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Kultur: Aufschrei und befreites Lachen

Skulpturen und Fotografien von zwei tschechischen Künstlerinnen in der Galerie Töplitz

Stand:

Hanna ist ein Hingucker. In paradiesischer Nacktheit präsentiert sie ihre üppige weibliche Fülle auf dem Bar-Tresen in der Galerie Töplitz. Diese Frau haut so schnell nichts um. So wie Ludmila, ihre Schöpferin. Die tschechische Bildhauerin ist allerdings die schlanke „Ausgabe“ von Hanna. Doch mit ebenso viel Kraft. Ludmila goss Hanna in Polyester: als Gegenentwurf zum Schlankheitswahn, der in den 70er Jahren herrschte. Mit „Hanna“ als Diplomarbeit war ihr die Aufmerksamkeit gewiss. Dieses Vollblutweib hatte mehr Energie als die abgehungerten Modelle ihrer Kommilitonen.

In Töplitz ist die wuschelköpfige Dicke indes nicht nur als Plastik zu sehen, sondern auch auf den Fotografien von Zuzana Richter. Die Mediendesignerin montierte am Computer die abfotografierte Skulptur in ihre Schwarz-Weiß-Bilder hinein, so als würde sie dazu gehören. Stolz thront Hanna auf einem Berliner Hochhaus in der Leipziger Straße und schaut auf das Ameisengetümmel hinab. Daneben sieht man sie auf einer knorrigen Baumwurzel sitzen, als würde sie als Stamm herauswachsen.

Die Liaison zwischen der Bildhauerin Ludmila Seefried-Matejkova und der Kunstfotografin Zuzana Richter besteht seit vier Jahren. Doch Zuzana liebäugelte schon viel früher mit den Arbeiten von Ludmila. Sie sah in einer Ausstellung ihre Plastik „Am Rande“, und diese spärlich bekleidete Frau aus Polyester, die in angstvoller Verlorenheit auf der Bettkante sitzt, sollte sie lange verfolgen. Bis sie sich fünf Jahre später traute, die Bildhauerin anzusprechen, ob sie ihre Arbeiten fotografieren dürfte.

Inzwischen verschmelzen beider Werke zu einer Sinneinheit. Vielleicht weil beide Frauen sich in ihrem Leben durchkämpfen mussten und das in ihrer Kunst sinnfällig und aufwühlend Ausdruck findet. Wie bei der „Verlorenen Tochter“. Im Vordergrund ist eine wehklagende Frau mit erhobenen Fäusten zu sehen: Wut und Niedergeschlagenheit sind in ihrem Körper eingebrannt. Dahinter ist die zarte Silhouette eines tanzenden Kindes zu sehen, die in dem verwüsteten Raum verloren aus dem Fenster schaut. Ein Traum. Denn das Mädchen ist tot, Opfer eines sinnlosen Krieges. Die beiden in der einstigen Tschechoslowakei geborenen und seit vielen Jahren in Berlin lebenden Künstlerinnen verarbeiteten so ihr Mitgefühl für die toten und vergewaltigten Menschen im ehemaligen Jugoslawien, für die bosnische Frau, die ihre Tochter verlor.

„Wenn man selbst Leid erlitten hat, wird man sensibilisiert für den Schmerz anderer“, sagt die 70-jährige Ludmila. Sie wurde bereits in ihrer Kindheit durch Verluste geprägt. Als sie elf Jahre alt war, nahm man ihrem Vater das Sägewerk weg. „Plötzlich waren wir im ganzen Dorf als Kapitalisten verschrien. Kinder, mit denen ich vorher spielte, grenzten mich jetzt aus. Ich fühlte mich wie ein bunter Hund.“ Sie verloren auch ihr Haus und mussten von Ost- nach Westböhmen umsiedeln. „Mein Vater saß nun im Büro, verdiente kaum Geld. Wir waren alle sehr unglücklich.“ Ludmila weigerte sich in der Schule, irgendeiner Jugendorganisation beizutreten. „Ich hätte mich wie eine Opportunistin gefühlt.“ Die Folge war, dass sie nicht studieren durfte. Oder sie hätte sich von ihrer Familie distanzieren müssen. „Es ist doch grausam, wenn ein Regime verlangt, sich von seinen eigenen Eltern loszusagen.“ Sie ließ sich nicht weichklopfen, arbeitete dafür in einer Porzellanfabrik und bei einem Steinmetz. Als Alexander Dubcek an die Macht kam, verließ sie noch rechtzeitig vor dem „Prager Frühling“ das Land und begann in Berlin an der Hochschule für Bildende Künste zu studieren. Dennoch litt sie weiter, denn nun war sie von der Willkür der tschechischen Behörden abhängig, ob sie ihre Familie zu Hause besuchen konnte oder nicht. „Es war schlimm für mich, meine kranke Mutter nicht sehen zu dürfen. Dennoch ließ sie sich nicht vom Geheimdienst zur Mitarbeit überreden. „Ich wurde zur strengen Wahrheit erzogen.“

Ihre Arbeit ist für sie wie eine Therapie, „ein Gottesgeschenk“. Sie bewältigte darin den Tod der Mutter, ihre Fehlgeburten und immer wieder das menschliche Leid durch politische Willkür. Eine ganze Serie widmete sie dem Thema Vergewaltigung.

Nach Töplitz brachte sie ihren „Schrei“ mit: ein aus dem Boden herauswachsender Mann, dem nur noch die erhobenen Hände der Klage und der Schrei der Verzweiflung geblieben sind. Auf dem Foto von Zuzana Richter steht er vor einer kahlen Hauswand und einem Stacheldrahtzaun.

Die 1960 in Prag geborene Zuzana Richter gehört zwar einer anderen Generation an, aber auch sie wurde durch ihre negativen politischen Erfahrungen künstlerisch geprägt. Diese begannen mit der Liebe. Sie heiratete einen Landsmann, der illegal in den Westen ging. Über fünf Jahre sollte es dauern, bis sie ihm folgen konnte. Zwischendrin landete sie wegen versuchter Republikflucht im Gefängnis. Da sie danach keine richtige Anstellung fand, jobbte sie herum, fand aber in der Fotografie ein Ventil, um ihre Gefühle herauszulassen.

Ihr Foto „Richter hat fertig“ erzählt vom Ende dieser ersehnten Partnerschaft. Nach elf gemeinsam in Deutschland verbrachten Ehejahren blieb nur noch ein Scherbenhaufen.

Auch hier passte eine Skulptur von ihrer Kollegin bestens hinein. Der Richter mit undurchdringlichem Gesicht und verschränkten Armen. Für ihn ist die Arbeit vollbracht, die Scheidung vollzogen.

Die in den Fotos akribisch hinein montierten Abbildungen der Plastiken sind der Farbtupfer in den Schwarz-Weiß-Bildern. Das Rot wirkt wie ein Fremdkörper und scheint doch dazugehörig. Mal verstörend, mal augenzwinkernd. Denn die Ausstellung zeigt das ganze Leben. Neben dem Aufschrei das befreite Lachen.

Eröffnung am morgigen Samstag, 17 Uhr, zuvor um 16 Uhr Konzert in der benachbarten Dorfkirche mit dem Flötenduo Dvorah & Pavel. Sie spielen Werke von Bach, Telemann, Mozart u.a.. Während der Vernissage spielt der Jazz-Saxophonist Joe Kucera. Die Ausstellung läuft bis zum 15. Juni, geöffnet Sa und So 14 bis 18 Uhr, Mo bis Fr 16 bis 18 Uhr.

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