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Betont optimistisch: Bundesgeschäftsführer Kellner stellt die Kampagne vor.
© dpa

Nach Wirbel um Annalena Baerbock: Wie die Grünen mit ihrer Wahlkampagne aus der Defensive kommen wollen

Mit einer betont optimistischen Kampagne wollen die Grünen ihren Wahlkampf wieder in Schwung bringen. Nicht so stark im Fokus: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.

Eines fällt direkt ins Auge: Das Wort „Kanzlerkandidatin“ fehlt. Die Grünen haben zum ersten Mal eine Anwärterin auf das Kanzleramt aufgestellt, wollen zum ersten Mal eine Regierung auf Bundesebene anführen. Doch auf ihren Wahlplakaten steht davon nichts – zumindest bislang. Auf die Frage nach dem Warum, bleibt Grünen-Geschäftsführer Michael Kellner eine klare Antwort schuldig.

Der 44-jährige Wahlkampfleiter stellt am Montag die Kampagne seiner Partei vor. Als Ort haben die Grünen einen Co-Working-Space in Berlin gewählt, in dem Mobilitätsinnovationen vorangetrieben werden. Das passt zur Botschaft der Grünen. Und noch etwas soll der Termin bringen: Der zuletzt in starke Turbulenzen geratene Wahlkampf soll wieder neuen Schwung bekommen.

Wichtige Zielgruppe: 60 plus

Der Werbespot und die Plakate, die Kellner präsentiert, kommen optimistisch daher. Slogans wie „Zukunft passiert nicht. Wir machen sie“ oder „Züge, Schulen, Internet – Ein Land, das einfach funktioniert“ prangen auf grün eingefärbten Motiven. Allerdings sind die Plakate weniger bunt als frühere Kampagnen.

Ein besonderes Augenmerk, erklärt Kellner, legen die Grünen auf die Zielgruppe 60 plus. So gibt es ein Plakat, das einen älteren Herren mit Smartphone zeigt – dazu der Spruch: „Lädt nicht, gibt’s nicht.“ Auch mit Print-Anzeigen und Onlinewerbung wolle man gezielt auf diese Zielgruppe zugehen, sagt Kellner. Gleichzeitig adressieren die Grünen die Jungen: mit einem Brief an die rund zwei Millionen Erstwähler. Und da sie in der Partei davon ausgehen, dass womöglich mehr als 50 Prozent der Wähler:innen ihre Stimme per Brief abgeben werden, ist auf allen Plakaten ein rot unterlegter Aufruf zur Briefwahl zu sehen.

„Das war kein Glanzstück“

Auffällig ist, dass wenige Motive die Kanzlerkandidatin Baerbock alleine zeigen. Meist ist sie mit Habeck gemeinsam abgebildet. An der Nachfrage kann das nicht liegen: Das Plakat, das Baerbock mit dem Slogan „Wirtschaft und Klima ohne Krise“ zeigt, ist laut Kellner das von den Kreisverbänden am stärksten bestellte Plakat. Warum also nicht das Wort „Kanzlerkandidatin“, warum kein so starker Fokus auf Baerbock? Kellner verweist darauf, dass noch weitere Spots und Plakate folgen werden. Da werde dann stärker personalisiert.

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Womöglich ergibt es für die Grünen aber auch strategisch Sinn, derzeit weniger Personen in den Mittelpunkt zu stellen, als vielmehr ihre Inhalte. Denn während derzeit das grüne Kernthema Klimaschutz wieder weit oben auf der politischen Agenda steht, läuft es für die Kandidatin Baerbock weniger gut – Stichwort Lebenslauf, nicht angemeldete Weihnachtsgelder, Plagiatsvorwürfe. Die Umfragewerte sind gefallen. Ein Interview, das Co-Parteichef Robert Habeck der „Süddeutschen Zeitung“ gab, lässt darauf schließen, dass auch er sich stark über handwerkliche Fehler im Wahlkampf ärgert. „Das war kein Glanzstück“, sagte er.

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„Es duftet nach Blumen. An Tankstellen“

Die Wahlkampagne soll nun das positive Grundgefühl vermitteln, das sich die Grünen für ihren Wahlkampf wünschen, und Lust auf Veränderung machen. Im Werbespot präsentieren sie ihre Vision für die Zukunft. „Stell dir vor...“, beginnt der Clip, „es duftet nach Blumen. An Tankstellen“. Und weiter: „Die Solaranlagen blühen. In jedem Schrebergarten. Wir leben in Städten. In denen man gut und gerne atmet. Und schnelles Internet wird zur Bauernregel.“ Vielfalt, Umweltschutz, Wohlstand: All das versprechen die Grünen – unterlegt von fröhlicher Musik.

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Zunehmend angriffslustig zeigt sich die Ökopartei hingegen, wenn es gegen den politischen Gegner geht: die Union. So erklärt Kellner etwa, der Slogan „Unser Land kann viel. Wenn man es lässt“ sei eine Antwort auf 16 Jahre mit CDU und CSU an der Regierung. Viel sei in dieser Zeit liegen geblieben.

Im Fokus der Kritik der Grünen steht verstärkt Kanzlerkandidat Armin Laschet. Wegen seiner Klimapolitik, aber auch wegen seines Corona-Kurses, greifen ihn die Grünen immer wieder an. Auch am Montag teilt Kellner gegen Laschet aus. Dass dieser keinen „Schul- und Kitagipfel“ wolle, um rechtzeitig vor dem neuen Schuljahr über notwendige Corona-Schutzvorkehrungen für Bildungseinrichtungen zu sprechen, sei ein schwerer Fehler.

Die Grünen, so viel ist klar, wollen sich selbstbewusst präsentieren – aber gleichzeitig als „Underdog“, wie Kellner es nennt, als Außenseiter. Ob ihnen diese Strategie zusätzliche Sympathiepunkt bringt, muss sich erst zeigen.

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