Umgang mit Rassentrennung : Kamala Harris bringt Joe Biden bei TV-Debatte in Bedrängnis

In der zweiten TV-Debatte der Demokraten wird Joe Biden hart angegangen – von einer starken Kamala Harris. Werden seine Jahrzehnte in der Politik zur Belastung?

Bei der Begrüßung konnte Joe Biden noch lachen: Senatorin Kamala Harris betritt die Arena in Miami.
Bei der Begrüßung konnte Joe Biden noch lachen: Senatorin Kamala Harris betritt die Arena in Miami.Foto: Drew Angerer/Getty Images/AFP

Kurz bevor sie ihre erste Attacke ausführt, dreht Kamala Harris sich fast entschuldigend nach rechts zu Joe Biden. Doch, vermittelt sie, auch wenn es schmerzt, sie muss das jetzt sagen. "Das ist der Punkt, an dem ich mit der Regierung (des ehemaligen Präsidenten Barack Obama) nicht übereinstimmte." Sie sei damals dagegen gewesen, dass Einwanderer ohne Dokumente abgeschoben wurden. Es könne doch nicht sein, dass ein Vergewaltigungsopfer sich nicht traue, Anzeige zu erstatten, "aus Angst, deportiert zu werden". Das sei einfach nur falsch! Großer Applaus.

Joe Biden war damals Vizepräsident der Vereinigten Staaten, und an diesem Donnerstagabend, beim zweiten Tag der TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftskandidaten, geht es auch darum, ob der 76-Jährige noch zur heutigen Zeit, zur heutigen Demokratischen Partei passt.

Heute sagt Biden ja auf die Frage, ob Menschen ohne Dokumente vor Abschiebung geschützt sein sollen, wenn sie sich ansonsten nichts zuschulden haben kommen lassen. Er will aber nicht zugeben, dass er seine Meinung geändert hat. Das lässt ihm die Moderatorin nicht durchgehen. Unter Obama seien mehr als drei Millionen Immigranten abgeschoben worden - und bestätigt damit das, was die kalifornische Senatorin Harris sagt.

Der Treffer geht tief

Die wiederholt das Ganze etwas später noch einmal, als es um Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft geht. Jetzt ist sie geübt: Dieses Mal trifft der Stoß mit voller Wucht, man kann es Biden ansehen. "Vizepräsident Biden, ich glaube nicht, dass Sie ein Rassist sind." Aber dass er vor wenigen Tagen seine frühere Zusammenarbeit mit Anhängern der Rassentrennung im Kongress lobend hervorhob, habe weh getan, sagt die Tochter eines Jamaikaners und einer Inderin.

Dann wirft sie ihm vor, als Senator in den 1970er Jahren die Praxis des „busing“ abgelehnt zu haben - dabei wurden Kinder zu Schulen in anderen Bezirken gefahren, um die Integration vor allem schwarzer Schüler zu ermöglichen und die Trennung zwischen Schwarzen und Weißen aufzuheben. Dies sei eine Entscheidung gewesen, die ein kleines Mädchen in Kalifornien verletzt habe. "Dieses kleine Mädchen war ich", sagt Harris, und man hört der 54-Jährigen an, wie emotional dies für sie offenbar ist. Bidens Erklärung, warum er sich damals so verhalten habe, geht unter.

Dass gerade Harris Biden so hart angeht, ist eine Überraschung. Nicht, dass Biden unter Beschuss steht, das war angesichts seines soliden Vorsprungs zu erwarten. Sondern dass Harris die Attacken ausführt und nicht der parteilose, linke Senator aus Vermont, Bernie Sanders, der in vielen Politikfragen ganz andere Ansichten hat als der ein Jahr jüngere Biden - und als Kamala Harris. Die frühere Staatsanwältin zeigt ihrer Partei damit eindrucksvoll, wie es aussehen würde, wenn sie den Amtsinhaber herausfordern würde. Und sie zeigt Biden seine Grenzen auf. Dem hat der 38-jährige Abgeordnete Eric Swalwell zuvor schon zugerufen, er solle "den Stab weitergeben". "Ich halte den Stab immer noch fest", hat Biden da entgegnet.

Joe Biden war der Favorit

Bis zu diesem Abend war die Meinung vieler Demokraten, dass Joe Biden derjenige ist, der die besten Chancen hat, Donald Trump im November des kommenden Jahres zu schlagen. Seine "Wählbarkeit", er gilt als moderat und Politiker des Ausgleichs, und seine jahrzehntelange Erfahrung wurden immer wieder hervorgehoben. Er führt in den Umfragen, und auch beim Spendensammeln liegt er vorne. Seine Taktik war es von Anfang an, so zu tun, als ob es bereits um den Kampf gegen Trump geht, und nicht erst darum, wer sich im innerparteilichen Ringen durchsetzt. Auch am Donnerstagabend greift er gleich in seiner ersten Antwort den Mann im Weißen Haus an, und das wird er in den folgenden zwei Stunden immer wieder tun.

Joe Biden, Bernie Sanders und Kamala Harris bei der TV-Debatte der Demokraten in Miami.
Joe Biden, Bernie Sanders und Kamala Harris bei der TV-Debatte der Demokraten in Miami.Foto: Drew Angerer/Getty Images/AFP

Auch Bernie Sanders und Kamala Harris nutzen ihre ersten 60-Sekunden-Wortbeiträge - die Regeln für die TV-Debatte sind streng -, um den republikanischen Präsidenten mit scharfen Worten zu attackieren. Sanders nennt Trump einen "pathologischen Lügner" und "Rassisten". Aber sie kritisieren eben auch Biden, der doch eigentlich eine harmonische Botschaft vermitteln will.

Auf einmal wirken seine Jahrzehnte in der Politik nicht mehr wie ein Vorteil, sondern wie eine Belastung. Denn natürlich hat er im Laufe der Zeit auch ab und an mal seine Meinung geändert und neue Positionen eingenommen. Das kann ihm gefährlich werden, haben Experten immer wieder gewarnt. Zum Beispiel beim Thema Krankenversicherung: Hier hebt er wie alle anderen Kandidaten die Hand auf die Frage, wer dafür sei, dass auch Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis versichert sein sollten - in seiner Zeit als Vizepräsident hat er das noch anders gesehen.

Der zweite Tag der Debatte ist deutlich schärfer

Die deutlich schärfere Atmosphäre ist der Hauptunterschied beim zweiten Tag der TV-Debatte in Miami. Da sich inzwischen bereits 24 demokratische Politiker berufen fühlen, Donald Trump herauszufordern, musste die Diskussion auf zwei Tage aufgeteilt werden, jeweils zehn Kandidaten durften auf die Bühne im Studio des Fernsehsenders NBC News.

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Senatorin Warren dominiert erste TV-Debatte von US-Demokraten
Senatorin Warren dominiert erste TV-Debatte von US-Demokraten

Anders als am ersten Abend, als Elizabeth Warren die einzige große Favoritin war, sind am zweiten Abend mit Biden, Sanders, Harris und Pete Buttigieg, dem jungen, schwulen Bürgermeister aus South Bend, der sich in den vergangenen Wochen ins vordere Feld katapultiert gar, gleich vier Schwergewichte versammelt. Da entscheidend zu punkten, ist eine fast unlösbare Aufgabe für die verbleibenden sechs Kandidaten, darunter die New Yorker Senatorin Kirsten Gillibrand und der Tech-Unternehmer Andrew Yang, der bisher vor allem im Internet für Aufsehen sorgt. Und so wird es auch laufen, obwohl vor allem Gillibrand immer wieder versucht, die Debatte an sich zu ziehen.

Eine Atempause erhält Biden, als die Moderatoren sich nach einer Stunde Pete Buttigieg zuwenden. Der ist vorbelastet in diesen Abend gegangen: Seitdem ein weißer Polizei einen schwarzen Mann in seiner Heimatstadt in Indiana erschossen hat, kämpft er damit, den afroamerikanischen Einwohnern in South Bend glaubhaft zu vermitteln, dass er das schwelende Rassismus-Problem auch wirklich angehen will. Kriegt er diese Debatte in einer 100.000-Einwohnerstadt nicht in den Griff, so glauben viele, wird er kaum die Chance bekommen, zu beweisen, dass er auch große Politik kann.

Auf die Frage, warum nach sechs Jahren, die er als Bürgermeister bereits Verantwortung trage, die Polizei immer noch hauptsächlich weiß sei, bekennt er: "Ich habe versagt, weil ich das nicht hingekriegt habe." Diese Bereitschaft, Fehler offen einzugestehen, macht Eindruck beim Publikum. Es wird vielleicht nicht sein stärkster Abend sein, dafür dominiert die Biden-Harris-Kontroverse. Aber Buttigieg, der jüngste Kandidat, hat gezeigt, dass er debattieren kann und klare inhaltliche Vorstellungen hat. Das sind gute Voraussetzungen, denn es folgen noch elf weitere TV-Debatten in diesem und im kommenden Jahr.

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