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Landeshauptstadt: Verzweifeln an der Gegensprechanlage

Leben in einer anderen Welt. Potsdams Gehörlose fühlen sich nicht behindert – und sind es manchmal doch

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Das beste Beratungsangebot nützt dem Menschen mit einer Hörbehinderung nichts, wenn er vor einer Tür mit Gegensprechanlage steht. Alexandra Lewing, Sozialarbeiterin beim Potsdamer Kreisverband der Gehörlosen, nennt das als eine von vielen Hürden, an denen ihre Klienten manchmal schier verzweifeln. Im Land Brandenburg sind derzeit etwa 1220 Menschen als hochgradig hörgeschädigt bis gehörlos registriert, in der Stadt Potsdam waren es im Juli 83.

Die Tür zum Café des Gehörlosenverbands in der Tuchmacherstraße steht jeden Dienstag weit offen. Allein sein macht depressiv, so die Erfahrung von Alexandra Lewing. Das betrifft vor allem ältere gehörlose Menschen, die sich zurückziehen und vereinsamen. Die Jüngeren, sagt sie, scheinen oft besser mit ihrer Situation umzugehen. „Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache anerkannt, sie wird unterrichtet und ist ein Studienfach, das hat viel zum Selbstverständnis der Gehörlosen beigetragen“, sagt Lewing.

Lewing, deren Stelle zu gleichen Teilen von Stadt und Landkreis finanziert wird, kam vor sechs Jahren aus Bremen nach Potsdam. Dass sie Gebärdensprache konnte, war ein wichtiges Auswahlkriterium. „Es hat jahrelang gedauert, sie zu lernen, und fertig ist man nie. Die Sprache entwickelt sich weiter, ständig kommen neue Wörter dazu“, sagt sie, nennt und gebärdet als Beispiel das Wort für „Facebook“. Diese Geste habe sich erst kürzlich entwickelt.

Wer sicher gebärden kann, kann selbstständig mit anderen Gehörlosen kommunizieren, die Medienangebote dieser Gemeinschaft nutzen. Für viele ist es die einzige Sprache. Benachteiligt oder gar behindert fühlen sie sich dadurch an sich noch nicht. Die meisten könnten sogar arbeiten. In der Realität aber sind viele Gehörlose dann doch arbeitslos: „Wenn der Antrag auf einen Dolmetscher für das Bewerbungsgespräch zu langsam bearbeitet wird, dann ist die Stelle eben weg“, sagt sie. „Und von den 82 Euro Landespflegegeld, das einem Gehörlosen monatlich zusteht, kann man das nicht selbst bezahlen: Eine Stunde kostet 55 Euro plus Fahrkosten“, rechnet sie vor.

Alexandra Lewing betreut etwa 200 Klienten aus Potsdam und dem Umland. Die Sozialarbeiterin hilft bei schwierigen Familiensituationen, Schulproblemen, Wohnungssuche, begleitet aufs Arbeitsamt, zum Arzt, zum Bürgerservice, organisiert Termine bei der Schuldner- oder Suchtberatung. Eigentlich sind ihre Klienten ganz normale Menschen mit normalen Problemen, die nicht zusätzlich stigmatisiert werden müssten. „Viele Hörbehinderte haben sogar einen Führerschein“, sagt sie, so fahre ein Mann täglich in eine Schule nach Belzig, wo er als Hausmeister arbeitet.

Schwierig wird es überall da, wo es um die Kommunikation mit hörenden Mitmenschen geht. Dann fungiert die Sozialarbeiterin oft als Dolmetscherin, wie beispielsweise beim Neujahrsempfang der Stadt, wo sie spontan für einen geladenen gehörlosen Gast übersetzte. Gedacht ist das nicht so. „Das ist ja ein eigener Beruf, es gibt eine Dolmetscherzentrale, deren Service man laut Kommunikationshilfeverordnung beantragen kann.“

Das Problem: Nicht jeder Behördenmitarbeiter weiß darüber Bescheid. Das Rathaus, so ein Stadtsprecher auf PNN-Anfrage, habe gar kein Budget für Dolmetscher. „Es gab auch zuletzt niemanden, der einen solchen Service bei uns beantragt hat“, heißt es weiter. „Das ist das Problem, der Bedarf wird nicht kommuniziert“, sagt Lewing. Sie rät Klienten, notfalls ihr Anrecht auf einen Dolmetscher mit rechtlichen Mitteln einzuforden. Hingegen lobt sie Arbeitsamt und Schulamt: „Da funktioniert es ganz gut.“

Was sich Hörende meist auch nicht vorstellen können: Die Schriftsprache ist selten eine Alternative. Wer nicht hören kann, sagt Lewing, für den bleiben gesprochene Sprache und Schrift stets irgendwie fremd. Im Umgang mit Schrift sind Hörbehinderte deshalb unsicher und gehemmt, vor allem, wenn das Gehör bereits vor dem Spracherwerb, also im Kleinkindalter, verloren ging oder die Behinderung von Geburt an bestand. Komplizierte, verschachtelte Sätze sind schwierig, und die Personen haben Angst, selbst Fehler zu machen.

Studentin Jennifer hingegen hat ein Cochlea-Implantat, eine Hörprothese. Aber sieben Stunden in der Fachhochschule seien unheimlich anstrengend, sagt sie. Vorübergehend hätte sie, weil ein Ohr nicht funktionierte, einen Dolmetscher gebraucht – doch der Antrag wurde abgewiesen und sie musste ein Semester aussetzen. Dabei sei sie noch vergleichsweise gut dran. „Ich hab Glück gehabt mit dem Implantat, mich gut dran gewöhnt“ sagt sie, während sie ihr Handy bedient.

Die neuen Medien, Internet, Skype und Facebook seien ein Segen, sagt Alexandra Lewing. Vor allem für die Kommunikation untereinander. Neben den Nachmittagen im Café organisieren sie Grillabende und Ausflüge. Zu Weihnachten gehen sie ins Theater, wenn dort zwei Gebärdendolmetscher übersetzen. „Das könnte es öfters geben“, sagt Lewing. In Sachen Teilhabe passiere zwar etwas, aber es gehe insgesamt zu langsam.

Auf der anderen Seite dürfen die echten Hilfsbedürfnisse der Gehörlosen nicht unterschätzt werden. So sei es wichtig, dass trotz der ganzen Inklusionsdebatte die Potsdamer Türkschule für gehörlose Kinder erhalten bleibt.

Sorgen macht sich Alexandra Lewing mittlerweile verstärkt um ältere Menschen. Jetzt werde die Generation alt, die Hitlers Euthanasie-Wahn entkommen ist, sagt sie unverblümt. „Ich höre manchmal herzzerreißende Fluchtgeschichten von alten Menschen. Wenn diese den Partner verlieren, pflegebedürftig sind und auf dem Land leben, entsteht eine ganz schwierige Situation.“ Es gebe aber in ganz Brandenburg kein Pflegeheim, das gehörlose Menschen aufnehmen könnte. „Wir müssen dringend die Mitarbeiter weiterbilden. Oder besser: Warum sollte nicht ein Gehörloser selbst zum Pfleger ausgebildet werden? Das wäre ideal“.

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