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Koch Franz Josef Steiner will den Umgang mit guten Zutaten und die Freude am Kochen vermitteln. 
© Ottmar Winter

Kochkurs mit Potsdamer Kindern: Komplizen am Herd

Schneiden, braten, würzen: Der Verein Kinderhilfe Potsdam startet ein Projekt für gesunde Ernährung und Freude am Kochen - und dabei soll es nicht bleiben.

Potsdam - Konzentriert stehen mehrere Fünftklässler in grünen Schürzen nebeneinander und schneiden Gemüse. Karotten, Pastinaken, grüner Spargel, Frühlingszwiebeln. „Machst feine Ringerl“, weist Franz-Josef Steiner mit österreichischem Zungenschlag an. Am gestrigen Mittwoch steht der Koch aus Kitzbühel nicht in seinem Restaurant Mutzenbacher in Berlin am Herd, sondern in der Küche des Stadtteilzentrums Oskar in Drewitz. Während sein Hund namens Chefkoch seine Runden um die Kochinsel dreht, drehen zwei Schüler Gemüsescheiben in der Pfanne, eine Schülerin lässt Salz darüber rieseln.

Der Kochkurs mit dem Profi ist der Startschuss des neuen Projekts Kochkomplizen. Ins Leben gerufen hat sie der Verein Kinderhilfe Potsdam, der sozial benachteiligte Kinder unterstützen will. Diesen Wunsch, so beschreibt es Mitgründerin Tanja Fischer, habe sie gemeinsam mit ihren Mitstreitern schon seit Längerem. 

Im Pandemieherbst 2020 habe der Arche in Drewitz eine Kürzung des Betreuungsangebots gedroht. „Die akute Finanzierungslücke durch den Lockdown war die Initialzündung für die Gründung unseres Vereins“, so die Ärztin Fischer. Die Ärztin organisierte mit den Mitgründern ein Spendenessen, das 60.000 Euro einbrachte. Sie halfen der Arche, deren Betrieb der Potsdamer Fernsehmoderator Günther Jauch maßgeblich unterstützt, und starteten ein erstes eigenes Projekt.

Im Kurs lernen die Kinder einige Grundlagen.
Im Kurs lernen die Kinder einige Grundlagen.
© Ottmar Winter

42 Lernpatenschaften sind derzeit aktiv

An der Grundschule am Priesterweg brachte der Verein Schüler ab der vierten Klasse mit Schülern des Humboldt- und des Leibniz-Gymnasiums für Lernpatenschaften zusammen. Hinter Lernkomplizen steckt die Idee einer Nachhilfe von Jugendlichen für Grundschüler. „Es handelt sich um lernwillige Kinder, denen ein Schub fehlt“, sagt die Schulleiterin der Priesterweg-Grundschule, Amrei Dettbarn. Die Nachteile der Kinder, deren Eltern aus Zeit- oder Sprachgründen nicht so gut unterstützen können, würden so teils kompensiert.

Der Verein Kinderhilfe initiierte ein Treffen im Garten des Gründungsmitglieds Jochim Sedemund. 42 Lernpatenschaften sind derzeit aktiv, treffen sich ein- bis zweimal pro Woche in Räumen der Schule. Bezahlt wird die Nachhilfe aus den Spendengeldern des Vereins. „Das Tolle an dem Projekt ist, dass die Gymnasiasten eben keine Erwachsenen sind, sondern nah dran und zugleich Vorbilder“, so Dettbarn.

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Nach dem "Paukenschlag" sollen weitere Projekte folgen

Auf die Lernkomplizen sollen schnell weitere Projekte folgen, auch im sportlichen und im beruflichen Bereich. „Uns geht es darum, Kinder dabei zu unterstützen, ihr Leben besser zu meistern“, fasst Fischer zusammen. Der Verein nutzt dabei die gute Vernetzung einiger der rund 50 Mitglieder und arbeitet mit bestehenden Initiativen und Unternehmen zusammen. Jobkomplizen soll Praktika vermitteln, auch ein Projekt Sportkomplizen ist geplant.

Mit der gestern gestarteten Initiative Kochkomplizen soll der Themenbereich Gesundheit und Ernährung in den Blick genommen werden. „Wir wollten mit einem Paukenschlag loslegen“, sagt Elvira Eichelbaum. Die ehemalige Direktorin der Grundschule am Priesterweg gehört zu den Initiatoren der ersten Projekte des Vereins, in dem sie sich engagiert. Ein Profikoch, ziemlich cool noch dazu – Steiner hat den Arm mit Rezepten volltätowiert. „Der Tag soll sich einprägen“, so Eichelbaum. 

Elvira Eichelbaum, ehemalige Direktorin der Grundschule am Priesterweg.
Elvira Eichelbaum, ehemalige Direktorin der Grundschule am Priesterweg.
© Andreas Klaer

Eine Abwechslung in der auch coronabedingt anregungsarmen Freizeit, in der Fernsehen und Spielkonsole oft exzessiv genutzt werden. Zugleich ist ihr die Nachhaltigkeit wichtig. Das Projekt soll mit Kindern verschiedenes Alters, mit anderen Köchen oder Vereinsmitgliedern regelmäßig stattfinden, der Kurs auch über den Tag hinaus in die Familien hineinwirken.

Zu viel Zucker, zu viele Fertigprodukte

„Viele der Kinder haben zu Hause nicht wirklich Zugang zu gesunder Ernährung und Kochen“, beschreibt Schulleiterin Dettbarn. In der Brotdose für die Pause stecke oft eine Milchschnitte oder ein Kinderpingui, manchmal auch eine Tüte Chips. „Einigen Familien fehlt die Zeit, anderen auch das Know How“, sagt sie. Zu viel Zucker, Fett, Weißmehl, zu viele Fertigprodukte. „Das ist aber kein rein soziales Thema, es geht auch um die Wertschätzung von Lebensmitteln“, so Dettbarn.

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Genau das vermittelt Koch Steiner mit Leidenschaft. Er erzählt den Kindern vom „weltbesten Kaiserschmarrn“ seiner Großmutter und zeigt nebenher noch, wie man gründlich abspült. Gute Produkte als Grundlage, frisches Gemüse. Das müsse nicht viel kosten, versichert er. „Dann fährt man einmal pro Woche zum Bauern, die sortieren so viel krummes Gemüse aus, das nicht hübsch genug ist für den Supermarkt“, empfiehlt er. Dann schimpft er über Püree aus der Tüte, „Schrott ohne Nährstoffe“.

An das Kartoffelpüree, das er mit den Schülern zusammen zubereitet, kommt nur Meersalz, damit der Geschmack der Kartoffel zur Geltung kommt. Das scheint gelungen zu sein. „Ich hätte nie gedacht, dass Kartoffelpüree so lecker sein kann“, sagt Nils. Stanley pflichtet bei: „Sonst esse ich nicht so oft Kartoffeln. Aber das schmeckt richtig geil.“

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