Sexualisierte Gewalt gegen Frauen : Was hinter dem Hass rechter Männer steckt

Politikerinnen wird im Netz Vergewaltigung und Tod angedroht – mit Hass auf ihre Parteien und Positionen hat das nur wenig zu tun.

Joana Nietfeld
Die Landtagsabgeordnete Katharina Schulze (Bündnis 90/Die Grünen) schaut in ihr Handy.
Die Landtagsabgeordnete Katharina Schulze (Bündnis 90/Die Grünen) schaut in ihr Handy.Foto: Sven Hoppe/dpa

Katharina Schulze kritisiert die Missstände der deutschen und europäischen Asylpolitik scharf. In einem im Netz verbreiteten Video erklärte die bayerische Grünen-Fraktionsvorsitzende: „Ich habe keinen Bock, dass alte weiße Männer, weil sie mit Vielfalt nicht zurechtkommen, unsere Zukunft verspielen.“ Die AfD postete daraufhin auf ihrer Facebook-Seite: „Paranoia. Katharina Schulze, die bayerische Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, sieht sich überall von ,weißen Männern‘ umzingelt und bedroht.”

In der Kommentarspalte unter dem Post hetzen die Anhänger (hauptsächlich weiße Männer, wie die Profilbilder verraten) weiter gegen die 34-Jährige, wünschten ihr den Tod, Krankheiten und Vergewaltigung.

Rechtsradikaler Hass trifft vor allem Politikerinnen – und er trifft sie besonders dort, wo die Angreifer anonym bleiben können: im Internet. Ein Rechercheteam des britischen Nachrichtensenders BBC und das Institute for Strategic Dialogue (IDS) haben jetzt herausgefunden, dass ihr Name auf der Facebook-Seite der AfD häufiger genannt wurde als auf der Facebook-Seite der eigenen Partei.

Das Frauenbild der Rechten verträgt sich nicht mit dem Leben von Politikerinnen

„Nicht meine politischen Aussagen werden diskutiert, nein, ich bin entweder zu blond, zu dick, zu klein oder zu jung, gehöre vergewaltigt oder nicht mal mit der Kneifzange angefasst“, sagt Schulze. Und weiter: „Das Frauenbild der Rechten verträgt sich so gar nicht mit Frauen, die klar und deutlich ihre Meinung vertreten, die in der Öffentlichkeit stehen und Politik gestalten. Und ihren hassenden Chauvinismus können sie natürlich besonders im anonymen Internet ausleben.“

Schulze ist kein Einzelfall, im Internet tummeln sich Fotos und Bewegtbilder, die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit riesigem Ausschnitt zeigen, oder Vergewaltigungsphantasien, die sich gegen die Grünen-Abgeordnete Renate Künast richten. Auch Männer sind von rechten Drohungen und Beleidigungen betroffen.

Vor der BBC meldet sich Martin Sichert, bayerischer Landesvorsitzender der AfD, zu Wort: Auch er habe diffamierende Kommentare über sein Aussehen erhalten. Er sei unter anderem als „dickes braunes Schwein“ beleidigt worden. Doch Nachforschungen der BBC ergaben, dass der AfD-Abgeordnete eine weitaus geringere Zahl despektierlicher Kommentare erhielt als Katharina Schulze.

50 Prozent der Hasskommentare geht von 5 Prozent der Nutzer aus

Patriarchale Strukturen sind seit Jahrhunderten tief in der Gesellschaft verankert und frauenfeindliche Kommentare gibt es schon länger als das Internet, doch die Anhäufung sexistischer Kommentare aus dem rechten Lager sind auffällig. „Dabei handelt es sich oft um relativ kleine Gruppen, die aber extrem aktiv sind und Bots einsetzen“, sagt Heidi Tworek, Professorin an der British Columbia Universität in Vancouver.

Laut einer Studie des NDR geht die Hälfte der Likes bei Hasskommentaren auf nur fünf Prozent der Nutzer zurück. Das Institute for Strategic Dialogue analysierte, dass rechte Netzwerke international agieren und Politikerinnen und Politiker besonders in Wahlkämpfen gezielt attackieren. Vor der Landtagswahl in Bayern ließ sich ein vermehrter Datenverkehr auf russische Server zurückverfolgen.

„Frauen werden von diesen Rechten möglicherweise als Bedrohung wahrgenommen, weil sie im öffentlichen Leben auftreten und so das herkömmliche Familienbild zerstören“, sagt Tworek. Dabei richte sich ihr Hass nicht nur gegen das Geschlecht, sondern er sei häufig auch rassistisch motiviert. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli löschte aufgrund rechter Hassbotschaften ihren Facebook-Account.

Positive Tweets als mögliche Bekämpfung?

Dafür erhielt Chebli 9000 Likes für einen Post, in dem sie ankündigt, nicht auch noch ihren Twitter-Account löschen zu wollen, sondern ihre Stimme weiter „gegen Rechts, gegen Rassisten, Muslimfeinde und Antisemiten“ zu erheben.

Auch Katharina Schulze will sich von der rechten Rhetorik nicht einschüchtern lassen: „Ich werde nicht klein beigeben und die Werte, die ich wichtig finde, weiterhin nach außen tragen und mich auch klar und deutlich dazu äußern.“ Auch im Internet stehe man nicht über dem Gesetz. Beleidigungen, Drohungen, Einschüchterungen werden von ihr und ihrem Team konsequent bei der Polizei angezeigt. „Der Rest wird gelöscht“, sagt Schulze.

Ob diese Methode hilft, sexistische und rassistische Kommentare zu minimieren, bleibt fraglich. Heidi Tworek schlägt positive Tweets als mögliche Bekämpfung von Hassbotschaften vor.

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