US-Demokraten im Konflikt mit Virginias Schwarzen : Political Correctness als Bumerang

Amerikas Linke möchte Virginias Gouverneur wegen "Blackfacing"-Fotos zum Rücktritt zwingen. Doch die schwarzen Wähler wollen ihn behalten. Ein Kommentar.

Christoph von Marschall
(FILES) In this file photo taken on October 19, 2017 Democratic Gubernatorial Candidate Ralph Northam speaks during a campaign rally in Richmond, Virginia. - How far do we go in holding politicians accountable for offensive behavior from their past? What if that behavior evoked the darkest chapters of American history, from slavery to segregation? (Photo by JIM WATSON / AFP) / TO GO WITH AFP STORY by Issam AHMED: "Racism and redemption: Virginia blackface row sparks national debate"
(FILES) In this file photo taken on October 19, 2017 Democratic Gubernatorial Candidate Ralph Northam speaks during a campaign...Foto: AFP

Was verbindet die Aufarbeitung des Rassismus in Amerikas Südstaaten und die Wahlaussichten von Donald Trump mit Polenwitzen in Deutschland? Ein Übermaß an moralischem Antrieb kann wie ein Bumerang wirken. Und: "Political Correctness" führt in die Irre, wenn man die Maßstäbe von heute auf frühere Jahrzehnte anwendet, ohne die gesellschaftlichen Normen jener Zeit zu berücksichtigen.

Der weiße Gouverneur von Virginia, Ralph Northam, galt lange als ein Vorbild, wie Demokraten in der Ära Trump Wahlen gewinnen können: ein Pragmatiker ohne ideologischen Überschwang, politisch in der Mitte des Parteienspektrums verankert und damit für Parteilose akzeptabel. Vor zwei Wochen tauchte ein Foto aus dem Jahrbuch zum Studienabschluss auf, das angeblich ihn in rassistischer Pose zeigt. Er soll entweder die Person sein, die mit geschwärztem Gesicht als Afroamerikaner posiert, oder die daneben unter einer Ku-Klux-Klan-Haube. Prompt fordern die demokratischen Präsidentschaftskandidaten seinen Rücktritt.

Laut Umfrage unterstützen Schwarze den angeblichen Rassisten

Doch nun zeigt eine Umfrage der "Washington Post": Die vermeintlichen Opfer solchen Posierens, die Afroamerikaner, wollen gar nicht vor Northam geschützt werden. Die Wähler Virginias insgesamt sind zwar mit 47 zu 47 Prozent gespalten, ob er im Amt bleiben kann. Unter schwarzen Bürgern des Südstaats hat Northam aber eine klare Mehrheit. 58 Prozent der Afroamerikaner in Virginia wollen den weißen Gouverneur behalten.

Für den linken Parteiflügel war die Rücktrittsforderung eine klare Sache. Es tut zwar weh, einen erfolgreichen Gouverneur aus den eigenen Reihen stürzen zu sehen. Aber wer Donald Trumps Rücktritt wegen seiner herabwürdigenden Formulierungen über Schwarze, Latinos und Frauen forder, der muss ebenso harte Maßstäbe an Parteifreunde anlegen.

Das so genannte "Blackfacing" - das Schwärzen des Gesichts zur Kostümierung - wollen progressive Kreisen in den USA heute als Indiz für einen herablassenden Umgang mit schwarzen Mitbürgern verstehen. Damals jedoch, als Northam studierte, war die Verkleidung als Afroamerikaner populär. Es dürfte sehr viele Politiker und Gesellschaftsgrößen in den USA geben, die in der Jugend "Blackfacing" betrieben haben. Sollen sie alle zurücktreten, sobald Bilder auftauchen, die das dokumentieren?

"Blackfacing" war Teil der Populärkultur, oft gar nicht in böser Absicht

Erst durch den Konflikt um Northam kommt heraus, dass "Blackfacing" über Jahrzehnte Teil der Folklore und der Populärkultur war. Und es steckten keineswegs immer böse Absichten dahinter. Schwarze galten als die besseren Musiker. Weiße Universitäten hatten Chöre und Orchester, deren Mitglieder ihre Gesichter schwärzten und mit ihren Auftritten um Spenden warben. Fernsehshows arbeiteten mit der Methode.

Die heutige Etikettierung von "Blackfacing" als rassistisch führt zu dem Umfrage-Phänomen, dass viele Amerikaner diese Verkleidung aus ihrer Umgebung kennen, aber kaum jemand sich dazu bekennen möchte, es selbst gemacht zu haben. Wer gestandene Politiker wegen eines Verhaltens in Jugendjahren, das heute als problematisch gilt, aber damals akzeptiert war, verurteilt, liefert Donald Trump die Vorlagen für seine Tiraden über falsch verstandene "Political Correctness"

Die Erfahrungen mit dem Fall Northam in den USA legen auch für Deutschland gewisse Schlüsse nahe: Man sollte es mit dem moralischen Rigorismus nicht übertreiben. Und sollte Ereignisse, die Jahrzehnte zurückliegen, nach den Maßstäben ihrer Zeit beurteilen.

Würde ein deutscher Ministerpräsident über Polenwitze stürzen?

Nach dem Mauerfall und der Öffnung der Grenzen im Osten waren in Berlin Polenwitze in Mode, die die östlichen Nachbarn als Autodiebe brandmarkten. Zum Beispiel: "Woran erkennt man, dass noch kein Pole im Weltraum war? Der große Wagen ist noch da." Sprüche wie "Kaum gestohlen, schon in Polen" führten viele unbedarft im Munde. Oder: "Fahren Sie nach Polen, Ihr Auto ist schon dort."

Würde heute ein führender Politiker, womöglich von der AfD, sich so äußern, gäbe es einen Aufschrei. Zu Recht. Was aber wäre, wenn ein Video vom Anfang der 1990er Jahre auftaucht, in dem eine Person, die heute Ministerpräsident eines Bundeslandes ist oder eine führende Rolle in einer Partei hat, solche Zoten erzählt?

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!