf wieder: als Konsequenz aus Hitler-Stalin-Pakt, Zweitem Weltkrieg und der Ost-West-Teilung des Kontinents.

Nach 1945 traf es auch Tschechen, Slowaken, Ungarn, Bulgaren, Rumänen - und, nicht zu vergessen, die DDR-Bürger. Die reagieren freilich bis heute anders auf Putin, oft mit einer Verklärung der Sowjetunion, zur großen Verwunderung ihrer vormaligen Schicksalsgenossen im Ostblock. Warum das so ist, dazu gleich mehr.

In den Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ist eine weitere Opfergruppe hinzugekommen. Belarus, Georgien, Moldawien, die Ukraine und andere Ex-Sowjetrepubliken sind jetzt international als souveräne Staaten anerkannt. Doch auch viele ihrer Bürger sehen in Putin und den russischen Herrschaftsansprüchen eine Bedrohung ihrer nationalen Eigenständigkeit. Und haben ein ganz anderes Geschichtsbild als er.

Moralischer Zeigefinger: Bitte keine Vergleiche mit Hitler

Putin hat den Anspruch, den Herrschaftsbereich des Zarenreichs wieder herzustellen, schon mehrfach formuliert. Es ist nicht eine anekdotische Verirrung aus Anlass des 350. Geburtstags von Peter dem Großen.

Putin hat auch in seiner verqueren, mehr als einstündigen Geschichtslektion, mit der er den Angriff auf die Ukraine im Februar begründete, über dieses Ziel gesprochen.

Seine Drohungen lassen in Helsinki, Tallinn, Riga, Wilna, Warschau und weiteren mitteleuropäischen Hauptstädten die Alarmglocken läuten. In Deutschland verdreht man eher die Augen, wenn Putin Dinge sagt, die aus der Zeit gefallen scheinen.

Und hebt im Zweifel noch den moralischen Zeigefinger: Bitte keine Vergleiche Putins mit Hitler. Und besser auch nicht mit anderen deutschen und russischen Herrschern, die ihre slawischen Nachbarn mit Gewalt zu Untertanen machten.

Doch Polens Präsident Duda darf Putin aus polnischer Geschichtsperspektive durchaus mit Hitler vergleichen. Deutsche tun das besser nicht. Nachfahren von Holocaust-Opfern werden den Vergleich aus anderen Gründen ablehnen: weil für sie die Singularität der Shoah im Zentrum steht. Und nicht, weil sie Zweifel daran haben, dass Putin Nachbarvölkern die nationale Identität in ähnlicher Weise abspricht wie Hitler.

Deutschen fehlt das Verständnis, sie haben oft mit den Russen paktiert

Warum nehmen viele Deutsche Putins Ankündigungen weniger ernst als ihre Alliierten, die zwischen Deutschland und Russland leben? Deutsche und Russen waren in der Geschichte die Täter bei der Unterdrückung der kleineren Völker in "Zwischeneuropa". Und paktierten dabei oft miteinander.

Das gilt für die Aufteilung Polens zwischen 1772 und 1918 ebenso wie für den Hitler-Stalin-Pakt. Die Esten, Letten, Litauer, Polen und andere waren hingegen die Opfer des deutschen wie des russischen Imperialismus.

Es macht einen gewaltigen Unterschied im Geschichtsbild, ob man Täter oder Opfer war. Die Deutschen wollen nie wieder so böse sein wie im Dritten Reich. Die Balten, Finnen, Polen, aber auch Israelis haben aus ihrer Geschichte die Lehre gezogen: Wir wollen nie wieder wehrlos sein.

Die Deutschen haben aus der Katastrophe, in die ihr Imperialismus sie geführt hat, die Konsequenzen gezogen. Putin, aber auch sehr viele russische Bürger, leben weiter in der imperialen Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts, bzw. der imperialen Gedankenwelt der Sowjetunion, in der das russische Volk ebenfalls der Kolonialherr war.

Die jeweiligen nationalen historischen Erfahrungen bilden den Resonanzboden für die gefühlten Gefahren der Gegenwart. Eines aber sollte in Europa unumstritten sein: Putins Worte sind ernst zu nehmen. Er handelt so, wie er redet. Die Europäer müssen ihn gemeinsam stoppen.

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