• „Übertragungsrisiko durch Kinder scheint gering“: Mediziner fordern komplette Öffnung von Schulen und Kitas

„Übertragungsrisiko durch Kinder scheint gering“ : Mediziner fordern komplette Öffnung von Schulen und Kitas

Die sozialen Folgen von Schul- und Kita-Schließungen in der Corona-Pandemie seien gravierend, sagen vier Fachgesellschaften. Sie wollen eine rasche Öffnung.

Die Öffnung der Schulen ist umstritten. (Symbolfoto)
Die Öffnung der Schulen ist umstritten. (Symbolfoto)Foto: dpa/Mascha Brichta

Gesundheitsexperten streiten über den richtigen Zeitpunkt für weitere Schul- und Kitaöffnungen in der Corona-Pandemie. Vier medizinische Fachgesellschaften rufen nun Bund, Länder und Kommunen auf, die Einrichtungen so bald wie möglich wieder komplett zu öffnen. Sie begründeten dies mit geringen Infektions- und Ansteckungsraten insbesondere bei Kindern unter zehn Jahren.

Der SPD-Gesundheitsexperte und Epidemiologe Karl Lauterbach warnte jedoch vor möglichen Virusausbrüchen in Schulen. Die Gewerkschaft ver.di forderte am Dienstag einen besseren Infektionsschutz für Kita-Beschäftigte.

Die Fachgesellschaften schreiben in ihrem gemeinsamen Papier, die Daten aus vielen Untersuchungen wiesen in eine Richtung: Kinder und Jugendliche seien nicht die treibende Kraft der Pandemie. Im Gegensatz dazu seien die sozialen und gesundheitlichen Folgen der Schließungen gravierend, betonen die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland.

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„Abstandswahrung und Maskentragen unnötig“

Die Bedeutung von Schul- und Kitaschließungen auf die Dynamik der weiteren Infektionsausbreitung werde als gering eingeschätzt, heißt es weiter in dem Papier, über das zuerst die „Neue Osnabrücker Zeitung“ berichtet hatte. Kindertagesstätten und Grundschulen sollten daher möglichst zeitnah wiedereröffnet werden. Das Risiko für Lehrer, Erzieher, Betreuer und für Eltern lasse sich durch Einhaltung der wichtigen Hygieneregeln seitens der Erwachsenen und der Jugendlichen ausreichend kontrollieren.

In Kindertagesstätten und Grundschulen sei eine Öffnung nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung „aufseiten der Kinder ohne massive Einschränkungen“ möglich, schreiben die Experten in ihrer Stellungnahme. „Kleinstgruppenbildung und Barriereschutzmaßnahmen wie Abstandswahrung und Maskentragen“ seien unnötig. Schüler in weiterführenden Schulen könnten aktiver in den Hygieneschutz einbezogen werden, etwa durch Abstandswahrung und das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung.

Die Medizingesellschaften äußerten auch Kritik an einer Untersuchung des Charité-Virologen Christian Drosten, ohne diesen namentlich zu nennen. Die Zulässigkeit einer darin enthaltenen Schlussfolgerung zu einem mutmaßlich gleich hohen Infektionsrisiko bei Kindern und Erwachsenen könne bezweifelt werden, erklärten sie. Die Untersuchung von Drosten und weiteren Experten beruhte auf einer Analyse der Viruskonzentration im Rachen von Kindern. Die Autoren warnten als Konsequenz vor einer uneingeschränkten Wiederöffnung von Kindergärten und Schulen.

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Lauterbach warnt

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach sagte dagegen, die Öffnung der Schule könne ein großes Problem werden, denn es fehle an geeigneten Hygienekonzepten, um einen guten Unterricht zu ermöglichen. „Halber Unterricht, doppelte Hausaufgaben ist zu kurz gedacht“, sagte der Epidemiologe der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Virusausbrüche in Schulen seien nicht ausgeschlossen.

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di äußerte sich besorgt über Schritte zur Öffnung von Kitas. Dabei kämen die Belange des Arbeits- und Gesundheitsschutzes für die Beschäftigten zu kurz, erklärte ver.di am Dienstag in Berlin. Statt in kleinen Gruppen werde in Kitas teilweise mit Gruppen bis zur Normalgröße gearbeitet. Zudem würden zum Teil Beschäftigte, die besonders gefährdeten Risikogruppen angehörten, zum Gruppendienst herangezogen. Ein solches Vorgehen sei unverantwortlich, erklärte die Gewerkschaft. Sie forderte regelmäßige Viren- und Antikörpertests für Beschäftigte und Kinder. (epd)

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