Russland : Putins Volkssprechstunde

Zum 16. Mal löst Russlands Präsident die Probleme der Bürger live im Fernsehen. Die TV-Show ist Stimmungstest für den Kreml – und für viele die letzte Hoffnung auf Hilfe.

Frank Herold Jutta Sommerbauer
Wladimir Putin, Präsident von Russland, beantwortet bei der jährlichen TV-Show «Direkter Draht» die Fragen von Bürgern.
Wladimir Putin, Präsident von Russland, beantwortet bei der jährlichen TV-Show «Direkter Draht» die Fragen von Bürgern.Foto: Mikhail Klimentyev/dpa

Mehr als zwei Millionen Bürger hatten in diesem Jahr ein Anliegen an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Erneut nimmt sich das Staatsoberhaupt am Donnerstag in seiner traditionellen TV-Sprechstunde sehr viel Zeit, um die Fragen zu beantworten. Inflation und Steuerbelastung, der Konflikt mit dem Westen, Probleme mit der überbordenden Bürokratie, Lücken im Sozialsystem, Mängel im Gesundheitswesen, die schlechte Infrastruktur im Fernen Osten – das waren dringliche Fragen während der Sendung „Der direkte Draht zu Wladimir Putin“, die zum 16. Mal stattfand.

Es ist eine aufwändige Inszenierung, und eine sehr wichtige und aufschlussreiche für den Kreml. Die Fragen trafen per Anruf, Mail, SMS ein, Menschen aus allen Regionen wurden während der Sendung zugeschaltet. Die TV-Show spiegelt Stimmungen im Land: Wo ist die Unzufriedenheit groß und warum? Putin zeigt sich in der Rolle des allrussischen Problemlösers für viele Verzweifelte, die sich mit ganz alltäglichen Themen an ihn wenden.

So einfach geht Politik

Da meldet sich etwa der Lkw-Fahrer aus St. Petersburg in einem Videocall aus seiner Fahrerkabine. Er regt sich über die permanent steigenden Benzinpreise auf. „Halten Sie das auf!“, fordert er von Putin. Er könne nicht glauben, dass der Präsident den Autofahrern schaden wolle. Putin schaltet den Energieminister Alexander Nowak zu, der – blass vor seinem Schreibtisch sitzend – verspricht, dass es zu keinen Preissteigerungen mehr kommen werde: „Sehr geehrter Wladimir Wladimirowitsch, wir kümmern uns darum.“ So einfach geht Politik. Der Präsident deutet an, er könne die russischen Ölkonzerne mit Exportzöllen auf Treibstoff belegen, um das Angebot auf dem Binnenmarkt zu stabilisieren.

Standesgemäß in einer Wolkenkratzeretage von Moskau-City sind Blogger als Vertreter der kreativen Klasse versammelt. Sie bleiben zahm. Ein bärtiger junger Mann erkundigt sich, ob Youtube und Instagram gesperrt würden. Nein, versichert Putin. Wisse der Präsident von dem Online-Dienst Telegram, der seit Wochen von der Internetaufsicht blockiert wird? Die vage Antwort: Leichter als alles andere seien Verbote, „schwieriger ist es, eine zivilisierte Lösung zu finden“.

Erprobt und bewährt

Elf Mal hat Putin die Fragen des Volkes als Präsident beantwortet, und vier Mal als Premierminister. Das Format ist erprobt und hat sich bewährt. Aber es war auch ein wenig langweilig geworden – vor allem dem Protagonisten, so hatte man beim letzten Mal den Eindruck. Deshalb gibt es ein paar Neuerungen. In diesem Jahr sind keine Zuschauer im Studio und der Präsident ist virtuell auch nicht mehr ganz allein. In einer Video-Schalte halten sich die Gouverneure einiger Regionen bereit. Das sei ein geschicktes Manöver, meint der Politologe Gleb Pawlowski. So könne Putin kritische Fragen gleich von sich weg und an die lokalen Autorität ableiten. „Putin steht über allen Problemen des Landes, lautet die Botschaft“, sagt Pawlowski. Er war viele Jahre einer der Kampagnen-Manager für Putin, inzwischen hat er sich jedoch in einen Kreml-Kritiker gewandelt.

Scharfe Warnung an die Ukraine

Auch zur Außenpolitik wurde Putin natürlich befragt, zum Konflikt in der Ukraine beispielsweise. Die Aussage Putins ist unmissverständlich: Sollte sich Kiew zu Provokationen während der Fußball-WM hinreißen lassen, hätte das „schwere Folgen für die Staatlichkeit der Ukraine“.

Die Fragestunde läuft schon fast drei Stunden, da liest Putin eine besorgte Anfrage vor, in der das Staatsoberhaupt familiär mit der Koseform seines Vornamens angesprochen wird: „Wolodja bist Du nicht müde?“ Lächelnd sagt der Präsident: „Bis jetzt nicht.“ Es bleibt offen, ob sich die Antwort auf die mehr als vier Stunden lange TV-Sendung bezieht oder vielleicht auf seine Position an der Spitze Russlands.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

32 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben