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Krawalle bei EM-Spiel: Russische Botschaften

Polen und die Ukraine – das sind die Gastgeber dieser Fußball-EM. Aber im Hintergrund gibt es noch einen dritten. Nirgendwo wird das so deutlich wie in der Krimstadt Sewastopol. Besonders dann, wenn das Spiel Russland – Polen ansteht.

Aus den Lautsprechern knattert das Geräusch von Hubschrauberrotoren. Die Kamera blendet nach unten auf eine langgezogene Straße, auf rennende Fußballfans von rechts, sie stoßen zusammen mit anderen auf der linken Seite, von vorn kommen Polizisten. Neue Zusammenstöße, in der Luft hängt ein Hauch von Tränengas. Rot-weiß-blaue Fahnen werden eingeblendet, „Dawai, dawai!“, ruft ein Junge, vorwärts, vorwärts! Und: „Russland ist unsere Mannschaft!“ Allgemeine Zustimmung in der Masse. „Dawai, dawai!“

Über den Großbildschirm der Fanmeile von Sewastopol läuft die beängstigende Ouvertüre eines hochsensiblen Fußballspiels. Schlagstöcke bestimmen das Bild. Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Polen gegen Russland, das ist bei einer Europameisterschaft auch heute noch keine Begegnung unter guten Freunden.

Die Polen sind der eine Gastgeber dieses ersten großen Fußballturniers in Osteuropa, der andere ist die Ukraine. Es gibt im Hintergrund noch einen dritten Gastgeber. Einen, über den keiner spricht und der doch allgegenwärtig ist. Und nirgendwo ist die Ukraine so russisch wie in Sewastopol, dem Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte auf der Halbinsel Krim. Etwa 75 Prozent der 400 000 Einwohner haben russische Pässe, in jeder Straße hängen russische Flaggen, und nur vereinzelt flattert mal schüchtern ein blau-gelbes Fähnchen des ukrainischen Souveräns im Wind.

Maksim organisiert das Public Viewing auf der Fanmeile, es ist eher ein Fanmeilchen. Auf der Haupttribüne vom Stadion des FC Sewastopol, ein Stück weiter außerhalb hinter sanften Hügeln. Maksim ist ein Bär von einem Mann, knapp zwei Meter groß, drei Zentner schwer, ein Vollbart überwuchert die untere Hälfte seines runden Gesichts. Er kommt aus dem Westen, aus Lemberg, wo die Ukraine so polnisch inspiriert ist wie Sewastopol russisch.

Das Spiel Polen - Russland in Bildern:

1992, Maksim war gerade 18 und die Ukraine ein paar Monate unabhängig, da wurde er als Kadett zur Schwarzmeerflotte nach Sewastopol eingezogen. In der Sowjetunion war es offiziell egal, zu welcher Sowjetrepublik man gehörte. Maksims Vater kam aus Orenburg an der Wolga, also hatte die Familie halt russische Pässe. „Ein Stück Papier, nicht mehr“, sagt Maksim. Dass da eine halbe Stunde vor dem Spiel russische Hooligans in Warschau marodierend Richtung Stadion ziehen, spielt sich außerhalb seiner Vorstellungskraft ab. „Bei uns im Fanblock stehen Russen, Ukrainer, Polen, Moldauer oder Aserbaidschaner nebeneinander, und keiner weiß vom anderen, welchen Pass er hat. Wir sind alle Sewastopol.“

In der Politik ist das ein bisschen komplizierter. Als Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte besitzt Sewastopol für Moskau eine überragende strategische Bedeutung. Seit bald 250 Jahren ist die Stadt Russlands starker Arm am Schwarzen Meer. Damals eine Speerspitze gegen das Osmanische Reich am Bosporus, heute ein Brückenkopf an der Südostflanke der Nato. Vor vier Jahren liefen russische Kriegsschiffe von Sewastopol nach Poti und machten dort aus der georgischen Miniflotte eine ehemalige Miniflotte. Bei der Rückkehr soll fast die gesamte Stadt die Helden gefeiert haben. Es war ein bisschen wie in den alten Tagen, die auch die Alten hier nur noch vom Hörensagen kennen.

Nach den Schlägereien geht es endlich mit dem Fußball los.

In Warschau geht es nach den Schlägereien vor dem Stadion endlich mit dem Fußball los. Unter den Fans im Stadion des FC Sewastopol sind die Sympathien denkbar einseitig verteilt. Jeder russische Angriff wird mit mit lautem Gejohle unterstützt. „Dawai, dawai!“ Und doch ist die Stimmung entspannt. Keine Pfiffe, wenn der Gegner angreift. Als die Polen ein Tor schießen, fällt das Stadion in tiefes Schweigen. Und bricht Sekunden später in Jubel aus. Der Schiedsrichter hat Abseits gepfiffen.

In der russischen Mythologie hat Sewastopol einen festen Platz als Heldenstadt. Im Krimkrieg widerstand die Stadt zwischen November 1854 und September 1855 elf Monate lang der Belagerung von Franzosen, Engländern und Osmanen und war am Ende doch nur ein Trümmerfeld. Im Zweiten Weltkrieg eroberte Hitlers Wehrmacht nach 250-tägiger Belagerung die Stadt und plante schon die Umbenennung in Theoderichshafen, doch im Mai 1944 war die Rote Armee wieder da. Die Russen sprechen bis heute nicht von Belagerungen. Sondern, mit angemessenem Pathos, von der ersten und zweiten Verteidigung Sewastopols. Die dritte ist der seit dem Zerfall der Sowjetunion anhaltende politische Kleinkrieg mit der Ukraine.

Im Stadion des FC Sewastopol kommt Stimmung auf. Russland schießt das erste Tor, das Publikum brüllt geschlossen: „Rossia! Rossia!“ Schnell neues Bier holen, gleich ist Halbzeit. Maksim erzählt, dass er früher auch mal Fußball gespielt hat. Für den FC Karpaty in seiner Heimatstadt Lemberg. Karpaty gilt als der Verein der Rechten, die am liebsten alle Ausländer davonjagen würden und zuerst die Russen. Der gebürtige Lemberger Maksim sagt, dass er im Alltag kaum noch Ukrainisch spricht, „weil hier nun mal alle Russisch sprechen. Alle verstehen Ukrainisch, aber keiner spricht es.“

Video von den Ausschreitungen:

Als Kind hat Maksim gar nicht gewusst, dass die Krim zur Ukraine gehört. Die Sommervillen der politischen Elite in Jalta, die Schwarzmeerflotte in Sewastopol – russischer ging es doch kaum noch. 1954 machte Nikita Chruschtschow mit einem Verwaltungsakt und gegen die Verfassung der Sowjetunion aus der russischen eine ukrainische Provinz. Nach offizieller Lesart war es ein Geschenk zum Dank für den heroischen Einsatz im Großen Vaterländischen Krieg. Aber eigentlich ging es Chruschtschow nur darum, die Versorgung der im Krieg verwüsteten Ukraine mit Lebensmitteln und Energie möglichst effizient zu organisieren, und dafür musste die Krim aus Kiew regiert werden. Später investierte Moskau in die Schwarzmeerflotte und baute den Hafen von Sewastopol zum Stützpunkt für Atom-U-Boote aus. Die Heldenstadt wurde abgeriegelt, Zutritt hatten nur Militärs und politisch zuverlässige Kader.

Im Juni 2012 fällt es schwer, sich in die Zeit der verbotenen Stadt zurückzuversetzen. Sewastopol ist ein kleines Paradies. Eine freundliche Stadt mit schneeweißen Villen. Kinder baden an den Stränden im Stadtzentrum und quieken vor Begeisterung, wenn mal wieder ein Delfin aus dem Wasser hüpft. Junge Frauen stöckeln auf viel zu hohen Schuhen und mit viel zu langen Beinen über die Promenade, begleitet von jungen Männern mit breiten Schultern und raspelkurzen Haaren, die sonst von Matrosenmützen bedeckt werden. Ein düsterer Flottenstützpunkt sieht anders aus. Zur Kulisse gehören auch: antike Kanonen, goldene Sowjetsterne, eine Kapelle für Afghanistan-Veteranen auf einem Hügel weit über der Stadt. Reliquien untergegangener Epochen, die eher kitschig denn bedrohlich wirken. Ein zaristisch-sowjetisches Disneyland am Schwarzen Meer. Touristen lassen sich vor verrosteten Kriegsschiffen fotografieren. Die richtige Schwarzmeerflotte liegt weiter draußen in kleinen Buchten versteckt.

Im Ausland sei wohl ein falsches Bild entstanden.

Im Fußballstadion verschwinden die letzten Sonnenstrahlen hinter den Hügeln über Sewastopol. Die Stimmung ist gedrückt. Polen hat das Tor zum 1:1 geschossen, Polen ist besser, Polen drückt. Es ist wie früher im Autokino: schummriges Licht, der Rücken zwickt, und alle warten nur noch darauf, dass es irgendwann vorbei ist. Maksim erzählt von einem polnischen Spieler, der beim FC Sewastopol unter Vertrag steht, „aber er ist heute nicht hier“. Wie sich der Mann mit seinen Kollegen verständigt? Natürlich auf Russisch. Maksim sagt, ein Problem zwischen den Russen und den anderen Nationalitäten habe es in Sewastopol nie gegeben. „Das ist eine Sache der Politiker, damit haben die normalen Leute nichts zu tun.“ Weil aber im Ausland vor allem über politische Kontroversen debattiert werde, sei da wohl ein falsches Bild entstanden.

Das ging schon kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion Ende 1991 los. Die unabhängige Ukraine wollte das schöne Geschenk am Schwarzen Meer nicht mehr hergeben, die Russische Föderation als Rechtsnachfolger der UdSSR nicht auf die Krim und schon gar nicht auf den Flottenstützpunkt Sewastopol verzichten. 1993 erklärte das russische Parlament Sewastopol zu russischem Territorium, was die Ukrainer nicht daran hinderte, ein Jahr später die lange Zeit geheime und verbotene Stadt der Außenwelt zu öffnen. Erst 1997, als Russland für zunächst 20 Jahren den Hafen pachtete, entspannte sich die Lage.

Maksim leitet heute das Marketing des FC Sewastopol. Die 90er Jahre hat er als Funker miterlebt und spricht im Rückblick von einer „guten Lösung für beide Seiten. Manche Leute sagen, dass wir fremde Staatsbürger sind und in diesem Land eigentlich nichts zu suchen haben. Aber die Russen waren doch schon immer hier.“ Und was wäre Sewastopol ohne den Hafen? „Die Wirtschaft würde mit Sicherheit leiden“, sagt Maksim.

Es noch gar nicht lange her, da erschien dieses Szenario sehr wahrscheinlich. 2008 nach dem Georgien-Krieg, den auch die in Sewastopol stationierten russischen Kriegsschiffe geführt hatten. Der damalige ukrainische Staatspräsident Viktor Juschtschenko wollte den Pachtvertrag mit den Russen nicht verlängern und der Nato beitreten, worauf Moskau damit drohte, auch die Ukraine ins Visier seiner Atomraketen zu nehmen. Doch Juschtschenko und seine orangene Revolution sind Geschichte. Sein Nachfolger Viktor Janukowitsch sucht wieder Anschluss nach Osten, und eine seiner ersten Amtshandlungen war es, den Pachtvertrag mit den Russen bis 2047 zu verlängern.

In Warschau geht das Spiel zu Ende. Der letzte Ansturm der Polen ist überstanden. Erleichterung macht sich breit auf der Tribüne des Sewastopoler Stadions. 1:1, das ist ein gutes Ergebnis für die Russen, ihnen reicht im letzten Spiel ein Unentschieden, gegen Griechenland, wo ist das Problem?

Beschwingt treten die gut 1000 russischen Fußballfreunde den Rückzug an. Schicke Cabrios und alte Ladas fahren hupend die Hügel hinunter in die Innenstadt und drehen noch ein paar Runden über den Matrosen-Boulevard. Junge Männer lehnen sich aus den Fenstern, sie wedeln mit russischen Fahnen und singen fröhliche Lieder. Die ausgelassene Stimmung steht in bemerkenswertem Kontrast zur Randale ihrer Landsleute vor dem Warschauer Stadion. Erste Meldungen über Verletzte und Festnahmen machen die Runde. Interessiert Maksim alles nicht. Warschau und die russischen Hooligans sind weit weg. Viel wichtiger ist Donezk, dort spielen am am Freitag die Ukrainer gegen Frankreich. „Ein schweres, aber auch ein großes Spiel, wir freuen uns schon alle. Glauben Sie mir, da wird hier ein bisschen mehr los sein.“

Ukrainische Fußballpartys in der russischen Stadt? Maksim lacht. „Warum nicht?“ Mit den Staatsangehörigkeiten sei das so ähnlich wie mit Fußballklubs. „Du respektierst alle, weil sie zusammen in einer Liga spielen. Aber es gibt halt nur einen, dem dein Herz gehört.“ Und was ist sein Klub? Maksim, der Mann mit dem russischen Pass aus dem polnisch inspirierten Lemberg, der als Funker der russischen Schwarzmeerflotte in der verbotenen Stadt Sewastopol diente und seit 20 kaum noch Ukrainisch spricht – Maksim also sagt, ohne zu zögern: „Mein Klub ist die Ukraine!“

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