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In der Region Luhansk soll ein Kollaborateur bei der Explosion seines Autos getötet worden sein.
© /Telegram/@sprotyv_official
Update

Partisanenkampf gegen Kollaborateure: So operiert der ukrainische Widerstand in russisch besetzten Gebieten

Aus den von Russland besetzten Gebieten in der Ukraine mehren sich die Berichte über Attentate auf Kollaborateure. Sie sollen sich nicht mehr sicher fühlen.

Ukrainische Partisanen haben es offenbar auf Beamte der russischen Besatzungsverwaltungen abgesehen. Vergangene Woche „sprengten Partisanen einen der Organisatoren des ‚Referendums‘ im vorübergehend besetzten Melitopol in die Luft“, teilte das ukrainische Widerstandszentrum mit. Der Beamte soll in ein Krankenhaus eingeliefert worden sein. Sein derzeitiger Gesundheitszustand ist unklar.

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Partisanen übernehmen inzwischen einen wichtigen Teil im ukrainischen Abwehrkampf gegen den russischen Angriffskrieg. Erst vergangene Woche rief Präsident Wolodymyr Selenskyj die Bewohner in den von Russland besetzten Gebieten zum Widerstand auf. Sie sollten den ukrainischen Streitkräften über sichere Kanäle Informationen zum Feind oder über Kollaborateure übermitteln, sagte Selenskyj am Mittwoch in seiner allabendlichen Videoansprache.

Der mutmaßliche Anschlag auf den Besatzungsbeamten in Melitopol ist nur der jüngste Angriff auf Kollaborateure, die mit Russland zusammenarbeiten. „Die Aktion fand im Rahmen der Jagd nach Kollaborateuren statt, die den Russen dabei helfen, die Besetzung zu ‚legalisieren‘“, rechtfertigt das Widerstandszentrum den Angriff. Kollaboration sei „schlecht für die Gesundheit“. Einen Tag zuvor wollen die Partisanen einen Besatzungsbeamten in der Region Luhansk mittels Autobombe getötet haben.

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Zahlreiche Besatzer fallen mutmaßlich Partisanen zum Opfer

Ebenfalls vergangene Woche soll Vladimir Saldo, von den Besatzern eingesetzter Bürgermeister von Cherson, gestorben sein, berichtet die spanische Tageszeitung „El Mundo“. Der Mann sei Anfang August plötzlich erkrankt, berichten mehrere Medien. Am 6. August musste er demnach zur weiteren Behandlung nach Moskau ausgeflogen werden.

Russland führt Saldos Tod auf einen Herzinfarkt infolge einer Infektion mit dem Coronavirus zurück. Der „New York Times“-Reporter Michael Schwirtz hingegen berichtet, dass der Kollaborateur von ukrainischen Partisanen vergiftet worden sein soll. Eine Operation, die offenbar mehrere Monate geplant wurde. Im März, knapp einen Monat nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, war bereits dessen Assistent in Cherson erschossen worden, berichtet das Nachrichtenportal „Newsweek“.

Schon Anfang August starb laut Angaben der russischen Besatzungsverwaltung in Cherson ein Mann namens Vitaly Guru. Der stellvertretende Leiter der Verwaltung der besetzten Stadt Nowa Kachowka habe am 6. August bei einem „Attentat“ in seinem Haus mehrere Schussverletzungen erlitten, berichtete die russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf Kreise der Besatzungsbehörden. Wenig später gab eine Behördenvertreterin den Tod des Kollaborateurs bekannt.

Partisanen sprechen Warnungen aus

In den besetzten Gebieten tauchen derweil Plakate auf, die den russischen Besatzern und deren Sympathisanten drohen. „Verräter können sich nicht verstecken“, soll laut „El Mundo“ eine der Botschaften lauten. Zudem seien in Cherson blutverschmierte und in russische Uniformen gekleidete Schaufensterpuppen aufgestellt worden. Auf Plakaten sei zu lesen gewesen: „Moskau ist 500 Kilometer entfernt, aber unsere Armee ist nur zehn Kilometer entfernt.“

Die spanische Zeitung vergleicht die ukrainischen Partisanen mit Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, die die Angreifer hinter den feindlichen Linien angreifen, terrorisieren und „mit Messern, Kugeln oder Gift töten“. In dem Blockbuster kämpft eine Starbesetzung während des Zweiten Weltkriegs im Feindesland gegen die nationalsozialistischen Besatzer in Frankreich.

Die Widerstandsbewegung überwache die Kollaborateure genau, warnte das ukrainische Zentrum für strategische Kommunikation und Informationssicherheit am 12. August via Telegram. Sie kenne „jeden mit Gesicht und Namen“.

Die Botschaft ist klar: Ukrainer sollen es sich zweimal überlegen, mit den russischen Besatzern zusammenzuarbeiten. Dass sich die Mordpläne der ukrainischen Partisanen nicht nur auf kollaborierende Politiker beschränkt, zeigt der Angriff auf den Blogger Valery Kuleshov. Mehrere Medien berichteten Ende April, dass der prominente prorussische Blogger in seinem Auto in Cherson erschossen wurde.

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„El Mundo“ berichtet, dass diese Angriffe und Aktionen aus Kiew koordiniert werden. Neben Zivilisten seien regelmäßig auch eingeschleuste Soldaten an den Aktionen beteiligt. Einige Beobachter führen auch die Explosionen auf einem russischen Luftwaffenstützpunkt im Westen der annektierten Krim vor einer Woche auf Saboteure und ukrainische Spezialeinheiten zurück.

Bei einer weiteren Explosion am Dienstag auf einem russischen Militärstützpunkt auf der Schwarzmeerhalbinsel wurde unter anderem ein Munitionsdepot beschädigt, berichten russische Nachrichtenagenturen. Das Verteidigungsministerium in Moskau spricht von einem „Sabotageakt“. Der Leiter des ukrainischen Präsidialamts, Andrij Jermak, lobte die Detonation als „Meisterleistung der ukrainischen Streitkräfte“. Ob Partisanen beteiligt waren, ist unklar.

Partisanen markieren Ziele und sabotieren Nachschubrouten

Auch die ukrainische Artillerie hinter den Frontlinien sei auf Informationen der Partisanen angewiesen. So markieren sie etwa Ziele für die Himars-Raketenwerfer. Durch den taktischen Einsatz in der Region Cherson haben die Verteidiger drei wichtige Brücken über den Dnipro zerstört. Die Besatzer können Nachschub nun nur noch beschwerlich über den Fluss bringen.

Teilweise würden die Partisanen aber auch selbst Sabotageaktionen gegen Nachschublinien durchführen. Das ukrainische Widerstandszentrum teilte Ende Juli ein Foto einer beschädigten Eisenbahnstrecke bei Telegram. „In der Region Saporischschja haben lokale Partisanen das Feuer des ukrainischen Militärs auf die Eisenbahngleise gerichtet, und in der Region Luhansk haben Unbekannte die Verteilerstraße der Gleisverwaltung lahmgelegt.“

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„Das Ziel ist es, den Besetzern zu zeigen, dass sie nicht zu Hause sind, dass sie sich nicht einleben und dass sie nicht bequem schlafen können“, erklärt einer der Partisanen im Interview mit der „New York Times“. Dabei ist die Definition von Kollaborateuren, die in das Visier der Partisanen gerät, sehr weit. So gehören etwa Polizisten und Verwaltungsbeamte, die für die Besatzer arbeiten, zu möglichen Zielobjekten.

Aber auch Lehrkräfte, die im kommenden Schuljahr den russischen Lehrplan unterrichten, zählen für die Partisanen dazu. „Die Russen wollen nach ihrem Programm lehren, nicht nach der Wahrheit“, zitiert die „New York Times“ einen anderen Partisanen. „Ein Kind ist anfällig für Propaganda und wird, wenn es nach diesem Programm erzogen wird, zu einem Idioten wie die Russen. Ein Lehrer, der zustimmt, nach dem russischen Programm zu unterrichten, ist ein Kollaborateur.“

Gegenüber der Zeitung machen die Partisanen aber klar, angreifen wollen sie die Lehrkräfte nicht. Mögliche Aktionen seien demütigende Flugblätter. Nicht als Kollaborateure soll medizinisches Personal, Feuerwehrleute sowie Mitarbeitende von Versorgungsunternehmen gelten, auch wenn sie unter den Besatzern arbeiten.

Ausbildung der Partisanen aus Kiew gesteuert

Für ihre Attacken stehen den Partisanen eine Vielzahl an Waffen und explosivem Material zur Verfügung, berichtet die „New York Times“. Viele dieser Untergrundkrieger sind für den Partisanenkampf trainiert. Seit der massiven Aufstockung der russischen Truppen an den Grenzen der Ukraine hätten die ukrainischen Spezialkräfte Zivilisten in militärischen Taktiken, Waffenkunde und Bombenbau ausgebildet.

Aber auch nach dem Beginn des Angriffskrieges gingen die Ausbildungsbemühungen weiter. Die Schulungsorte werden regelmäßig verlegt, um einem möglichen russischen Angriff vorzubeugen, zitiert die Zeitung einen ukrainischen Militärangehörigen, der anonym bleiben wollte. Auch unter den verschiedenen Partisanengruppen gibt es keinen Kontakt. Geplant würden die Missionen von den ukrainischen Spezialkräften sowie dem Militärgeheimdienst.

Und auch die russischen und prorussischen Besatzer scheinen die Aktionen der Partisanen nicht kalt zu lassen, schreibt der Think Tank „Institute for the Study of War“ (ISW) in einem seiner neuesten Lageberichte zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Mutmaßlich haben prorussische Truppen bei Mariupol einen russischen Hubschrauber abgeschossen.

Den russischen Besatzern sei es bisher noch nicht gelungen, eine der Partisanengruppen zu identifizieren, berichtet „El Mundo“. Ihr nächstes Ziel dürfte es sein, die geplanten Anschlussreferenden in den besetzten Gebieten mit aller Macht zu verhindern. (mit dpa/AFP)

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