Zum Weltkrebstag : Krebsforschung: Hoffnung ist kein Wissen

Gesundheitsminister Spahns undifferenzierte Behauptung, Krebs könne bald besiegt sein, weckt Hoffnung auch, wo wenig Hoffnung besteht. Ein Kommentar.

Arbeiten nach wissenschaftlichen Prinzipien: Eine Pharmazeutisch-technische Assistentin und ein Apotheker stellen Krebsmedikamente in einem Labor einer Apotheke her.
Arbeiten nach wissenschaftlichen Prinzipien: Eine Pharmazeutisch-technische Assistentin und ein Apotheker stellen Krebsmedikamente...Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Eine halbe Million Menschen. So viele bekommen in Deutschland jedes Jahr die Diagnose Krebs. Sie ist schockierend, niederschmetternd, bringt die eigene Welt ins Wanken. Und gerade deshalb klammern sich Krebspatienten häufig an jede noch so kleine Hoffnung. Umso schlimmer ist es, wenn sich die als unbegründet herausstellt.

Die Behauptung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Krebs könne in zehn bis 20 Jahren besiegt sein, ist so ein Fall. Die Reaktionen fielen entsprechend eindeutig aus. Viele Mediziner widersprachen energisch. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sagte, es sei unverantwortlich, eine solches Versprechen zu geben. Dabei ist das Versprechen nicht gänzlich neu. Schon in den 1960er Jahren hatte es vor allem in den USA immer wieder ähnliche Behauptungen gegeben, die sich immer wieder als fehlerhaft herausstellten.

Inzwischen hat sich in der Krebsforschung einiges getan. Viele Tumoren werden früher erkannt und können zielgerichteter behandelt werden. Der Trend geht immer mehr zur personalisierten Medizin. Ärzte erstellen mit hochmodernen Methoden gleichsam einen Steckbrief jedes einzelnen Tumors, um jeden Patienten individuell behandeln zu können.

Dazugekommen sind auch neue Therapieansätze: Erst im Dezember hatten zwei Wissenschaftler den Medizin-Nobelpreis für ihre Forschung zu einer neuartigen Krebstherapie bekommen. Sie ermöglicht es dem eigenen Immunsystem, gegen die Tumorzellen vorzugehen. Erste Therapien, die auf diesem Konzept beruhen, sind als sogenannte Checkpoint-Therapien bereits im Einsatz.

Krebserkrankungen werden mehr

Trotz dieser und vieler anderer Fortschritte sind Mediziner noch weit davon entfernt, Krebs zu besiegen. In Deutschland sind alle Krebsformen zusammengenommen weiterhin die zweithäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Jedes Jahr sterben etwa 220.000 Menschen an einem bösartigen Tumor.

Ein Grund dafür ist, dass Krebszellen mit jeder neuen Technik, die Ärzte gegen sie einsetzen, Mechanismen zur Gegenwehr entwickeln. Und es ist nicht damit zu rechnen, dass die Zahl der Krebserkrankungen zurückgeht. Experten schätzen, dass hierzulande im Jahr 2030 schon 600.000 Menschen jährlich an Krebs erkranken könnten – 100.000 mehr als jetzt. Das liegt vor allem daran, dass die Menschen älter werden und viele Krebsarten jenseits des 60. Lebensjahrs deutlich häufiger auftreten.

Die häufigsten Krebserkrankungen 2017 bei Frauen und Männern
Die häufigsten Krebserkrankungen 2017 bei Frauen und MännernGrafik: Thorsten Eberding/AFP

Spahns Behauptung ist undifferenziert

Krebs ist dabei nicht gleich Krebs. Es handelt sich vielmehr um verschiedene Erkrankungen mit ebenso diversen Risikofaktoren und Krankheitsmechanismen. Über manche weiß man mehr, über andere weniger. Darm- oder Brustkrebs etwa können immer öfter geheilt werden – sofern man sie früh genug erkennt. Bei anderen Krebsformen hingegen sind Mediziner häufig noch machtlos, etwa bei Bauchspeicheldrüsenkrebs oder bei bestimmten Hirntumoren. Da ist die Sterblichkeit wesentlich höher. Auch das zeigt, dass Spahns Behauptung undifferenziert ist; weckt sie doch Hoffnungen bei allen – darunter jene, die an einer schlecht zu behandelnden Krebsform leiden.

Prävention bleibt wichtig

In einem anderen Punkt aber hat der Minister recht: Er betonte, wie wichtig Prävention ist. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums haben im vergangenen Herbst berechnet, dass mindestens 37 Prozent der Krebserkrankungen auf das Konto vermeidbarer Risikofaktoren gehen. Weit mehr als ein Drittel der Krebsneuerkrankungen könnte demnach vermieden werden.

Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiges Signal, dass die Bundesregierung vergangene Woche angekündigt hat, 62 Millionen Euro bereitzustellen, um Studien zur Prävention, Diagnose und Therapie von Krebs zu fördern. Es gibt Grund zur Hoffnung für Patienten, auch und gerade am heutigen Weltkrebstag.

Wissenschaftler weltweit arbeiten daran, die Menschheit von der Geißel zu erlösen. Und es gibt Fortschritte, jeden Tag. Ob sie es schaffen werden, kann aber niemand vorhersagen. Und deshalb sollte es auch niemand tun.

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