Trumps Pressekonferenz zum Coronavirus : Wo ist Dr. Fauci?

In der Task Force des US-Präsidenten zum Coronavirus ist nicht Vize Pence der wichtigste Mann – sondern der Wissenschaftler Anthony Fauci. Aber bleibt er das?

US-Präsident Donald Trump und Dr. Anthony Fauci bei einer Pressekonferenz am 17. März 2020
US-Präsident Donald Trump und Dr. Anthony Fauci bei einer Pressekonferenz am 17. März 2020Foto: Reuters/Jonathan Ernst

Wenn der Trend auf Twitter Recht hat, dann machen sich in den USA gerade sehr viele Menschen sehr große Sorgen. "#NoDrFauci" lautet ein Hashtag, der am Montagabend schon zigtausendmal verwendet worden ist. Auch "#WhereIsFauci" trendet gewaltig.

Denn bereits den zweiten Tag in Folge fehlt auf dem Podest des Briefing Rooms des Weißen Hauses der Mann, der vielen Amerikanern das Gefühl gibt, dass die Handlungen der US-Regierung derzeit von Vernunft geleitet sind. Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem Präsident Donald Trump eine baldige mögliche Kursänderung im Umgang mit der Coronavirus-Krise in Aussicht stellt.

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Inmitten all der Nachrichten über exponentiell steigende Infizierten-Zahlen und um geeignete Schutzkleidung flehende Ärzte und Krankenschwestern kündigt der Präsident Erstaunliches an: Er verspricht, dass Amerika "bald wieder offen für Geschäfte" sein werde. "Die Beschwernisse werden enden, sie werden bald enden", sagte er. Er spreche da eher von Wochen als von Monaten, bis das "normale Leben" zurückkehre und die Wirtschaft sich erholen werde. Amerika sei nicht für einen "Shutdown" gemacht.

Die Frage des Tages, ob Dr. Fauci diese Einschätzung teile, ob die Amerikaner also schon bald wieder mit dem "Social Distancing" aufhören könnten, beantwortet Trump schön doppeldeutig: "He doesn't not agree", was man wohl so verstehen kann, dass Fauci eben nicht offen widerspricht. Er habe "Verständnis" geäußert, sagt Trump noch.

Dr. Fauci ist Experte für Infektionskrankheiten

Anthony Fauci, bereits 1984 unter Präsident Ronald Reagan zum Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten ernannt, ist ein hoch angesehener Wissenschaftler. Offenbar ist er auch ein raffinierter Berater, der weiß, wie er seine Botschaften unterbringt, selbst wenn sie dem Empfänger nicht gefallen. Seit Jahrzehnten gilt Fauci als einer der renommiertesten Experten für Infektionskrankheiten in den USA. Deswegen ist er Teil der Task Force des Präsidenten in der Coronakrise, und deswegen, so die Hoffnung, hält Trump auch weiterhin an ihm fest.

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Dass das nicht selbstverständlich ist, spricht eben auch für "Dr. Fauci". Der 79-Jährige muss nichts mehr beweisen. Daher kann der kleine, schmale Mann mit der knarzigen Stimme sich offenbar auch herausnehmen, dahin geplapperte Aussagen des Präsidenten im Nachhinein zu korrigieren. Und davon gibt es einige.

"Ich kann nicht vor die Mikrofone springen"

Etwa, wenn Trump davon spricht, dass China das Virus angeblich drei, vier Monate lang verschwiegen hat. Nein, dies sei so nicht richtig, stellte Fauci in einem bemerkenswerten Interview mit dem Magazin "Science" klar. Und fügte dann noch drei Sätze hinzu, von dem man nicht sicher sein kann, dass es den Präsidenten nicht doch massiv verärgert. "Aber ich kann nicht vor die Mikrofone springen und ihn wegdrücken. Okay, er hat es gesagt. Versuchen wir, es für das nächste Mal zu korrigieren." Trump habe eben seinen eigenen Stil. Aber der Präsident höre auf ihn, sagte Fauci selbstbewusst.

Das bringt ihm Anerkennung in den Medien, es ist ja auch mutig, Trump öffentlich bloßzustellen. Aber: Ist es auch übermütig? Müsste er nicht vorsichtiger sein? Das werden die nächsten Tage zeigen.

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Schon vor ein paar Tagen waren die Sorgen gewachsen, dass es Trump jetzt wirklich reichen könnte. Da ging die Videosequenz eines Briefings viral, in der Fauci sein spontanes Grinsen hinter vorgehaltener Hand zu verbergen suchte. Der Präsident schräg rechts vor ihm hatte sein eigenes Außenministerium da gerade das "Deep State Department" genannt, in Anspielung an den "deep state", den tiefen Staat beziehungsweise die übergriffige Bürokratie, die er angeblich bekämpft.

Faucis Grinsen gegen die stoische Miene des Vizepräsidenten

Faucis Versuch, angesichts von Trumps abstrusen Aussagen nicht vor laufenden Kameras loszuprusten, ist so herrlich menschlich - vor allem, wenn man es mit der immer gleichen ausdruckslosen Mine des Vizepräsidenten Mike Pence vergleicht, der auf Trumps anderer Seite steht. In anderen Momenten, bei denen man Fauci bei seiner Selbstbeherrschung meint zuschauen zu können, hat er die Arme vor seinem Oberkörper verschränkt. Abwehrend sieht das aus. Kein Wunder, sind manche Aussagen Trumps doch aus wissenschaftlicher Sicht so haarsträubend, dass auch Laien verstehen können, dass sie unsinnig sind.

Aber Trump sieht das alles nicht, fragen sich viele ungläubig, oder ist es ihm egal? Die Antwort könnte ganz einfach sein: Vielleicht kann er es sich schlicht nicht leisten, Fauci in dieser schwierigen Situation zu verlieren.

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Am Montag klingt der Präsident diesbezüglich zumindest ganz entspannt. "Er ist ein guter Mann. Ich mag Dr. Fauci sehr", sagte er bei seiner jeden Tag länger werdenden Pressekonferenz. Dieses Mal sind es fast zwei Stunden, die großen Sender übertragen einen Großteil der letzten Stunde gar nicht mehr. Fauci sei diesmal nur deshalb nicht dabei, sagt Trump, weil er bei einem Treffen der Coronavirus-Arbeitsgruppe sei. Er werde aber bald wieder mit auf dem Podium sein, versichert Trump. US-Medien verweisen dagegen auf Faucis Umfeld, das verbreite, der gefragte Wissenschaftler habe einfach Besseres zu tun, als stundenlang schweigend hinter dem Präsidenten zu stehen.

Trump macht Differenzen öffentlich

Dabei macht Trump am Montagabend sogar erstmals Differenzen im Team seiner Berater öffentlich. Differenzen zwischen den Gesundheitsexperten und den Wirtschaftsexperten, zu denen er sich selbst zählt. "Wenn es nach den Ärzten ginge, würden sie vielleicht sagen: Lasst es abgeschottet, lasst uns die die ganze Welt abschotten."

Für eine Wirtschaftsmacht wie die USA sei das aber langfristig keine Lösung, sagt Trump. "Wir können nicht zulassen, dass die Heilung schlimmer ist als das Problem." Eine lang anhaltende Unterbrechung der Wirtschaft würde letztlich zu mehr Toten führen als das Coronavirus.

Dann vergleicht er die Zahl der Toten durch das Coronavirus noch mit den Verkehrstoten, wegen derer man ja auch nicht gleich das Autofahren verbiete. Spätestens jetzt hätte man gerne Dr. Faucis Reaktion gesehen.

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