Syrien-Politik der USA : „Trump hat die Kurden verraten“

In den USA gibt es scharfe Kritik an dem Truppenabzug aus Nordsyrien – besonders aus einer für Präsident Donald Trump gefährlichen Ecke.

Demonstranten protestieren vor dem Weißen Haus gegen den US-Truppenabzug in Nordsyrien.
Demonstranten protestieren vor dem Weißen Haus gegen den US-Truppenabzug in Nordsyrien.Foto: Andrew CABALLERO-REYNOLDS

Auf Twitter in den USA sind gerade zwei Hashtags besonders beliebt: #TrumpGenocide und #TrumpBetrayedTheKurds. Die Empörung über den von vielen als Verrat an den verbündeten Kurden empfundenen Truppenabzug der USA in Nordsyrien ist enorm – selbst bei Unterstützern von US-Präsident Donald Trump. Mit dem Sonntagnacht verkündeten Schritt hatte Trump den Weg für einen türkischen Angriff auf von Kurden kontrollierte Gebiete in der Grenzregion frei gemacht.

Scharfe Kritik daran kam etwa von dem eigentlich als trumployal geltenden Senator Lindsey Graham. "Dies ist die Mentalität vor dem 11. September, die den Weg für den 11. September ebnete: Was in Afghanistan passiert, geht uns nichts an. Wenn er damit weitermacht, ist dies der größte Fehler seiner Präsidentschaft", sagte er dem US-Sender "Fox News". In dem von Trumps Republikanern dominierten Senat gab es aber auch in der Vergangenheit schon mehrfach Unmut über die außenpolitischen Alleingänge des Präsidenten.

Noch größere Sorgen müsste Trump sich über die Kritik machen, die aus einer für ihn ungewohnten Ecke kommt: von einflussreichen evangelikalen Christen, die eigentlich fast geschlossen hinter diesem Präsidenten stehen. Mehr als 80 Prozent der weißen Evangelikalen stimmten nach Angaben von NBC News 2016 für Trump.

"Völlig entsetzt" äußerte sich beispielsweise der erzkonservative Fernsehprediger Pat Robertson, einer der Gründer der Christian Coalition of America, am Montag in seiner Sendung "The 700 Club". Trump gefährde mit der "absolut entsetzlichen" Entscheidung sein "himmlisches Mandat". Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sei ein Gewaltverbrecher und Diktator, kein Verbündeter der USA. Derselbe Präsident, der zugelassen habe, dass der Journalist Jamal Khashoggi "ohne jegliche Folgen in Stücke geschnitten wurde, lässt nun zu, dass Christen und Kurden von den Türken abgeschlachtet werden".

Dass die Evangelikalen sehr besorgt über die Lage der christlichen Minderheit in Syrien und überhaupt im Nahen Osten sind und die Kurden als deren Beschützer ansehen, könnte Trump wissen. Genauso, dass die Türkei die Existenz dieser Minderheit in ihren Augen gefährdet. So schrieb Tony Perkins von der US-Kommission für Religionsfreiheit: "Eine türkische Invasion ist eine große Bedrohung für Kurden und Christen."

Abstruser historischer Vergleich

Trump verteidigte sich erneut mit der Aussage, er habe immer angekündigt, sich aus "endlosen" und "sinnlosen" Kriegen zurückziehen zu wollen. Auch wehrte er sich gegen den Vorwurf, die Kurden im Stich gelassen zu haben, die im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" einer der wichtigsten Verbündeten der USA waren. Diese hätten nur gegen den IS gekämpft, um ein eigenes Territorium zu bekommen. Dann bemühte er einen abstrusen historischen Vergleich: "Sie haben uns nicht im Zweiten Weltkrieg geholfen, sie haben uns nicht mit der Normandie geholfen."

Sorgen, dass der türkische Einmarsch in das kurdische Gebiet die Sicherheit der USA gefährde, weil dort auch rund 11.000 ehemalige IS-Mitglieder von den Kurden interniert werden, habe er nicht, erklärte Trump. Sollten diese nun entkommen, "dann entkommen sie nach Europa. Da wollen sie hin". Damit spielte er auf den seiner Ansicht nach mangelnden Kooperationswillen europäischer Staaten in der Frage an, was mit inhaftierten IS-Kämpfern geschehen soll, die aus Europa stammen. Seit Monaten hätten die Europäer ihre Staatsbürger zurücknehmen und ihnen den Prozess machen können, sagte er. Das sei nicht geschehen. "Wie immer gab es keinen fairen Deal für die USA."

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

10 Kommentare

Neuester Kommentar