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Der Adler stand einst am Alten Markt auf dem Fortuna-Portal des Potsdamer Stadtschlosses.
© Andreas Klaer

„Brandenburg. Ausstellung“ im HBPG eröffnet: Das Land, darinnen Leute arbeiten müssen

Wie erzählt man zeitgemäß 1000 Jahre Brandenburger Geschichte? Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte versucht's - mit Erfolg.

Von Lena Schneider

Potsdam - Der wachhabende Adler sieht lädiert aus. Einst stand er drüben am Alten Markt auf dem Fortuna-Portal des Potsdamer Stadtschlosses, kündete dort symbolisch vom Karrieresprung des Schlossherrn: Das Portal war 1701 errichtet worden, als aus dem Kurfürsten Friedrich III. Friedrich I. geworden war - erster König in Preußen. 

Dass Sandsteinadler jetzt beinahe ebenerdig in der neuen Dauerausstellung im Haus Brandenburgisch-Preußischer Geschichte (HBPG) hockt, sagt viel über diese Schau aus, die, so der längjährige Leiter Kurt Winkler, „1000 Jahre Geschichte in einer Stunde erlebbar machen will“. Nichts soll hier geschönt, niemand glorifiziert und kein Streitthema vermieden werden. 

Die neue Dauerausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte verbindet traditionelle Exponate mit den Möglichkeiten der Digitalität.
Die neue Dauerausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte verbindet traditionelle Exponate mit den Möglichkeiten der Digitalität.
© ZB

Zudem markiert der Adler eine Gabelung: Links geht es in die ältere Geschichte, rechts von ihm ins 20. und 21. Jahrhundert. Und auch, wenn er bei der Rekonstruktion des Stadtschlosses ab 2000 als Vorlage für die denkmalgerechte Sanierung des Skulpturenschmucks diente: Man sieht ihm an, dass er eine Bombardierung und eine Sprengung mitgemacht hat. Preußische Hochzeit, Zweiter Weltkrieg, DDR-Zeit und Re-Barockisierung der Nachwendezeit - all das ist diesem gerupften Vogel anzusehen. Ein Kondensat von 300 Jahren Brandenburg.

Schau wurde seit Jahren geplant

Im Vorfeld dieser seit Jahren geplanten Schau war viel von Digitalisierung die Rede. „Brandenburg. Ausstellung“ baut jedoch durchaus auf die Kraft von Originalobjekten: 228 sind zu sehen. Deren Vorgängerin „Land und Leute“ war bereits 2018 abgebaut worden. Warum die Vorbereitung so lange dauerte, hat Kurt Winkler zufolge mit der Politik zu tun, aber auch damit, dass „Brandenburg sich schwer tut mit seiner Identität“. Andere Bundesländer ließen sich einfacher auf einen Nenner bringen, so Winkler - Brandenburg jedoch streite leidenschaftlich über den Umgang mit Preußen, der DDR, dem Barock. 

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Dazu kam: Das HBPG wollte sich erneuern, grundlegend. Wollte zeitgemäßer werden: partizipativer, hybrider, inklusiver. Wer fürchtete, vor lauter Hybridität um die Freude des Haptischen gebracht zu werden, kann jedoch beruhigt sein: Die „Brandenburg. Ausstellung“ ist ein durch und durch sinnliches Erlebnis. Multimediale Elemente und ein ausführliches Begleitprogramm für Kinder lädt ausdrücklich auch Familien zum Erkunden ein. 

Preußens Streitlust wird mit diesem historischen Gewehr veranschaulicht.
Preußens Streitlust wird mit diesem historischen Gewehr veranschaulicht.
© Andreas Klaer

Die gute alte Vitrine und das Potsdam-Modell von 1912, das schon in der Vorgängerschau zu sehen war, kommen hier ebenso zum Einsatz wie zehn großformatige Themenkarten (zu Migrationsbewegungen in Brandenburg etwa), Medienstationen mit Audio- und Videomaterial und historischen Dokumenten - und auch zehn „lebende Porträts“. Kurt Winkler nennt sie Avatare: kurze, mithilfe der Filmuniversität Babelsberg gedrehte Videos, die historische Persönlichkeiten wiederauferstehen lassen. 

Verschiedene Themeninseln werden kritisch beleuchtet

Promis wie Sophie Friederike Wilhelmine in Preußen, Komponistin und Schwester von Friedrich II., oder Emilie Fontane, die Frau Theodor Fontanes (dessen Schreibtischstuhl hier auch bewundert werden kann). Vorgestellt wird aber auch die fiktive Figur Anna, eine Bäuerin aus dem 10. Jahrhundert. Überhaupt ist klar der Versuch erkennbar, die von der offiziellen Geschichtsschreibung oft Vergessenen zurück in den Kanon zu holen. So kommt nicht Friedrich II., sondern dessen Leibkutscher Johann Georg Pfund zu Wort, man trifft auf Frauen wie Gräfin von Itzenplitz (1772-1848), die nicht nur Gutsherrin war, sondern auch Agrarreformerin. Kurt Winkler spricht dezidiert nicht von „Dauerausstellung“, sondern nennt sie eine „Überblickspräsentation“. 

Das Gröbener Kirchbuch (von 1578 bis 1769) gilt als das älteste der Mark.
Das Gröbener Kirchbuch (von 1578 bis 1769) gilt als das älteste der Mark.
© ZB

Zum Einen soll hier nichts von Dauer sein, sondern sich weiter verändern und aktualisieren. Zum anderen wird hier nicht der Anspruch erhoben, 1000 Jahre Geschichte chronologisch zu durchpflügen - stattdessen werden verschiedene Themeninseln kritisch beleuchtet. „Typisch Brandenburg?“, fragt die erste und legt die älteste bekannte Quelle offen, die die Mark als „Streusandbüchse“ betitelte: Johan Hübners war das, im Jahre 1733. Auch prägte er bereits das Image von der Mark als hartem, kargem Terrain: Es sei ein Land, „darinnen die Leute arbeiten müssen, wenn sie sich wohl befinden wollen.“

Das 20. und 21. Jahrhundert, rechts vom Adler, wird vergleichbar knapp behandelt. Vier großgezogene historische Fotos führen in die Weimarer Republik, das 3. Reich, die DDR und die Gegenwart ein. Auf deren Rückseiten jeweils eine große Vitrine mit Objekten, deren Geschichten man sich per Touchscreen erschließen kann: Für das noch junge Genre der hybriden Geschichtsausstellung dürfte diese eindrückliche Schau durchaus beispielhaft sein. Beim Verlassen fällt der Blick auf eine schwarze Wand, dem Adler gegenüber. Dort steht, über einem barocken Kronleuchter und einem sowjetischen Stern: „Wir sagen: Die Zeit vergeht, / Dabei sind wir es, die verschwinden.“

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