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Christa Müller.
© Monika Schulz-Fieguth

Literatur auf der Spur: „… lass uns finden den bunten Himmel“

In der PNN-Sommerserie gehen wir den Spuren von Autor:innen nach, die einst zeitweise in Potsdam lebten. Heute: Christa Müller, die Filmdramaturgin bei der Defa war und als Autorin Lyrik und Erzählungen veröffentlichte.

Potsdam - Eines Tages, im vergangenen Jahr, war Christa Müller im Potsdamer Stadtgeschehen nicht mehr zu sehen. Ihr freundliches Grüßen bei Konzerten im Nikolaisaal oder in Kirchen gab es nicht mehr. Es wurde Geschichte. Die Schriftstellerin, die die Potsdamer Musikszene – ob Klassik oder Moderne – sehr genoss, war nicht mehr unter den Lebenden. Sie starb am 2. Oktober 2021 mit 85 Jahren nach schwerer Krankheit. Christa Müllers Herz schlug bis zu jenem Tag für die Kultur und Kunst in ihrer Vielfalt.

Die 1936 in Leipzig Geborene lernte zunächst den Beruf der Buchbinderin. Doch ihre Leidenschaft galt schon als junges Mädchen Theater und Film. Bei der Studentenbühne an der Karl-Marx-Universität Leipzig mitzuwirken, kam der ambitionierten Christa Müller sehr entgegen. Dort studierten sie Bertolt Brechts Szenenfolge „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ ein. 

Begegnung mit Slatan Dudow

In einem 2020 erschienenen Artikel im Journal „Leuchtkraft“ der Defa-Stiftung erinnerte sie sich: „Meine Begeisterung für den Dichter führte mich unter anderem zu ,Kuhle Wampe'. Den Film, seit seinem Verbot durch die Nazis verschollen, umgab eine Glorie, den Regisseur auch. Sein Name war Slatan Dudow. Merkwürdigerweise entging mir, dass er bei der Defa drehte und seine Filme in den Kinos gezeigt wurden. Als ich 1958 an der Hochschule für Filmkunst in Babelsberg immatrikuliert war, bereitete Slatan Dudow ,Verwirrung der Liebe' vor. Er suchte Kleindarsteller für den Faschingsball in seinem Film. Ich war neugierig und bewarb mich.“ 

Christa Müller wohnte in der Lennéstraße 13.
Christa Müller wohnte in der Lennéstraße 13.
© oto: Andreas Klaer

Slatan Dudow sollte auch danach für sie eine wichtige Rolle in Sachen künstlerischer Arbeit spielen. Im Leuchtkraft-Journal kann man lesen: „Während des Studiums brachte ich zwei Kinder von zwei verschiedenen Vätern zur Welt. Meine Mutter starb nach grausamer Leidenszeit an Krebs. Von ihrem Sterbelager in Leipzig fuhr ich anderntags zur Abschlussprüfung nach Babelsberg. Ich hatte ein Diplom für Dramaturgie. Im Studio war dafür keine Stelle vakant. Das Mutterschutzgesetz verhalf mir zu einem Arbeitsvertrag als Regieassistentin. So kam ich auf Weisung der Studiodirektion eines Tages zu Slatan Dudow – als er ,Christine' drehte. Plötzlich war ich diesem Menschen, von dem ich seit sieben Jahren wusste, in Arbeit verbunden.“ Doch lange währte die Zusammenarbeit nicht, denn während der Dreharbeiten 1974 starb Slatan Dudow bei einem Autounfall. „Christine“ blieb ein Fragment.

Für „Der Traum vom Elch“ schrieb Christa Müller das Drehbuch

Christa Müller konnte nach der Regieassistenten-Zeit in der Filmdramaturgie der Defa tätig werden und dabei auch Fahrt aufnehmen. Mit Regisseuren wie Erwin Stranka, Lothar Warneke und Peter Rocha oder der Regisseurin Hannelore Unterberg arbeitete sie intensiv an Projekten zusammen. Ihre bekannteste Arbeit für die Defa wurde „Der Traum vom Elch“, gedreht in den Jahren 1985/86 von Siegfried Kühn. Für diesen Film schrieb sie mit dem Regisseur das Drehbuch. Die Vorlage fanden sie beim gleichnamigen Roman des Kleinmachnower Schriftstellers Herbert Otto. „Ein nachdenklich stimmender Gegenwartsfilm mit überraschend pessimistischer Grundhaltung zu Lebensfragen, der von der Beziehungs- und Sprachlosigkeit junger Menschen in den letzten Jahren der DDR erzählt“, kann man im Lexikon des internationalen Films lesen.

Ab 1991 war bei der Defa für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Schluss. Mit der Umwandlung des Volkseigenen Betriebes in eine Kapitalgesellschaft wurde auch Christa Müller zum 31. Dezember 1990 entlassen und blieb bis zur Rente im April 1996 arbeitslos. Als überzeugte Kommunistin konnte sie die politische Wende 1989/90, so wie sie gestaltet wurde, für sich nicht bejahen. Es ging ihr um den Erhalt der DDR und die Durchsetzung demokratischer Prinzipien. Doch sie wusste, dass die Regierenden den Staat kaputt gemacht hatten. In einer Konzertpause in der Friedenskirche kamen wir darüber ins Gespräch. Mit Traurigkeit sagte sie: „Warum haben wir dies nur zugelassen. Es war doch nicht zu übersehen, dass da so viel schiefläuft.“

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Neben ihrer Filmdramaturgen-Tätigkeit schrieb Christa Müller immer wieder Prosa und Lyrik. Zu DDR-Zeiten konnte sie im renommierten Aufbau Verlag zwei Bücher mit Erzählungen herausgeben: „Die Verwandlung der Liebe“ sowie „Die Vertreibung aus dem Paradies“. Fünf Geschichten findet man in diesem Buch, das von Grafiken des Potsdamer Künstlers Manfred Nitsche einfühlsam illustriert wurde. Sie erzählen vom unfreiwilligen, manchmal komplizierten Abschied von der Kindheit in unterschiedlichen Altersstufen. In beharrlich-stiller Weise lenkt die Autorin Verstand und Emotion auf menschlich Wesentliches: Wie wir das Miteinander besser gestalten könnten, ohne besserwisserisch zu sein.

Die Potsdamer Fotografin Monika Schulz-Fieguth gab 2007 den prachtvollen Bildband „Der Heilige See am Neuen Garten“ heraus. Fotografien, die von jahrzehntelangem Erleben mit dem See berichten, ganz aus der Ruhe geschaffen und zum Leuchten gebracht. Die Künstlerin hat Christa Müller, die sie seit langem kannte, eingeladen, das Buch mit Gedichten zu bereichern. Was sie dachte und empfand, hat die Dichterin unprätentiös den Lesern mitgeteilt: „In dieser Kälte lass uns finden / den bunten Himmel wo/ die Schwalben unsichtbare Muster weben/ vor der Nacht/ der süchtig macht/ nach Weite und nach Leben“.

Auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf, wo Christa Müller beerdigt wurde, treffen sich hin und wieder Freundinnen und Freunde der Schriftstellerin, lesen aus ihrem Werk vor und erinnern sich.

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