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Von Klaus Büstrin: Bis zum letzten Hemd

„Aktenkundig: Jude“. Judenverfolgung in der NS-Zeit in Brandenburg. Eine Ausstellung im Kutschstall

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Fein säuberlich wurde alles aufgeschrieben, die Vermögenslage, die Transportlisten für die Deportation in die Vernichtungslager. Die Beamten des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg waren in ihren Aufzeichnungen ganz penibel und haben sie wohl geordnet in die Karteikartenschränke einsortiert. Die Bürokratie funktionierte außerordentlich gut.

„Aktenkundig: „Jude!“. Nationalsozialistische Judenverfolgung in Brandenburg. Vertreibung – Ermordung – Erinnerung“, so heißt die Wanderausstellung des Brandenburgischen Landeshauptarchivs (BLHA), die gestern im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Potsdam (Kutschstall) eröffnet wurde. Veranstaltet wird sie im Rahmen von Kulturland Brandenburg 2009 „Freiheit. Gleichheit. Brandenburg. Demokratie und Demokratiebewegungen“. Die Aufarbeitung des Unrechts von Diktaturen in der demokratischen Gesellschaft gehört ebenfalls zum diesjährigen Themenkreis von Kulturland.

Das Brandenburgische Landeshauptarchiv beherbergt in seinen Räumen Papiere des Oberfinanzpräsidenten von Berlin-Brandenburg (OFP). Die Behörde wurde 1919 gegründet und hatte ihren Sitz am Berliner Kurfürstendamm. Während der nationalsozialistischen Zeit hatte das OFP mehrere Sonderaufgaben in puncto Vermögensbeaufsichtigung zu bewältigen, auch die Kontrolle des Devisenverkehrs mit dem Ausland und während des Zweiten Weltkriegs die Behandlung des „reichsfeindlichen Vermögens“. Der Umgang mit dem Eigentum von jüdischen Bürgern von 1933 bis 1945 gehörte ebenfalls dazu. Darüber gibt es einen umfangreichen Aktenbestand im Landeshauptarchiv.

Die Ausstellung im Kutschstall weiß über das Schicksal von jüdischen Menschen in der Zeit ihrer Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation und Ermordung sehr beredt zu erzählen. Von den zehntausenden Einzelakten, die im Archiv aufbewahrt und mit denen auch aktuelle Restitutionsansprüche geklärt werden, können im Kutschstall natürlich nur einige Beispiele vorgestellt werden. Ausstellungskuratorin Monika Nakath hat neben wichtigen Informationstafeln originale Dokumente ausgewählt. Sie sprechen eine deutliche Sprache und ihre Authentizität bewirkt, dass sie manchmal erschütternder sind, als hin und wieder Belletristik oder Spielfilme.

Von Beschimpfungen, Diffamierungen und Ausgrenzungen jüdischer Mitbürger wird berichtet. Beispielsweise über den Arzt Dr. Jaffé aus Bad Freienwalde. Jahrzehntelang wurde er geachtet und plötzlich, 1933, mit judenfeindlichen Parolen bedacht. Da erfährt man durch eine Amtliche Mitteilung der Stadt Potsdam, in der alle nichtarischen Geschäfte der Residenzstadt genauestens aufgeführt wurden. Plakate wie zunächst „Helft am Wiederaufbau! Kauft deutsche Waren“ oder später ganz unverblümt „Juden sind hier unerwünscht“ rufen zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Im Rahmen eines radikalen Maßnahmekataloges der nationalsozialistischen Judenverfolgung hatte jeder jüdische Bürger eine Judenkennkarte bei sich zu tragen, die er selbst bei der jeweiligen Ortspolizei beantragen musste. Zu persönlichen Vermögenserklärungen war ebenfalls jeder aufgefordert. Aufgelistet wurde alles, bis zum letzten Hemd und Handtuch. Auf den Verzeichnissen zum Abtransport in die Vernichtungslager vermerkte man, ob der Deportierte arbeitsfähig ist oder nicht. Manch jüdischer Bürger änderte dabei sein Geburtsdatum, denn für kleine Kinder und alte Menschen waren die Überlebenschancen noch geringer.

Aufbewahrt wurden die Dokumente in Karteikartenschränken im OFP. Ein originaler Schrank hat in der Ausstellung Platz gefunden. Da findet man Namen von „einfachen“ Bürgern wie Bergmann, Adler, Cohn, aber auch den des berühmten Wissenschaftlers Albert Einstein.

Die Ausstellung gibt Auskunft darüber, wie die archivalischen Quellen nach 1989 zur materiellen Wiedergutmachung ausgewertet werden, aber auch davon, wie heute die Öffentlichkeit vom Lebensweg und dem Schicksal jüdischer Menschen im lokalen Umfeld über die Intiative „Stolperstein“ erfährt. Immer mehr Schulen beschäftigen sich ebenfals mit den OFP-Akten. So haben Schüler der Voltaire-Gesamtschule die Biografie der Potsdamer Geschäftsfrau Bertha Simonsohn (1876-1943) erforscht. Auf dem Jüdischen Friedhof, auf dem ihre Familie beigesetzt wurde, blieb ihr Platz leer. Sie wurde in Theresienstadt ermordet. Für Bertha Simonsohn wird nun im März ein „Stolperstein“ in der Landeshauptstadt gesetzt.

Bis zum 13. April, Ausstellung des Brandenburgischen Landeshauptsarchivs im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Di-Fr 10 bis 17 Uhr, Sa/So 10 bis 18 Uhr, Informationen: 0331/6208550.

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