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Die Atomprogramme Israels und Irans: Was ist dran an Grass' Kritik?

Wie groß ist Israels Atomprogramm? Wie nahe dran ist Iran am Besitz der Bombe? Und was hat es mit den U-Boot-Lieferungen an Israel auf sich? Fragen, die sich im Zuge der Grass-Debatte ergeben, und Antworten darauf.

Von Ruth Ciesinger

Was weiß man über Israels Atomwaffenprogramm?

Offiziell gesteht Israel weder die Existenz seines Atomwaffenprogramms ein, noch dementiert es sie. Doch dass es die Bombe besitzt ist unbestritten. So betreibt Israel seit den 60er Jahren in der Wüste Negev einen Reaktor und eine Wiederaufbereitungsanlage, in der waffenfähiges Plutonium produziert werden kann. Der Schwerwasserreaktor mit einer Leistung von 75 bis 150 Megawatt läuft seit über 40 Jahren, ohne dass dort Strom produziert wird. Dies allein, sagt Giorgio Franceschini von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu, als dass es in der Anlage von Dimona nur um die Produktion von Plutonium für Waffenzwecke gehen kann. Außerdem hat bereits 1986 der Atomtechniker Mordechai Vanunu der britischen "Sunday Times" ein ausführliches Interview sowie Fotomaterial zum israelischen Atomwaffenprogramm gegeben und damit dessen Existenz öffentlich gemacht. Vanunu wurde daraufhin vom Mossad entführt und für viele Jahre in Einzelhaft gesteckt. Bei einem Deutschlandbesuch 2006 wiederum verplapperte sich der damalige Premier Ehud Olmert und sprach von Israel ganz unverblümt als Atomwaffenmacht.

Auch ohne offizielle Angaben lasse sich aber aus den Leistungszahlen der Anlage in Dimona abschätzen, wie groß das israelische Atomwaffenarsenal in etwa ist, erklärt Franceschini. So geht man davon aus, dass die Plutoniumproduktion in Dimona für etwa 200-300 atomare Sprengköpfen reichen würde. Vermutlich besitzt das Land etwa 100 Sprengköpfe, sowie Plutonium für 100 bis 200 weitere, noch nicht fertiggestellte Sprengköpfe. Was die Trägersysteme betrifft, dürfte Israel neben  nuklearen Sprengköpfen, die per Flugzeug abgeworfen werden könnten, noch einige seiner landgestützten Raketen der Jericho-Klasse mit Atomsprengköpfen bestückt haben. Zu diesen luft- und landgestützten Trägersystemen kommen die U-Boote, die auch Deutschland an Israel liefert. Israel hat diese so umgebaut, wird vermutet, dass von ihnen aus auch nuklear bestückte Marschflugkörper abgeschossen werden können.

Dass Israel nicht offiziell zu seinem Atomwaffenprogramm steht, liegt am Atomwaffensperrvertrag (NPT). Diesen hat Israel zwar nicht unterzeichnet, gleichzeitig ist der Regierung aber sehr daran gelegen, dass sich seine Nachbarn – allesamt NPT-Mitglieder – daran halten und nicht selbst Atomwaffen erwerben. Diesen Spagat beizubehalten ist allerdings nicht ganz einfach. Ende des Jahres soll nun eine UN-Konferenz zum Nahen und Mittleren Osten als massenvernichtungswaffenfreier Zone stattfinden. Vermutlich wird dies aber an Israels Besitz von Atomwaffen nichts ändern.     

Was weiß man über Irans Atomwaffenprogramm?

Bisher hat der Iran keine Atombombe, darüber gibt es keinen Dissens. Ob das Land aber bis zum Bau der Bombe gehen will, ist unklar. Bisher, so die Annahme, ist diese Entscheidung darüber noch nicht gefallen. Andererseits glaubt so gut wie niemand Teherans Beteuerungen, sein Atomprogramm verfolge ausschließlich friedliche Zwecke mit dem alleinigen Ziel der Energiegewinnung. Dafür, sagt Franceschini, gibt es zu viel Heimlichtuerei und zu viele unbeantwortete Fragen gegenüber der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO). Zudem wäre es für den Iran technisch einfacher und ökonomisch effektiver, sich die Brennstäbe für seine Reaktoren – die geplanten Leichtwasserreaktoren (LWR) und den Forschungsreaktor in Teheran (Tehran Research Reactor, TRR) – weiter aus Drittstaaten, etwa wie bisher aus Russland, beziehungsweise aus Argentinien für die Anlage in Teheran liefern zu lassen. Iran aber hat vor gut einem Jahr erklärt, selbst Brennstäbe herstellen zu können und diese künftig einzusetzen. Bis diese gefahrlos genutzt werden können, müssten die Brennstäbe mehrere Jahre lang getestet werden. Gerade im Blick auf die Anlage in Teheran und die potenzielle Gefährdung vieler Menschen durch einen Unfall ist Irans Verhalten also wenig nachvollziehbar, sagt Franceschini. Wenn Teheran auf solche Punkte nur mit „Wir machen es, weil es unser Recht ist“ reagiert, sei dies zwar im Kern richtig, aber wenig überzeugend.

Grund zu Alarmismus sieht der Friedensforscher aber nicht. Wenn im Iran am heutigen Tag der Beschluss zum Bau der Bombe fallen würde, würde es immer noch einige Zeit dauern, sagt er, bis das Land eine einsatzfähige Waffe besitzt. Iran kann inzwischen Uran bis zu 20 Prozent anreichern. Um auf 80 bis 90 Prozent anzureichern, wie für den Bau eines Sprengkopfes erforderlich, müssten die Zentrifugen gestoppt und das bereits angereicherte Uran erneut eingefüttert werden. Ein Vorgang, der in den bekannten Anlagen sofort auffallen und der internationalen Gemeinschaft nicht verborgen bleiben würde. Die Sorge ist, dass das Land unterirdische, geheime Anreicherungsanlagen besitzt, beziehungsweise aufbaut, in denen dieser Vorgang verborgen bliebe. Ein solches Szenario will Israel verhindern.

Sollte Iran tatsächlich Uran auf 80 bis 90 Prozent anreichern, könnte innerhalb von drei bis sechs Monaten genügend Material für einen atomaren Sprengkopf produziert werden. Allerdings muss dieses hochangereicherte Uran dann in metallische Form gebracht werden, und es bedarf der entsprechenden Zündtechnik und Elektronik, um den Sprengkopf fertigzustellen. Um diesen dann so anzupassen, dass er auf eine iranische Rakete montiert werden kann, „dauerte es dann mindestens noch ein Jahr“, vermutet Franceschini.  

Was hat es mit den deutschen U-Boot-Lieferungen an Israel auf sich?

Deutschland hat bereits 1999 und im Jahr 2000 insgesamt drei U-Boote der Dolphin-Klasse an Israel geliefert. Das vierte und fünfte U-Boot für Israel sind fast fertig gestellt, und Ende März einigten sich die Verteidigungsminister Thomas de Mazière und Ehud Barak auf die Lieferung eines sechsten Dolphin-U-Bootes. Ein Drittel der Kosten für das Boot, etwa 135 Millionen Euro, wird die Bundesregierung übernehmen. Die ersten beiden Boote wurden, schreibt der Waffenexperte Otfried Nassauer in einem Aufsatz, ganz aus dem deutschen Bundeshaushalt bezahlt. Für die folgenden Boote gab es andere Regelungen, „bei den deutlich teureren Booten vier und fünf“, so Nassauer, „griff nach mehrjährigem Tauziehen eine andere Kostenteilung: Deutschland zahlt ein Drittel des Preises direkt und kaufte für ein weiteres Drittel (Rüstungs)Güter in Israel.

Reaktionen auf das Gedicht von Grass:

Israel zahlt schließlich das letzte Drittel.“ Jetzt, im Vertrag für das sechste U-Boot, steht offenbar als Bedingung für die Lieferung, dass Israel eingefrorene Steuergelder wieder an die Palästinensische Autonomiebehörde auszahlt. Diese Steuereinahmen von Palästinensern nimmt Israel stellvertretend ein und gibt sie eigentlich an die Autonomiebehörde weiter. Nachdem aber im vergangenen Herbst Palästina als eigenständiges Mitglied in die Weltkulturorganisation UNESCO aufgenommen worden war, hatte Israel den Palästinensern das Geld nicht mehr überwiesen.

Nicht nur wegen des Kostenarrangements wird der U-Boot-Verkauf an Israel immer wieder hinterfragt. Wichtigster Kritikpunkt ist die Annahme, dass Israel die Boote eben auch als Träger für nuklear bestückte Marschflugkörper nutzt und Deutschland somit das nukleare Waffenpotenzial eines Staates stärkt, der nicht Mitglied im Atomwaffensperrvertrag ist.

Wie wahrscheinlich ist ein Krieg zwischen Israel und Iran?

Anfang der Woche haben in Israel Medienberichte darüber, wie viele Tote es durch einen Krieg mit dem Iran geben könnte, die Spekulationen über eine drohende militärische Auseinandersetzung beider Staaten weiter angeheizt. Bis zu 300 Menschen würden in Israel sterben, außerdem seien hunderte Verletzte und eine entsprechend zerstörte Infrastruktur zu erwarten, heißt es demnach in einem Armeebericht an die Regierung in Tel Aviv. Doch abgesehen davon, dass sich solche in die Zukunft gerichteten Aussagen über einen Krieg fast immer als falsch herausgestellt haben, ist es gar nicht sicher, dass es tatsächlich zu einem solchen kommen wird.

So ist selbst in Israel die sicherheitspolitische Elite über der Frage gespalten, ob die Luftwaffe wichtige Nuklearanlagen des Irans bombardieren sollte oder nicht, sagt Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik, die Bundestag und Bundesregierung in allen außen- und sicherheitspolitischen Fragen berät. Abgesehen von den regionalen Folgen sei auch den Angriffsbefürwortern klar, dass eine Attacke das Programm immer nur in dessen Entwicklung zurückwerfen, es aber nie völlig zerstören könnte, sowie ein Militärschlag den Iranern erst Recht Argumente zum Bau der Bombe liefern würde.

Bilder vom Leben und von Werken von Günter Grass finden Sie hier:

Jetzt geht es vor allem um das Zeitfenster, das bleibt, beziehungsweise sich schließt, bis Iran die Fähigkeit, also das Material, zur Herstellung der Bombe hat. Im schlimmsten Fall könnte dies wie erläutert in den kommenden drei bis sechs Monaten der Fall sein. In Israel wäre für viele Akteure damit bereits eine rote Linie überschritten. Für die US-Regierung dagegen liegt diese beim tatsächlichen Bau einer Atomwaffe. Sollte es aber gelingen, das besagte Zeitfenster durch Verhandlungen wieder zu vergrößern, indem der Iran beispielsweise seine Anreicherung auf 20 Prozent aussetzt, wäre möglicherweise auch in Israel eine Mehrheit gegen einen Angriff. 

Niemand allerdings glaubt ernsthaft daran, dass es zu einer atomaren Auseinandersetzung zwischen Iran und Israel kommen wird. Israel hat in dem ganzen Konflikt nie davon gesprochen, Nuklearwaffen gegen die iranischen Atomanlagen einzusetzen, und dem Iran wiederum ist klar, dass Israel über eine enorme Zweitschlagsfähigkeit verfügt. Ein Angriff auf Israel würde mehr oder wenig die Vernichtung des heutigen Iran bedeuten.

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