Sibiriens Taiga brennt : Warum das Löschen viel zu spät begann

Ein Gebiet so groß wie Griechenland steht in Flammen. Doch Provinzfürsten taten nichts – und haben dabei das Gesetz auf ihrer Seite.

Tausende Quadratkilometer Wald stehen allein im Krasnojarsker Gebiet in Flammen.
Tausende Quadratkilometer Wald stehen allein im Krasnojarsker Gebiet in Flammen.Foto: Emergency Situations Ministry Press Service/AP/dpa

In jedem Jahr brennt in Sibirien die Taiga, doch so schlimm wie jetzt war es noch nie. Nach Angaben der russischen Sektion von Greenpeace steht seit Wochen ein Gebiet so groß wie Griechenland in Flammen: 130000 Quadratkilometer. Der Rauch zieht in die weit entfernten Großstädte Irkutsk und Krasnojarsk, der Himmel verdunkelt sich. Greenpeace hat berechnet, dass durch die Brände 166 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre gelangt sind. Das ist eine Menge, wie sie 36 Millionen Autos in einem Jahr freisetzen.

Anfang August hat nun der russische Präsident Wladimir Putin tausende Einsatzkräfte des Katastrophenministeriums und der Streitkräfte in die Region beordert. Alexander Uss, der Gouverneur der Region Krasnojarsk, reagierte überschwänglich: „Von ganzem Herzen möchte ich im Namen der Krasnojarsker unserem Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin und dem Verteidigungsministerium für ihre Hilfe danken“, erklärte er.

Zwei Tage vorher hatte Gouverneur Uss auf einem Treffen mit Studenten ganz anders geklungen: Brandbekämpfung sei „sinnlos und möglicherweise sogar schädlich“, sagte er dort. „Wenn es im Winter kalt ist, entsteht Nebel. Niemandem würde es in den Sinn kommen, die Eisberge abzuschmelzen, damit es ein bisschen wärmer wird. Ich denke, ähnlich verhält es sich mit den Waldbränden.“

Verantwortliche tun, was im Gesetz steht: gar nichts

Die gewaltigen Flächenbrände in den warmen Sommern Sibiriens haben tatsächlich auch etwas mit Gewittern und Selbstentzündung zu tun – aber ebenso mit der russischen Gesetzgebung. Mehr als 90 Prozent der brennenden Flächen liegen in so genannten Kontrollierten Zonen. Für diese Gebiete ist seit 2015 festgelegt, dass die regionalen Behörden gar nichts tun müssen, wenn die Kosten des Löschens höher liegen, als der durch den Brand entstehende Schaden. Wenn der Wald als wirtschaftlich nicht nutzbar gilt, liegt der Schaden bei Null. Langfristige Faktoren, wie die Gefahren für die Gesundheit der Menschen oder die Folgen eines Auftauens des Dauerfrostbodens, kennt das Gesetz nicht. Also tun Verantwortliche wie Gouverneur Uss das, was im Gesetz steht: gar nichts. Die örtlichen Behörden handeln aber auch deshalb nicht, weil sie gar keine Ressourcen für eine effektive Brandbekämpfung haben. In der Folge der Gesetzesregelung sind nämlich gleich auch finanzielle Mittel für den Schutz des Waldes einfach gestrichen worden.

Wie immer, wenn sich Moskau Vorgängen in der Provinz zuwendet, führt das bei den lokalen Behörden zu einer Mischung aus Erleichterung und Furcht. Erleichterung, weil man nun die Verantwortung an eine höhere Instanz los ist – und Furcht weil dann meist Köpfe rollen. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt inzwischen in rund 700 Fällen. Dabei geht es um Versäumnisse, aber auch um einen Verdacht. Es gibt bereits starke Indizien, dass mit gezielter Brandstiftung die Spuren illegaler Rodungen beseitigt worden sind.

Doch die Taiga wird mehr noch durch ganz legalen Holzeinschlag und den Export von Schnittholz nach China bedroht. „Eine der größten Ängste der Russen vor den Chinesen ist, dass sie all unsere sibirischen Wald abholzen“, schrieb Vita Spiwak die Asien-Expertin der Moskauer Carnegie-Stiftung. Das Thema wird in den sozialen Netzwerken mit hoher Emotionalität diskutiert. Die für die chinesische Möbelproduktion abgeholzenten Flächen werden nicht wieder aufgeforstet. Auf riesigen Flächen bleiben Zweige und Späne zurück – die die Waldbrand-Gefahr weiter erhöhen.

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