Wie Corona die Gesellschaft (kurz) veränderte : Die vergängliche Nettigkeitsinfektion

Um Nachbarn kümmern, applaudieren, den Kleinkrieg einstellen, auch auf der politischen Bühne. Corona hat uns sanft gemacht. Aber nur kurz. Eine Kolumne.

Sag es mit Blumen oder durch die Blume - plötzlich kehrte Freundlichkeit ein. Sogar die AfD fügte sich.
Sag es mit Blumen oder durch die Blume - plötzlich kehrte Freundlichkeit ein. Sogar die AfD fügte sich.Foto: imago images/Photocase

Schon verrückt, wie so ein Virus das Verhalten verändern kann. Auf einmal liebten wir unsere Nächsten wie uns selbst. Wir erkundigten uns nach der Gesundheit der Nachbarn, boten den alten Damen im Haus unsere Hilfe an, beklatschten abends am Fenster Ärzte und Pfleger, gaben den Bettlern ein paar Münzen in ihren Becher, bedankten uns bei der Kassiererin im Supermarkt, öffneten freundlich den armen Schluckern die Tür, die „Werbung bitte“ in die Gegensprechanlage flehten, und erklärten die Müllmänner vor unserem Fenster zu den Helden der Pandemie, wenn sie uns im Morgengrauen mit großen Getöse wecken.

Huldigte das Land geschlossen den Grundprinzipien der christlichen Nächstenliebe?

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Sogar in der Politik herrschten nur noch Milde und Einfühlungsvermögen. Keine Intrigen mehr, keine Schläge unter die Gürtellinie, keine Kritik, kein Spott. Die kleine Welle der Empörung, die von Angela Merkels „Öffnungsdiskussionsorgien“ ausgelöst wurde, verebbte schnell und hat dem Konsens wieder Platz gemacht.

Im Bundestag ging es gemütlich zu wie bei einem Kaffeekränzchen am Sonntagnachmittag. Niemand rief dazwischen, kein „Merkel muss weg!“ war zu vernehmen, statt Vorwürfen ein fast mondäner Smalltalk.

Die AfDler wirkten gelähmt. Die Grünen sanft wie Lämmer. Die Linke nickte beflissen, wenn die Kanzlerin die nächsten Schritte erklärt. Wer sich vorher gegenseitig zerfleischte, tauschte nun herzerwärmende Komplimente aus. Markus Söder lobte Angela Merkel in den Himmel. Horst Seehofer erklärte, sein ehemaliger Rivale Söder mache seine Sache gut und gab zu, dass er nachdenke über … eine fünfte Amtszeit von Angela Merkel. Eine fünfte Amtszeit für diese Kanzlerin, die er monatelang gequält hat!

Plötzlich Harmonie in der Groko

Auch Friedrich Merz wagte nichts Schlechtes mehr über diejenige zu sagen, die ihn hat abblitzen lassen. Im Gegenteil, er räumte ein – zwar etwas herablassend, aber immerhin – dass Angela Merkel erst nachdenke, und dann rede und dass ihm dies sympathisch sei. Der Christdemokrat Jens Spahn würdigte den Sozialdemokraten Olaf Scholz. Kurz: Harmonie in der Groko. Merkel reichte Macron die Hand, der damit nicht mehr gerechnet hatte.

Und das ganze Land setzte dieser bescheidenen, lässigen, unaufgeregten, erfahrenen, sachlichen Kanzlerin einen riesigen Lorbeerkranz auf. „Wir sind in guten Händen“, jubelten die Deutschen und beobachteten staunend das französische Chaos, wo sich Politiker und Parteien, Corona hin oder her, weiterhin gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

Aber der Frieden in Deutschland sollte nicht ewig wären, und die Rückkehr zur Normalität könnte heftig werden. Jeden Samstag versammeln sich bereits wütende Bürger, Verwirrte und Neonazis vor der Volksbühne. Viele, die bis vor kurzem noch voll des Lobes für Angela Merkel, fangen wieder an zu sticheln, als wollten sie sich warmlaufen.

Hat Merkel den Freiherrn der Länder nicht zu schnell nachgegeben? Warum hat sie mit Macron gemeinsame Sache gemacht, statt die Staatsfinanzen zusammen zu halten?

Die FDP kläfft in altbekannter Manier: Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, ist die Groko Schuld! Die Linke erinnert an die sozialen Kosten des Lockdowns. Die Grünen bringen den Klimawandel zurück aufs Tapet. Die AfD wartet im Schatten der Arbeitslosen, der Insolvenzen, der Rezession, um die Gebetsmühle ihrer Anklagen wieder in Gang zu setzen. Und die Anwärter aufs Kanzleramt wetzen ihre Messer. So ein kleines Virus verändert eben doch nicht die menschliche Natur.

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