Völkermord an Herero und Nama : Wann wird sich Deutschland entschuldigen?

Union und SPD haben sich in ihrem Koalitionsvertrag die Aufarbeitung der Kolonialzeit vorgenommen. Doch die größten Gräuel sparen sie aus.

Vertreter der Herero und Nama aus Namibia klagen vor einem New Yorker Gericht gegen die Bundesregierung.
Vertreter der Herero und Nama aus Namibia klagen vor einem New Yorker Gericht gegen die Bundesregierung.Foto: picture alliance / Johannes Schmitt

Mit Glasscherben in der Hand mussten die Frauen ihren toten Männern, Brüdern und Söhnen das Fleisch von den Knochen schneiden. Die Skelette wurden dann zur „Rasseforschung“ nach Deutschland verschifft. Die Frauen, Angehörige der Herero und Nama, waren Gefangene deutscher Kolonialtruppen. Die führten zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Vernichtungskrieg in „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia. Rund 100 000 Menschen fielen dem Völkermord zum Opfer. Sie wurden in Ketten gelegt, in Konzentrationslagern ausgehungert, zu Tode gefoltert und erhängt.

Jahrzehntelanges Schweigen

Jahrzehntelang ignorierten Bundesregierungen dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte. Nun haben sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag die „Aufarbeitung des Kolonialismus“ vorgenommen. Doch die Umsetzung kommt nur schleppend voran. Bei den Hinterbliebenen der Opfer wachsen Enttäuschung und Frustration.

Nach mehr als 100 Jahren sollen zumindest einige der menschlichen Überreste aus den ehemaligen Kolonien ihre letzte Ruhe finden. Am 29. August werden sie im Französischen Dom in Berlin feierlich an Vertreter aus Namibia übergeben. Schädel, Knochen, Hautstücke aus Sammlungen der Berliner Charité und aus Instituten in ganz Deutschland. Es ist die dritte Veranstaltung dieser Art.

Die erste Schädel-Übergabe in Berlin endete 2011 in einem politischen Desaster. Die afrikanischen Vertreter fühlten sich verhöhnt vom Auftreten der Deutschen. Als die damalige FDP-Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, mit monotoner Stimme eine Erklärung vorlas, wurde sie von den angereisten Herero und Nama auf offener Bühne ausgepfiffen. Sie hatten sich von der Bundesregierung eine Entschuldigung für den Völkermord an ihren Vorfahren erhofft. Doch darauf warten sie bis heute.

Nun soll ein erneuter Eklat verhindern werden. Wer Ende August bei der Zeremonie in Berlin eingeladen ist, wurde streng geregelt. Die Staatsführung in Windhuk hat die namibischen Gäste handverlesen, um sicherzustellen, dass keine Kritiker wie der Herero-Anführer Vekuii Rukoro dabei sind - obwohl es Menschen wie ihm zu verdanken ist, dass das Thema heute auf der Tagesordnung steht. Seit Jahren setzen sich Aktivisten wie Rukoro für die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte ein.

Berlin grundsätzlich zur Entschuldigung bereit

„Meine Name wurde ausgeschlossen“, sagt der Herero-Chef über die Gästeliste für Ende August, „weil ich gegen Deutschland vor Gericht gezogen bin.“ Seit März 2017 klagen Rukoro und einige Mitstreiter vor einem New Yorker Gericht gegen die Bundesregierung. Sie wollen eine offizielle Entschuldigung sowie Entschädigungszahlungen erwirken. Die Erwartungen sind hoch, von bis zu 35 Milliarden Euro ist in namibischen Medien die Rede. Berlin beruft sich auf die „Staatenimmunität“ und argumentiert, das Gericht in Manhattan sei nicht zuständig. Schadenersatz zu leisten, lehnt die deutsche Seite strikt ab, zu einer Entschuldigung ist Berlin aber grundsätzlich bereit.

Wie das Verfahren in New York ausgeht, ist offen. Unangenehm ist es für die Bundesregierung allemal. Ist Deutschland doch sonst so stolz auf das eigene Geschichtsbewusstsein. Dass sich die Angehörigen der Genozid-Opfer zu rechtlichen Schritten gegen die Bundesregierung gezwungen sehen, werten Aktivisten und Politiker in Namibia und Deutschland als Versagen der deutschen Diplomatie. „So weit hätte es aus meiner Sicht nicht kommen müssen“, sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby. Man hätte frühzeitig auf die Nachfahren der Opfer zugehen sollen. „Es ist unglücklich, dass das nicht schon passiert ist.“

Seit 2015 verhandelt der ehemalige CDU-Politiker Ruprecht Polenz als Sondergesandter mit Namibia über eine „Aussöhnung“ - allerdings ohne unabhängige Herero-Vertreter wie Rukoro. Auch deshalb klagt der in New York - für einen Platz am Verhandlungstisch. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Niema Movassat, der das Thema seit Jahren verfolgt, hält die Gespräche für festgefahren. „Herr Polenz kommt nicht weiter“, ist er sicher. Der Bundesregierung fehle der Wille zur Aufarbeitung, kritisiert Movassat.

Das "geteilte Erbe" der Menschheit?

In der Tat findet sich zu Namibia kein Wort im Koalitionsvertrag. Die versprochene „Aufarbeitung des Kolonialismus“ soll offenbar dort stattfinden, wo es weniger wehtut: in der Kulturpolitik. Zuständig sind Michelle Müntefering, SPD-Staatsministerin für internationale Kultur- und Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, sowie CDU-Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Die zwei Frauen sollen den richtigen Umgang mit Deutschlands „kolonialem Erbe“ finden. Die zentrale Frage: Was wird aus der kolonialen Raubkunst in deutschen Museen? Viele einstige Kolonien fordern die Rückgabe. Die hiesigen Museumsdirektoren aber wollen ihre kostbaren Sammlungen zusammenhalten. Statt von Rückgabe sprechen sie von „shared heritage“, dem „geteilten Erbe“ der Menschheit. Statt von Beutekunst reden sie vom „kolonialen Kontext“ der Objekte.

Auf ihrer Linie ist auch Kulturstaatsministerin Grütters. Es gehe weniger um die Frage nach dem rechtmäßigen Eigentum als „vielmehr um die Fürsorge für die uns anvertrauten Kulturgüter“, sagt sie.

Aurélien Agbénonci, der Außenminister von Benin, sieht das anders. Er will die geraubten Kunstwerke sofort zurück. „Wir verleihen sie dann gerne an Paris, Berlin oder New York.“ In Frankreich trifft das auf offene Ohren. Präsident Emmanuel Macron kündigte im November 2017 eine große Rückgabeaktion an: „Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen sein.“

"Völkermord verjährt nicht!"

Die Bundesregierung setzt hingegen auf die „Provenienzforschung“. Sie will, dass Wissenschaftler zunächst in jahrelanger Kleinarbeit den Ursprung der umstrittenen Objekte klären. „Das ist an sich richtig“, sagt der Kolonialismus-Experte Reinhart Kößler. „Es darf nur nicht zum Ablenkungsmanöver werden.“ Der Historiker Jürgen Zimmerer befürchtet, dass sich die Groko auf die Erforschung von Museumsbeständen beschränkt - und die Fragen nach der Schuld an den Kolonialverbrechen weiter liegen lässt.

Das will das Bündnis „Völkermord verjährt nicht!“ verhindern. Beteiligt sind Vereine wie die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ oder der Berliner Afrika-Rat. Sie wollen eine sofortig Entschuldigung für den Völkermord. Am liebsten noch diesen Monat - bei der Zeremonie im Französischen Dom.

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