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Sorge um die Besetzung des größten europäischen Atomkraftwerks. Ein russischer Soldat bewacht einen Bereich des Kernkraftwerks Saporischschja.
© dpa

Atomkraft und Krieg: Wider besseres Wissen

Zwischen Propaganda und Besänftigung sollte man die nüchterne Frage stellen: Sind Atomkraftwerke unter Raketenbeschuss wirklich sicher? Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Ingrid Müller

Es mag ja sein, dass die Menschen bestimmte Dinge erst ernst nehmen, wenn sie ihnen ganz nahe kommen. Das können wir alle gerade leidvoll sehen, wenn es ums Energiesparen geht. Plötzlich sind Tipps in Umlauf, die seit Jahrzehnten zum eigenen Tun gehören sollten: Wer ein Gerät nicht braucht, schaltet es ab – lässt es also nicht im Standby-Modus laufen.

In der Energiediskussion ist immer und immer wieder gesagt worden, dass diese winzig erscheinende Maßnahme allein in Deutschland den Betrieb mehrerer Akw erübrigen würde.

Da Atomkraft aber eine scheinbar günstige Energie ist (die deutschen Reaktoren sind längst abgeschrieben, Folgekosten auf die Steuerzahler „umgelegt“ worden), glauben auch in vielen anderen Staaten Menschen, sie sei ein Segen. Oft werden die Meiler von scheinbar wohlmeinenden Sponsoren geliefert, die dann auf Wirtschaft und Politik Einfluss nehmen können. Vieles davon wird wohl nicht einmal unbedingt öffentlich. Wenn es soweit kommt, ist das Entsetzen groß – aber nur mit allergrößtem Aufwand eine andere Versorgung möglich.

Nun kommt der Krieg hinzu. In der Ukraine haben Russen bei ihren Angriffen, die alle Welt im Februar auch völlig überraschte, das durch die Katastrophe in den 1980ern global bekannte Akw Tschernobyl und nun auch das größte Atomkraftwerk Europas unter ihre Kontrolle gebracht. Es hat den für westliche Zungen schwer auszusprechenden Namen Saporischschja.

Schlechter Scherz

Irgendwer hat sich nun wohl einen schlechten Scherz erlaubt und eine Mitteilung eines russischen Generalmajors veröffentlicht, der droht, dieses Akw werde entweder russisch oder gar nicht sein. Das sei, so heißt es inzwischen aus Moskau, ein Fake. Von wem auch immer. Doch von solcher Propaganda sollte sich niemand vom Kern der Frage ablenken lassen: Sind Akws im Krieg sicher?

Jeder weiß, dass sich russische so genannte Verantwortliche ebensowenig gescheut haben, ihre eigenen Bürger zum „Löschen“ in den Höllenschlund von Tschernobyl zu schicken wie die Tepco-Oberen im Verein mit den politisch Verantwortlichen im als so korrekt erachteten Japan nach der Katastrophe von Fukushima.

Was also darf die Welt wohl erwarten, sollten Saporischschja oder Tschernobyl bei Kämpfen ernsthaft getroffen werden? Wird Wladimir Putin sich um seine verstrahlten Soldaten sorgen, um die ukrainische Bevölkerung oder um die Bürger Europas, die den Fallout auch mitbekämen?

Am Dienstag erklärte Moskau, diesmal im Staatsfernsehen, man stationiere verstärkt Luftabwehr rund um das Riesen-Atomkraftwerk. Alle dürfen nur hoffen, dass kein Militär – auf welcher Seite auch immer – so blauäugig ist und sich der Gefahr auch für sich und seine eigenen Leute nicht bewusst ist.

Keine akute Gefahr?

Das Bundesamt für Strahlenschutz , bisher für Fakes nicht bekannt, hat den Kollegen von der Funke-Gruppe erklärt, es sehe „keine akute Gefahr“, dass radioaktive Stoffe freigesetzt würden. Aber es teilt „ die Sorge um einen dauerhaft sicheren Betrieb des Akw Saporischschja“. Das heißt nichts Gutes.

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In Deutschland wollen Unverbesserliche nun Atommeiler weiter laufen lassen, aus Angst vor möglicherweise nahender Energieknappheit. Auch Isar 2 in Bayern ist aber nicht gegen Angriffe geschützt, das Zwischenlager für hochradioaktiven Müll in Gorleben wirkt wie eine bessere Garage. Derzeit ist mit Beschuss deutscher Akw wohl nicht zu rechnen. Doch wenn, dann ist es zu spät.

Kriegsherren haben dummerweise oft eine durch die Realität nicht gedeckte Hybris. Und: Leider nehmen die Konflikte derzeit kräftig zu. Es muss nicht erst eine Atombombe sein, deren Einsatz verheerende Folgen hätte. Eine ganz normale Rakete auf ein Akw könnte unter Umständen schon reichen. Denken wir auch daran: Deutschland ist nicht weitläufig, es ist ein vergleichsweise kleines und dicht besiedeltes Land.

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