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Winfried Kretschmann ist Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

© Marijan Murat/dpa

Der Ökoschafferpopulist: Wie Winfried Kretschmann seine einzigartige Position hält

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg strebt eine dritte Amtszeit an – auf seine unnachahmliche Art, die ihn schon jetzt zur grünen Legende macht.

Als Ministerpräsident kommt man herum. Im Grunde läuft eine Amtszeit als „MP“ auf einen ewigen Landesumritt hinaus. Und so flocht Winfried Kretschmann am Samstagmittag beim Digitalparteitag der baden-württembergischen Grünen einige Reiseerzählungen ein in seine Bewerbungsrede als (am Ende mit 91 Prozent bestätigter) Spitzenkandidat zur Landtagswahl am 14. März. 

Unlängst war er zum Beispiel in Donaueschingen, um eine neue Solaranlage vorgeführt zu bekommen. Die Module stehen dort senkrecht und in Ost-West-Ausrichtung auf dem Acker, beidseitig nutzbar – auf der Fläche dazwischen lässt sich weiter Landwirtschaft betreiben. 

Man könne so doppelt ernten, berichtet Kretschmann – „Sonnenstrom und Grünfutter“. Er ist begeistert. „Das ist der Baden-Württemberg- Spirit, den wir heute brauchen“, ruft er aus. „Neue nachhaltige Lösungen suchen statt zu klagen, was nicht funktioniert.“

Wer wissen will, warum der 72-jährige Grüne im Südwesten recht unangefochten die Landespolitik beherrscht, findet an dieser Stelle der Rede eine Antwort. Kretschmann ist es mit den Jahren immer besser gelungen, eine Verbindung von Öko-Sprech und der landestypischen Schaffer-Rhetorik zu finden, die einst die schwarzen Amtsvorgänger bis hin zur Karikatur gepflegt haben. Zwar mögen einige Dutzend Delegierte daheim an ihren Laptops gezuckt oder einen Hustenanfall bekommen haben. Aber Kretschmann kennt da nichts.

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Weshalb er auch noch seinen Besuch in Niedereschach im Schwarzwald erwähnt, wo Bürger eine Genossenschaft gegründet haben, um ein Fernwärmnetz mit einer zentralen Hackschnitzelanlage zu bauen. „Die nehmen einfach den Klimaschutz selbst in die Hand“, lobt Kretschmann. Der Subtext an die eigene Truppe: Es braucht nicht mehr das grüne Klugmenschentum, man ist an der Basis angekommen.

„Weder Ja-Sager noch Dauer-Motzer“

„Und genau das brauchen wir“, fährt er fast herausfordernd fort. „Weder Ja-Sager noch Dauer-Motzer, sondern kritische Menschen, die etwas anpacken.“ Das Bauchgrimmen an den Laptops dürfte noch zugenommen haben, als er auf die symbiotische Beziehung zu sprechen kommt, die ihn mittlerweile – er regiert seit 2011 – mit dem Landesvolk verbindet. 

„Wenn du solche Aktivbürger triffst, das macht was mit einem. Da denkst du dir: In einem solchen Land bist du gerne Ministerpräsident.“ Zu den Niedereschacher Genossen gehört jetzt auch Kretschmann.

Seinen Ökoschafferpopulismus pflegt Kretschmann so, wie Lothar Späth einst die Technologiebegeisterung der Atomära und der Hubraumvergrößerungsepoche als Markenzeichen nutzte (und an der sich wiederum die Kritik entzündete, aus der heraus die grüne Bewegung entstand). 

Kretschmann ist vielleicht nicht so „bei den Leuten“, wie Kurt Beck das mal in Rheinland-Pfalz vormachte. Aber er kommt an im Wahlvolk. Zwei Drittel würden für ihn stimmen, gäbe es eine Direktwahl des Ministerpräsidenten.

Ein Problem für die Landes-CDU...

Das ist natürlich ein Problem für die ehedem so mächtige Landes-CDU. Denn die Frau, die ihn zur Landtagswahl herausfordert, kommt nur auf 13 Prozent. Ein solcher Abstand ist eigentlich eine vorweggenommene Wahlentscheidung. 

Aber Susanne Eisenmann gilt als zäher Kämpfertyp – etwas zu zäh möglicherweise. Und dass sie als Kultusministerin in den kommenden Wochen coronahalber noch einige Anfechtungen erleben wird, kommt als Ballast im Wahlkampf hinzu. 

Kretschmann hingegen kämpft Seit’ an Seit’ mit der Kanzlerin für eine relativ harte Linie in der Pandemiebekämpfung. Dass er Angela Merkel bewundert, ist echt, wird aber auch listig eingesetzt – die Kanzlerin hatte es bei der baden-württembergischen CDU, teils sehr konservativ, teils sehr wirtschaftsnah, mit ihrem Mitte-Kurs nie ganz einfach. 

Die Mitte im Land soll Kretschmann sein, der so (nicht zuletzt weibliche) Wähler fangen will, die bei einer Bundestagswahl wegen Merkel schwarz wählen.

...und seine eigenen Grünen

Doch ist die ungebrochene Popularität auch ein Problem für seine Grünen. Zu sehr sieht die Lokomotive mittlerweile wie der ganze Zug aus. Zwar wäre Kretschmann am Ende einer dritten Amtszeit – eine Wahlperiode regierte er mit der SPD, seit 2016 mit der CDU – erst ungefähr so alt wie Joe Biden jetzt beim Amtsantritt. 

Aber natürlich stellt sich die Frage, wer eigentlich hinter Kretschmann kommt. Einige Spitzengrüne, Finanzministerin Edith Sitzmann etwa oder der Umweltminister Franz Untersteller, scheiden mit der Wahl aus. Junge Kräfte sind noch wenig profiliert.

Und der grüne Vorwärtsdrang im Südwesten ist ins Stocken geraten. In Freiburg, der Keimzelle der grünen Erfolge im Land, regiert kein grüner Bürgermeister mehr. Bei der OB-Wahl in Stuttgart gingen die Grünen unlängst regelrecht unter. Eine neue Klimaliste will die Öko-Pioniere zudem alt aussehen lassen. Und dann läuft es im Bund auf ein schwarz-grünes Bündnis zu – aber eben kein grün-schwarzes, und das missfällt linken Wählern eher.

Ein Solitär war er immer

Kretschmann führt so seinen ganz eigenen Wahlkampf. Ein Solitär war er immer. Dass er Grünsein und konservatives Handeln zusammendenkt, können nicht alle in der Partei mitvollziehen. Auf seine Art erinnert er mittlerweile ein wenig an Joschka Fischer am Ende der rot-grünen Ära. 

Der war auch über seine Partei hinausgewachsen – und entfremdete sich von ihr. Aber im Gegensatz zu Fischer sitzt Kretschmann in einem Chefsessel, ist Koch, nicht Kellner. Zwar nur als Landespolitiker, aber immerhin. 

So wurde er als Ministerpräsident das Regierungsgesicht der Grünen in einer Zeit, in der sie, seit 2005 im Bund in der Opposition, wenig bis nichts zu melden hatten. Auch wenn sie stetig stärker wurden, wozu Kretschmann seinen Beitrag leistete. Unnachahmlich und daher nicht nachgeahmt – seine Rolle bei den Grünen war und ist tatsächlich einzigartig.

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