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Mehr als 1000 Holzpfähle müssen am Ufer des Deiches am Tonloch Wublitz in den Boden getrieben werden, um die Stabilität zu gewährleisten.
© Ottmar Winter PNN

Zustand der Deiche: Alles dicht am Damm?

Potsdam ließ seine Deiche prüfen: Tote Bäume, Wildschweine und Haushunde machen ihnen zu schaffen - aber auch der Mensch.

Von Erik Wenk

Potsdam - Die Uferkante des Damms am Tonloch Wublitz ist in einem bedenklichen Zustand: Die Böschung ist steil, das Erdreich droht in den kleinen See abzurutschen, hier und da ist es schon passiert. „Um ein weiteres Abbrechen zu verhindern, wird das Ufer mit Holzpfählen im Wasser befestigt“, sagt Ralf Voigt von der unteren Wasserbehörde der Stadt Potsdam. Er und einige andere Mitarbeiter:innen verschiedener Stadt- und Landesbehörden führten am Montag eine Deichschau durch: Diese findet zweimal jährlich im Frühjahr und im Herbst statt und dient dazu, den Zustand der Potsdamer Deiche zu überprüfen.

An diesem Montag sind ungewöhnlich viele Teilnehmer:innen bei der Deichschau, stellt Voigt fest: Ein halbes Dutzend interessierter Bürger:innen haben sich am Schöpfwerk Grube-Nattwerder eingefunden, von wo aus die Gruppe insgesamt acht Kilometer ablaufen will, nämlich die Dämme zwischen Grube und Golm, zwischen Fahrland und Marquardt sowie am Schlänitzsee. Möglicherweise sind es die Diskussionen um den Klimawandel und die Starkregenereignisse des Sommers gewesen, die bei manchen Anwohner:innen das Interesse an der Stabilität der Deiche geweckt haben.

Neue Holzpfähle für die Uferbefestigung sind auf dem Weg.
Neue Holzpfähle für die Uferbefestigung sind auf dem Weg.
© Ottmar Winter PNN

Tote Bäume können Löcher in den Deich reißen

An dem rund 250 Meter langen Ufer des Deiches am Tonloch Wublitz sind bereits zahlreiche Holzpfähle in den Boden getrieben worden, insgesamt müssen über 1000 Pfähle versenkt werden, um die künftige Stabilität des Bauwerks zu gewährleisten. Bis Ende November soll die Baumaßnahme abgeschlossen sein. Auch tote Bäume sind ein Problem: „Hier sind zwei tote Erlen“, sagt Martin Pagenkopf von der untere Naturschutzbehörde Potsdam und zeigt auf zwei kahle Stämme, die auf der Uferschräge stehen. Diese müssen gefällt werden, bevor sie umfallen, denn wenn das Wurzelwerk aus dem Boden gerissen wird, entstehen Löcher im Damm.

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Nur ein paar Meter weiter ist das schon passiert: Auf dem Deich Richtung Nattwerder liegt eine riesige Weide, die durch einen der letzten Stürme niedergegangen sein muss. Gesunde Bäume sind das A und O am Damm: „Hier müssen die Efeuranken gekappt werden, die ersticken die Bäume“, sagt Pagenkopf mit Blick auf einige zugewucherte Stämme.

Wildschweine wühlen die Grasnarbe auf

„Bäume und Wildschweine sind hier eigentlich unser größtes Problem“, sagt Pagenkopf. Auf dem Deich Richtung Nattwerder entdeckte die Gruppe auf einer Länge von 50 Metern Wühlspuren vom Fuß bis zur Kappe des Deichs. Das ist problematisch, denn so wuchtig die Erddämme auch sein mögen, eines ihrer wichtigsten Bestandteile ist die dünne Grasnarbe, von der das Bauwerk bedeckt ist: „Das Wurzelwerk des Grases sorgt für die Festigkeit des Bodens“, sagt Voigt. „Wenn das Gras weg ist, kann Regen die Erde darunter wegspülen.“ Und noch viel wichtiger: Nur eine feste und geschlossene Rasenfläche kann bei Hochwasser verhindern, dass der Deichkörper abgetragen wird.

Ralf Voigt von der unteren Wasserbehörde Potsdam begleitete die Deichschau
Ralf Voigt von der unteren Wasserbehörde Potsdam begleitete die Deichschau
© Erik Wenk

Der Gräserbewuchs der Deichanlagen hat durch die Trockenheit der letzten beiden Jahre stark gelitten: „Daher müssen die für den Unterhalt Verantwortlichen erhebliche Anstrengungen unternehmen, um die Rasenflächen der Deiche an die Herausforderungen des Klimawandels anzupassen - durch angepasste Pflege, Bodenverbesserung und die Ansiedlung trockenresistenter Arten“, so ein Pressesprecher der Stadt.

Seit Corona ist der Nutzungsdruck auf die Deiche gestiegen

Zum Schutz der Grasnarbe müssen Wildschweine von den Deichen ferngehalten werden: „Wir streuen Vergrämungsmittel aus, da ist unter anderem Chili drin“, sagt Pagenkopf. Die Tiere fressen das Mittel und haben danach keine Lust mehr, am Deich zu wühlen. Was für Wildschweine gilt, gilt auch für Hunde: Wenn diese an den Dämmen buddeln, beschädigen sie die Grasnarbe ebenfalls. „Seit Corona hat der Nutzungsdruck auf die Deiche sehr zugenommen, es gehen mehr Menschen darauf spazieren und führen ihre Hunde Gassi“, sagt Voigt.

An einigen Stellen könnte das Erdreich in den kleinen See abrutschen.
An einigen Stellen könnte das Erdreich in den kleinen See abrutschen.
© Ottmar Winter PNN

Auch andere Tiere können den Deichen gefährlich werden: Bisamratten etwa, deren Höhlen bis zu einem Meter Durchmesser betragen können. In Potsdam sind sie aber kein Problem, so Pagenkopf, ab und zu gebe es einen Fuchsbau, mehr nicht. Unkritisch sind Eisvögel: Einige von ihnen nisten im Damm am Tonloch Wublitz, ihre Höhlen sind aber zu klein, um das Bauwerk zu gefährden. Ganz anders sieht es mit der Nutzung der Deiche durch den Menschen aus: Autofahren, Reiten oder Radfahren sind auf den Deichen verboten, gemacht wird es trotzdem immer wieder.

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Potsdam relativ selten von Hochwasser betroffen

Trotz all dieser Probleme: „Im Großen und Ganzen sind Potsdamer Deiche in einem guten Zustand“, sagt Voigt. „Auch alle Schilder und Absperrungen sind in Ordnung.“ Auf dem Damm zwischen Nattwerder und Grube wurde eine kleine Absenkung entdeckt, die vermutlich auf den moorigen Boden zurückgeht: Hier muss ab und an etwas Erde aufgeschüttet werden, um den Höhenverlust wieder auszugleichen.

Auch zwischen Fahrland und Marquardt war bis auf ein paar tote Bäume alles in Ordnung, zudem muss das Astwerk einiger Bäume und Sträucher etwas zurückgeschnitten werden, so Voigt – Lichtraumprofilschnitt, wie es in Amtsdeutsch heißt. Dies ist nötig, damit die Deiche weiter bewirtschaftet werden können, etwa zum Mähen.

Angst, dass die Deiche nicht halten, muss man nicht haben: „Zum Glück ist Potsdam sehr selten von Hochwasser betroffen“, sagt Voigt. Kritisch war es zuletzt im Jahr 2011, als auf dem Damm zwischen Nattwerder und Grube Sandsäcke aufgeschüttet werden mussten. Aber Deiche werden schließlich für Extremsituationen gebaut: „Wenn wir einen Deich in hundert Jahren einmal brauchen, dann haben wir ihn gebraucht“, sagt Pagenkopf.

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