Vor dem Brexit : Europa muss britischer werden

Eine Liebeserklärung an eine Insel, die sich die Freiheit zum Andersein nimmt. Einiges könnten die anderen Europäer übernehmen. Ein Kommentar.

Auf dem Weg hinaus. Theresa May muss sich dem Brexit-Votum stellen.
Auf dem Weg hinaus. Theresa May muss sich dem Brexit-Votum stellen.Foto: Daniel Leal-Olivas, AFP

Ich trinke keinen Tee, auch wenn das alle glauben, weil ich doch so anglophil bin, Anglistik studiert habe, alle paar Monate den Kanal überquere. Mir wird schlecht von Earl Grey. Meiner Liebe zur Insel tut das keinen Abbruch, die Briten haben sich längst zu einem Volk der Kaffeetrinker entwickelt. Was wiederum an einer Tradition nichts geändert hat: Wenn ein Fremder das Haus betritt oder ein Freund Aufmunterung braucht, wird als erstes der Kessel aufgesetzt: „Have a cuppa.“

Was in der Tasse dampft, ist egal, Hauptsache, es wärmt Seele und Bauch. Wichtig ist die Geste, dieser Akt der Freundlichkeit ohne Gedöns: Es gibt nichts, was so schlimm ist, dass eine Tasse Heißes es nicht zumindest besänftigen könnte. Dazu werden ein paar trockene Bemerkungen serviert. Der englische Humor, der das ganze Leben durchzieht, kommt so lakonisch daher, dass man als Germane erst zwei Mal hinhören muss, um ihn einmal zu verstehen.

Und das will mir der Brexit nehmen? Never!

Das Exzentrische ist keine Attitüde

„Gentle“ ist das Wort, das meine Liebe zur Insel vielleicht am besten auf den Punkt bringt. Gentle wie die grüne Hügellandschaft, gentle wie die Kassiererin, die der Kundin mit einem „thanks, love“ das Wechselgeld in die Hand drückt, gentle wie der Busfahrer auf dem Land, der mit seinen Fahrgästen plaudert. Oder gentle wie der Umgang mit dem toten Tier im Cricket-Museum, wo das Vögelchen, das von einem Ball erschlagen wurde, ausgestopft in einer Vitrine steht. Dieses liebevoll Menschliche, wie man es aus den Büchern von Alan Bennett kennt, ein Bestsellerautor auch in Deutschland, der mit der Welt nicht via E-mail, sondern per Postkarte kommuniziert.

Das Exzentrische ist auf der Insel keine Attitüde, es ist eine Lebensform, die Freiheit zum Anderssein. Das hat mir von Anfang an gefallen: dass alles anders war, vom Linksverkehr bis zu den eigenwilligen Öffnungszeiten der Pubs. Dass Mädchen mit dicken Oberschenkeln unbekümmert Minirock trugen, der natürlich in England erfunden wurde. Landstraßen und Flüsse mäandern unbegradigt durch die Natur, als Wanderer kann man, statt Pfaden zu folgen, querfeldein zwischen Kühen und Schafen herlaufen. Das beste Bild für dieses Großbritannien liefert der Cottage Garden, in dem die Blumen bunt und üppig wuchern – ein fröhliches Miteinander unterschiedlichster Arten.

Meine Liebe zur Insel wurde in den 70er Jahren geweckt, als Großbritannien noch ein Sozialstaat war und das Land, das die Juden aufgenommen hatte, die die Deutschen vertrieben hatten. Die „working class“ wirkte damals weit spannender als die Royals. Das rotzfreche Selbstbewusstsein der Proletarier, ihre Warmherzigkeit prägt den britischen Film bis heute, dessen Figuren und Darsteller durch ihre Echtheit bestechen. Nicht mal Hugh Grant ließ sich die Zähne richten. Wo sonst hätte eine Schauspielerin wie Margaret Rutherford als Miss Marple Karriere machen, eine Vivienne Westwood zur Queen of Fashion aufsteigen können?

Die Kehrseite des Andersseins

Nur hat es mich immer gewundert, dass die Briten „Europa“ sagten, wenn sie den Kontinent meinten. Sie gehörten doch dazu! Der Brexit kam als Schock. Plötzlich begriff ich die Kehrseite dieses Andersseins. Dass man alle, die anders waren als die Insulaner, raushaben wollte. Vielleicht war ich auch einigen Missverständnissen aufgesessen, hatte Nachlässigkeit mit Lässigkeit verwechselte, hatte vor lauter Liebe zu viele dunkle Aspekte verdrängt.

Ob weich oder hart, der Brexit wird kommen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Da hilft nur eins: Die Europäer müssen die besseren Briten werden. Schlagfertig, tolerant, gentle. Müssen das Understatement praktizieren, das den Insulanern abhanden gekommen zu sein scheint: Lügende Politiker und hetzende Boulevardblätter praktizieren das Hau-drauf. Vielleicht besinnen die Briten sich dann doch noch ihrer Tugenden. Englisch wird ohnehin die Sprache Europas bleiben. Also: Keep calm and carry on.

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