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Der Klassizismus findet bei Hermann (hier auf einem Porträt von Erich Büttner) wohlwollende Resonanz. 
© Getty Images

Literatur auf der Spur: Ahnung von Potsdams Luft am Wannsee

In der PNN-Sommerserie gehen wir den Spuren von Autor:innen nach, die zeitweise in Potsdam gelebt haben. Heute: Georg Hermann, der regelmäßig von Berlin nach Potsdam fuhr, um für seine Bücher zu recherchieren.

Potsdam - Ein kundiger, ja ein begnadeter Potsdamer Stadtführer war Georg Hermann. Hinter ihm hat sich jedoch kein Tross von Touristen gedrängt, um die Geschichten zur Historie der Stadt zu hören. Sein Potsdam-Wissen fand und findet man in Büchern aufgezeichnet, die zu den stimmungsvollsten Texten gehören, die über Potsdam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschrieben wurden.

Wenn er sich von Berlin aus in die Nachbar-Residenz auf den Weg machte, und das geschah oft, benutzte Georg Hermann die Stadtbahn. „Es ist nicht allzu viel los auf der Fahrt. Nur wenn der Zug am Wannsee vorüberstreicht und so einen sekundenkurzen Blick uns lässt über weite angeblaute Fernen und gekräuselte Wasserflächen, auf denen weiße Segel wie Mövenflügel tanzen, dann schlägt einem schon der Duft, eine Ahnung von der Luft Potsdams, entgegen“, teilte der Schriftsteller dem Leser in seinem 1926 literarischen Stadtführer „Spaziergang in Potsdam“ mit. Der 1871 Geborene fuhr aber nur bis 1933 nach Potsdam. Da er danach in Neckarsgemünd wohnte, war er nur noch selten in Berlin und Potsdam.

Die Nazis spürten ihn in Holland auf

Auch die Bücher dieses jüdischen Schriftstellers wurden von den Nationalsozialisten im Mai 1933 den Flammen der barbarischen Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz übergeben. Da wusste er, dass sein Bleiben in Deutschland für ihn nicht mehr sicher war. Er ging mit beiden Töchtern und seiner geschiedenen Frau nach Holland ins Exil. Doch die Nazis spürten ihn dort auf und deportierten ihn in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Georg Hermann wurde dort am 19. November 1943 in den Gaskammern getötet.

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Wenn man sich auf die Geschichts- und Kunstbetrachtungen in Hermanns Buch einlässt, so wird man feststellen, dass er Potsdam aus dem Effeff kannte. Doch er selbst untertrieb: „In Wahrheit nämlich weiß ich gar nichts Besonderes über Potsdam, habe nicht eine Nacht jemals in Potsdam geschlafen.“ Die Schlendergänge, wie er seine Besuche in der Stadt nannte, waren „ohne jeden Forschungseifer, nur ganz hingegeben dem Zauber dieser Stadt, die wie eine Oase in einer sonst landschaftlich ungewöhnlich armseligen und fast völlig kunstleeren Wüste liegt. Dabei hat mich – das nur zur Kennzeichnung meiner Einstellung – Geschichtliches gar nicht gereizt, denn der Militarismus auf dem Potsdam als Inhalt beruhte und der ihm nach außen hin seine Note gab, (…) war mir von je höchst unangenehm und unbequem.“ Nun, über Hermanns Sicht auf die umliegende Landschaft Potsdams kann man ganz verschiedene Ansichten haben.

Hermann sah sich als Flaneur

Der kundige Potsdam-Besucher Hermann sah sich selbst als Flaneur, einer, der im Spazierengehen schaute, genoss und planlos umherschweifte. Er durchquerte die Straßen, betrachtete architektonische Details und reflektierte über städtebauliche Konzepte.

Seine Kenntnisse über Architektur-, Kunst- und Kulturgeschichte sind kompetent und er schrieb über das Betrachtete mit einer feinen Leichtigkeit und Heiterkeit, so wie Theodor Fontane seine Romane, Erzählungen und Reiseberichte unter das Motto stellte: „Aufs Plauderkönnen läuft schließlich alles hinaus.“ Und das konnte Georg Hermann perfekt, obwohl er solche Lobeshymne abwehren würde. Das alte Potsdam, vor allem die Stadt, die zur Zeit des friderizianischen Rokoko ihren ersten architektonisch-künstlerischen Höhepunkt erreichte, bringt Georg Hermann den Lesern nahe.

Potsdams Alter Markt vor dem Krieg.
Potsdams Alter Markt vor dem Krieg.
© Bundesarchiv

Auch der Klassizismus findet bei ihm eine wohlwollende Resonanz. Doch seine Abneigung zum Monumentalismus des Kaiserreichs ist nicht von der Hand zu weisen. Wer will, kann Passagen im „Spaziergang in Potsdam“ auch vor dem Hintergrund des Stadtschloss-Neubaus sowie der Rekonstruktion des Garnisonkirchenturms lesen. Georg Hermann machte sich immer wieder Gedanken darüber, wie man Altes mit Neuem sinnvoll verbinden und in die Zukunft führen kann.

Zu DDR-Zeiten, nämlich 1985, durfte im Verlag Das Neue Berlin Georg Hermanns „Spaziergang“ erscheinen. Ulbricht und Honecker haben Potsdam teilweise so verhunzt, dass man die einstige Schönheit der Stadt nur noch erahnen konnte. Die lebhafte Erinnerung an das Potsdam des Rokoko und des Klassizismus durch Georg Hermann musste doch den Staatsoberen eigentlich ein Dorn im Auge gewesen sein.

Die Schönheit der Straßen wieder lebendig gemacht

„Spaziergang in Potsdam“ gehört zu Hermanns erfolgreichen Publikationen, bis heute. Der Stadt Potsdam hat der Schriftsteller aber noch in weiteren Büchern ein Podium gegeben. Die Geschichten, die er wählte, sind weitgehend in kultivierten Familien des Bürgertums der Biedermeierzeit angesiedelt, auch im Judentum. Von Traditionen, Konventionen, dem Drang nach einem selbstbestimmten Leben ist da die Rede, so in „Jettchen Gebert“, „Henriette Jacoby“ und in „Heinrich Schön jun.“.

Vor allem der Roman „Jettchen Gebert“ bekam die größte Aufmerksamkeit. Er wurde auch verfilmt, kam als Operette von Walter Kollo sowie als Schauspiel unter anderen von Reinhard Baumgart auf die Bühne. Man erfährt von sozialen Spannungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem in Berlin. Potsdam blieb bei Georg Hermann doch eher die beschaulich-idyllische Stadt, doch die Mentalität des Biedermeier erfuhr eine große atmosphärische Dichte. Die Schönheit der Straßen, Häuser und Plätze, Parkanlagen und Hausgärten werden wieder lebendig.

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