SPD-Kritikerin Simone Lange : „Wir müssen jetzt konsequent sein“

Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange wollte selbst SPD-Chefin werden. Im Interview erklärt sie, wieso das Groko-Aus eine Option sein sollte.

Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD).
Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD).Foto: dpa/Soeren Stache

Reicht das für den Neustart? Auf dem Parteitag in Berlin stimmten 75,9 Prozent der Delegierten für die Digitalpolitikerin Saskia Esken als neue SPD-Vorsitzende. Ihr Mitbewerber, der frühere NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans, erhielt 89,6 Prozent der Stimmen. Zuvor hatten sich die beiden eher linken Kandidaten in einer Mitgliederbefragung deutlich gegen Vizekanzler Olaf Scholz und Klara Geywitz durchgesetzt.

Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange wollte ursprünglich auch SPD-Chefin werden – im September erklärte sie ihren Verzicht zugunsten von Esken und Walter-Borjans. 2018 hatte sie in einer Kampfkandidatur gegen die damalige Parteichefin Andrea Nahles überraschend 27 Prozent der Stimmen erhalten. Manche Kritiker sagen, Lange habe damit die Krise ihrer Partei mitverursacht. Im Interview erklärt Lange, wie sie ihre Rolle sieht und was sie vom Parteitag erwartet.

Frau Lange, der Parteitag hat die beiden neuen Parteichefs mit sehr ehrlichen Ergebnissen ins Amt gewählt. Sind Sie überrascht?
Das Ergebnis ist ein ehrliches und zugleich großartiges. Es zeigt, wo unsere Partei gerade steht. Ich habe davor schon getippt, dass Norbert Walter-Borjans etwa 90 Prozent bekommt und Saskia Esken etwas weniger. Die neuen Vorsitzenden stehen damit besser da als manche Vorgänger.

Dennoch wirkten die Delegierten bislang eher verhalten. Reicht das für den Neustart?
Da bin ich mir sicher. Die beiden Vorsitzenden haben in ihren Reden das angesprochen, was die Partei jetzt braucht. Es waren gute Reden, nicht nur wegen des Inhaltes, sondern auch wegen des Tonfalls. Es war eine Klarheit, verbunden mit Demut. Das brauchen wir gerade beides in unserer Lage. In der Vergangenheit haben wir das nicht immer gehört. Ich finde, wir sollten den frischen Wind jetzt aufgreifen und gemeinsam weitermachen.

Im vergangenen Jahr stimmten mehr als 27 Prozent der Parteitagsdelegierten für Sie als neue SPD-Chefin, im Sommer wollten Sie erneut Vorsitzende werden. Warum kandidieren Sie nicht für den Vorstand?
Es geht nicht um mich und ich wirke ja als Oberbürgermeisterin von Flensburg.

. . . das hat Sie doch auch nicht davon abgehalten, für den Vorsitz zu kandidieren.
Das ist richtig. Aber ich habe mich entschieden, mich nicht zu bewerben, um unserer Kandidatin Serpil Midyatli die besten Chancen zu geben. Dass sie jetzt sogar für den Vize-Posten vorgeschlagen wurde, freut mich persönlich sehr. Es muss jetzt jeder in unserer Partei seinen Platz ausfüllen.

Der Leitantrag des Parteivorstands sieht Gespräche mit der Union vor, fordert perspektivisch einen Mindestlohn von 12 Euro und einen höheren CO2-Preis - aber kein kurzfristiges Ende der GroKo. Reicht Ihnen das?
Ich bin ja nie davor zurückgeschreckt, meine Meinung offen zu sagen. Und ich finde, da geht noch mehr. Der Leitantrag muss nachgeschärft werden, so wie es ein Initiativantrag fordert. Wir müssen klare Regeln finden, an welchem Punkt wir die Große Koalition wirklich verlassen wollen. Ich weiß, dass das schwer ist. Aber wir müssen in dieser Sache jetzt konsequent sein. Ich habe keine Angst vor Neuwahlen.

Das Motto des Parteitags ist „In die neue Zeit“ – was heißt das für Sie?
Wir müssen unseren Blick wieder weiten. Wir müssen uns fragen: Was ist denn unsere Zukunftsvision, wie soll denn die Welt in 10 Jahren aussehen? Die Bundestagsfraktion macht im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr gute Arbeit. Aber die Partei muss wieder die Richtung vorgeben. Ich wünsche mir, dass die Mitglieder wieder ein großes Bild entwerfen und die Leute in der Regierung dann schauen, wie wir das umgesetzt kriegen.

Seit dem Rücktritt von Andrea Nahles im Sommer steckt die Partei noch tiefer in der Krise als zuvor. Sie haben 2018 mit Ihrer Kandidatur gewissermaßen den Anfang vom Ende ihrer Karriere eingeläutet. Fühlen Sie sich manchmal eigentlich schuldig? 
Nein. Absolut nicht. Dass die SPD heute so dasteht, liegt nicht an mir. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren die Ergebnisse halbiert und viele Mitglieder verloren. Meine Kandidatur war ein Angebot, das zu ändern. Dazu kann ich heute noch gut stehen.

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