Zehn Jahre Lehman-Brothers-Pleite : Eine neue Finanzkrise wäre nicht zu bekämpfen

Der Brexit, der Handelsstreit, alles prallt gegenwärtig an der starken Wirtschaft Deutschlands ab. Doch die Sicherheit ist trügerisch. Ein Kommentar.

Im September 2008 räumten die Lehman-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. So etwas könnte durchaus wieder passieren.
Im September 2008 räumten die Lehman-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. So etwas könnte durchaus wieder passieren.Foto: REUTERS/Joshua Lott

Sie hatten gedacht, ihnen gehöre die Welt und sie könnten immer so weitermachen – bis der Absturz kam. 15. September 2008, die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Was dieser Nachricht folgte, wurde die größte Finanzkrise der Nachkriegszeit. Es war ein böses Erwachsen, und es war ein Alarmsignal, das noch zehn Jahre später nachklingt. Es sollte nicht überhört werden.

Manche Politiker meinen heute zwar, die Welt habe aus der Lehman-Pleite die nötigen Lehren gezogen. Schließlich wurden die Banken gezügelt, Griechenland wurde gerettet, der Euro stabilisiert. Die gemeinsame Währungszone wurde durch eine Bankenunion ergänzt, es wurden verpflichtende Beratungsprotokolle eingeführt, die Zinsen gesenkt. Die Finanzwelt ist somit heute eine andere. Die riskanten Geschäfte, die Banken in den Jahren vor 2008 gemacht haben, sind heute so nicht mehr möglich. Die Finanzaufsicht ist strenger, ebenso wie der Blick der Gesellschaft auf die Branche. Aber verhindert das eine neue Krise? Schützt das etwa vor dem nächsten Crash? Wohl kaum.

Zehn Jahre nach der Finanzkrise steckt Deutschland in einer Art Glücksblase fest. Die Wirtschaft wächst und wächst und das seit Jahren. Die Arbeitslosigkeit hat sich auf niedrigem Niveau eingependelt, die Löhne und Gehälter ziehen an, der Konsum steigt. Es sieht aus vielen Blickwinkeln so aus, als könne Deutschland nichts mehr erschüttern. Der Brexit, der Handelsstreit mit den USA, alles prallt an der starken Wirtschaft des Landes ab. Doch die mit diesen Daten verbreitete Sicherheit ist trügerisch.

Schon die Rettung des kleinen Griechenlands war ein enormer Kraftakt

Es ist Zeit, auf die Mahner zu hören, auf Menschen wie den EU-Kommissionspräsidenten. Das Finanzsystem sei heute „so verwundbar wie 2008“, sagt Jean- Claude Juncker, „wenn nicht noch mehr“. Denn das ist die Lage der Welt: Argentinien kämpft mit dem Verfall des Pesos, die Türkei mit der schwachen Lira. Schon jetzt fallen auch die Währungen in den großen Schwellenländern Südafrika, Brasilien, Indien. Die langsam steigenden Zinsen in den USA tragen ihren Teil bei, Investoren ziehen ihre Gelder aus diesen Ländern ab, um es stattdessen wieder in Dollar anzulegen.

Und dann ist da noch ein ganz anderes Problem, uns sehr viel näher: Italien. Ein Land, das seine Schulden schon lange nicht mehr im Griff hat und jetzt von einer populistischen Regierung geführt wird, die noch sehr viel mehr Geld ausgeben will. Schon jetzt muss Italien Investoren höhere Zinsen zahlen, damit die dem Land Kredit geben. Das weckt Erinnerungen und Furcht. Schon die Rettung des kleinen Griechenlands war ein enormer Kraftakt. Um ein Vielfaches teurer würde die Rettung der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone. Wäre Italien überhaupt zu retten?

Ganz abgesehen davon: Gerade Europa kann sich eine neuerliche tiefe Krise des Finanzsektors nicht noch einmal leisten. Anders als vor zehn Jahren hätten die Notenbanker ihr diesmal kaum noch etwas entgegenzusetzen. Der Leitzins der Euro-Zone liegt bereits bei null Prozent: Ihn noch weiter zu senken, ist zwar theoretisch möglich. Nur hätte das krasse Folgen, etwa die, dass auch Kleinsparer von den Banken mit Minuszinsen bestraft würden. Politisch ist das mehr als heikel. Mit anderen Worten: Eine neue Krise ist möglich, doch es fehlen die Instrumente, um sie zu bekämpfen. Und diesmal kann niemand mehr überrascht tun und sagen, es habe ihn keiner gewarnt.

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