
© dpa/Leonie Asendorpf
Zahlen steigen seit Jahrzehnten: Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem
Frauen werden stündlich Opfer von körperlicher, sexueller, psychischer und digitaler Gewalt – meist zu Hause und durch den eigenen Partner. Das Dunkelfeld dieser Übergriffe ist gigantisch.

Stand:
Bundeskanzler Friedrich Merz führte im Zusammenhang mit seinen ungeschickten „Stadtbild“-Äußerungen „die Töchter“ des Landes als Zeuginnen an, um auf „bedrohliche Männer an Bahnhöfen“ zu verweisen. Die Wut darüber war auch deshalb so groß, weil er damit den gefährlichsten Ort für Frauen – statistisch belegt und signifikant – unterschlug: ihr Zuhause.
Nichts an den Zahlen, die am Freitag vorgestellt wurden, ist überraschend, nichts daran ist neu: Wieder ist ein Anstieg der Gewalttaten gegen Frauen zu verzeichnen, erneut haben die Angriffe vor allem im häuslichen Umfeld stattgefunden, wie seit Jahrzehnten geht die Aggression mehrheitlich von den Partnern oder Ex-Partnern aus.
Im vergangenen Jahr wurden 266.000 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, darunter 187.000 Frauen und Mädchen, ein Anstieg um 4,4 Prozent. Signifikant, so heben es Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) hervor, sei der Anstieg bei digitalen Straftaten, zu denen der Bereich Stalking gehört.
308 Mädchen und Frauen starben durch die Hand desjenigen, mit dem sie einst eine Beziehung hatten.
Weil sie diese verlassen wollten, wurden sie getötet. Ihre Ex-Partner nahmen sich das Recht, ihr Leben zu beenden. Alle Täter eint die Auffassung: Ohne mich darf sie nicht weiter leben.
„Die Politik tut noch nicht genug zum Schutz von Frauen“, sagt ein Politiker. Und zwar der Bundesinnenminister bei der Vorstellung der Zahlen. Das ist ein Offenbarungseid. Schon lange. Und führt zu der Frage: Warum reagiert diese Gesellschaft nicht auf die alltägliche Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind?
Weil diese Gewalt immer noch als ein „Problem“ der Frauen gesehen wird. Weil sie allein damit klarkommen müssen, auf sich gestellt und möglicherweise in finanzieller Abhängigkeit von ihrem Peiniger. Was übrigens auch dazu führt, diesen nicht anzuzeigen, weil die wirtschaftlichen Folgen für die Frauen dramatisch sein können.
Die Politik tut noch nicht genug zum Schutz von Frauen.
Politiker Alexander Dobrindt (CSU), Bundesinnenminister, bei der Vorstellung der gestiegenen Zahlen.
Es ist ein politisches Armutszeugnis, Frauenhäusern und Beratungsstellen die Mittel zu kürzen, statt sie umfangreich und vor allem ausreichend zu unterstützen. In Deutschland fehlen nach Angaben des Paritätischen Gesamtverbands mehr als 12.000 Frauenhausplätze. Sie sind der Ort, an dem die von partnerschaftlicher Gewalt Betroffenen zur Ruhe kommen und ihr künftiges Leben organisieren können.
Es ist ein politisches Armutszeugnis, nicht genügend Wohnraum bereitzustellen, damit sich die bedrängten, misshandelten und verfolgten Frauen räumlich trennen und dadurch sicherer fühlen können.
Die Unzulänglichkeiten eines Justizsystems, das partnerschaftliche Gewalt viel zu oft als innerfamiliären Konflikt bagatellisiert und die dramatischen Umstände für die Frauen – zum Beispiel, dass deren neue Adressen keinesfalls dem Ex-Partner bekannt werden dürfen – ausblendet.
Außerdem müssten die Täter obligatorisch verpflichtet werden, etwa in eine Anti-Gewalt-Gruppe zu gehen.
Politik ist nicht dazu da, die Folgen zu beklagen, sondern die Ursachen zu bekämpfen. Unter anderem ein patriarchales Weltbild, in dem Frauen Männern zu gehorchen, zu folgen, zu dienen haben. Und keinesfalls gehen dürfen. Übrigens völlig egal, welcher Nationalität diese Männer angehören. Häusliche Gewalt gibt es in allen Ländern, in allen Kulturen.
Die Anzeigequote liegt unter fünf Prozent
Die Folgen sind ungleich dramatischer, als am Freitag benannt. Der Chef des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, verweist darauf, dass die Anzeigenquote bei häuslicher Gewalt unter fünf Prozent liegt! Das heißt: Tatsächlich gibt es etwa 3.740.000 entsprechende Fälle in unserem Land. Derzeit läuft dazu eine „Dunkelfeld-Studie“, die noch ausgewertet werden muss und anschließend vorgestellt wird. Warum erst jetzt? Und warum dauert das alles so lange?
Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der 1997 gegen einen Gesetzentwurf gestimmt hat, der die Vergewaltigung in der Ehe ins Strafgesetzbuch aufnehmen sollte, ist seit Anfang Mai im Amt. Seither hat sie partnerschaftliche Gewalt kaum thematisiert, vielen Hilfsangeboten drohen Kürzungen oder ihre Schließung.
Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem. Dass die meisten offenbar der Meinung sind, dass sie einen ausreichend großen Beitrag zu dessen Lösung leisten, wenn sie selbst nicht gewalttätig sind, ist falsch.
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