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Seit Mai befindet sich die Aids-Hilfe in der Hebbelstraße.
© Thilo Rückeis

Die unbewusste Gefahr: Zwei Drittel der HIV-positiven Brandenburger unwissentlich infiziert

Die Aids-Hilfe Potsdam hat neue Räume im Stadtzentrum bezogen - ist für die Aufklärungsarbeit aber auch in Bars und Kneipen unterwegs.

Von Erik Wenk

Potsdam - Hortense Lademann dreht ein kleines Glücksrad und zieht eine Quiz-Karte: „Wie viele Menschen mit HIV in Deutschland wissen nicht, dass sie infiziert sind?“, fragt die Sozialarbeiterin von der Aids-Hilfe Potsdam in die Runde. „Etwa ein Zehntel…?“, tippt eine der rund 20 Besucher:innen, die am Donnerstag beim Tag der offenen Tür in der Aids-Hilfe zu Gast waren. „Gut geschätzt!“, sagt Lademann. „Bundesweit sind rund 91.000 Menschen HIV-positiv, etwa 9500 wissen nichts davon.“

Staunen in der Runde, Lademann lächelt – das kleine Quiz hat seine Wirkung nicht verfehlt. Seit einiger Zeit ist die Aids-Hilfe mit dem Glücksrad und anderen Angeboten in Schulen und Jugendeinrichtungen unterwegs, um über HIV aufzuklären. Auch in Potsdamer Bars und Kneipen schaut die Aids-Hilfe regelmäßig vorbei, baut kleine Stände auf und lässt Interessierte am Rad drehen: „Das läuft super erfolgreich!“, sagt Lademann. „In der Bar Gelb haben wir schon richtige Groupies; die freuen sich immer, wenn wir kommen.“

Brandenburg weit über dem Bundesdurchschnitt

Aufklärung tut Not: In Potsdam gibt es laut Gesundheitsministerium jährlich circa fünf diagnostizierte HIV-Neuinfektionen, die Gesamtzahl der HIV-Infizierten wird nicht erfasst. HIV ist längst kein Todesurteil mehr: Dank antiretroviraler Medikamente, die die Anzahl der Viren im Blut auf ein Minimum senken, können Infizierte den Ausbruch von Aids sehr lange herauszögern oder ganz verhindern und sind auch nicht mehr ansteckend. „Die Ratsuchenden sind mit Medikamenten gut versorgt und die Nebenwirkungen sind gering“, heißt es in einer Presseerklärung der Aids-Hilfe. „Diese Personen gehen tagtäglich ihrer Arbeit nach und haben Familie und Freunde. Die Lebenserwartung ist so hoch wie bei Nichtinfizierten.“

Hortense Lademann.
Hortense Lademann.
© Thilo Rückeis

Die Hauptsorge der Aids-Hilfe betrifft eine ganz andere Gruppe: Laut Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) wissen in Brandenburg zwei Drittel der Menschen mit HIV nichts von ihrer Infektion. 2020 waren rund 330 Menschen in Brandenburg HIV-positiv, nur etwa 100 wussten etwas davon. Da es bis zu sieben Jahre dauern kann, bis aus einer HIV-Infektion eine Aids-Erkrankung wird, leben Infizierte oft jahrelang mit dem Virus und können es unwissentlich weitertragen.

Damit liegt Brandenburg weit über dem Bundesdurchschnitt: In kaum einem anderen Bundesland ist die Zahl der unwissentlichen HIV-Infektionen so hoch, sagt Ralph Gutzmer vom Vorstand der Aids-Hilfe Potsdam. „Brandenburg ist ein sehr ländlich geprägtes Flächenland, da ist der Gang zum Arzt mit vielen Berührungsängsten behaftet, wenn es um HIV geht“, so Gutzmer. Sprich: Da HIV immer noch sehr stigmatisiert ist, trauen sich viele Menschen außerhalb der Anonymität der Großstädte nicht, einen Arzt oder eine Teststelle aufzusuchen – das Umfeld könnte ja etwas davon mitbekommen.

Aids-Hilfe seit Mai in der Hebbelstraße

Um etwas daran zu ändern, bieten die Aids-Hilfe Potsdam und viele andere Beratungsstellen mittlerweile HIV-Selbsttests für zu Hause an: „Sam Health“ heißt das Testkit, mit dem man sich auf HIV, Syphilis, Chlamydien und Gonorrhoe testen kann. Die entsprechenden Proben schickt man anschließend an ein Labor, das Ergebnis bekommt man per SMS oder Telefon mitgeteilt.

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Seit Mai befindet sich die Aids-Hilfe in der Hebbelstraße nahe dem Holländerviertel, nachdem sie aus ihren alten Räumlichkeiten in der Kastanienallee ausziehen musste. „Ich denke, die zentrale Lage wird sich als produktiv erweisen“, sagte der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Pete Heuer (SPD), am Donnerstag bei einer Besichtigung der neuen Räume. Auch Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) und Sascha Krämer, der Fraktionsgeschäftsführer der Linkspartei Potsdam, waren vor Ort. Die neuen Räume sind etwas größer, durch den neuen Vorraum werden nun auch Schulungen möglich.

Sozialarbeiterin Sabine Frank mit Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne).
Sozialarbeiterin Sabine Frank mit Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne).
© Thilo Rückeis

Konzentration auf Präventionsarbeit

Die Arbeit der Aids-Hilfe Potsdam hat sich in den letzten Jahren verändert: „Wir gehen immer mehr weg von der fallbezogenen Beratung“, sagt Gutzmer. Menschen mit einer HIV-Diagnose wissen mittlerweile gut über Prophylaxe und Behandlungsmöglichkeiten Bescheid, daher konzentriert sich die Aids-Hilfe verstärkt auf Präventionsarbeit für Schüler:innen oder fremdsprachige Menschen. „Der Fokus ist dabei nicht mehr nur HIV, sondern sexuell übertragbare Krankheiten allgemein“, sagt Gutzmer.

Die Aids-Hilfe bietet immer am ersten, zweiten und dritten Donnerstag des Monats einen kostenlosen Testtag an, bei dem man sich anonym auf HIV, Syphilis, Chlamydien, Gonorrhoe oder Hepatitis C testen lassen kann. „Wir sind eigentlich immer ausgebucht“, sagt Hortense Lademann. Ein Grund dafür sei, dass das Gesundheitsamt Potsdam seit April keine HIV-Tests mehr anbietet, obwohl dies zu den Standard-Angeboten vieler Gesundheitsämter gehört. Der entsprechende Mitarbeiter habe die Stelle vor einigen Monaten verlassen, so Lademann. Seitdem sei sie unbesetzt.

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