Ada Hegerberg beim Ballon d'Or : Sexismus im Sport hat tiefe Wurzeln

Das Beispiel Hegerberg zeigt: Männer und Frauen sind nicht gleich – vor allem nicht im Sport. Dabei fängt Sexismus beim Marketing an und endet beim Missbrauch.

Tanz mit mir: DJ Martin Solveig (l.) überschritt ein paar Grenzen bei der Weltfußballerwahl.
Tanz mit mir: DJ Martin Solveig (l.) überschritt ein paar Grenzen bei der Weltfußballerwahl.Foto: AFP/Franck Fife

Nun sollte man den Eklat beim Ballon d'Or nicht künstlich aufblasen: Aber dass der Moderator die Weltfußballerin Ada Hegerberg zum "Twerken", also zum in die Hocke gehen und Po wackeln aufforderte, war schon ziemlich daneben. Von Sexismus war die Rede. Tatsächlich ist dieser im Sport tief verankert.

Die Rolle der Frau im modernen Sport beginnt mit der Wiederbelebung der Olympischen Spiele im Jahr 1896. Der Gründer des Internationalen Olympischen Komitees, Pierre de Coubertin, war der Meinung, die Männer sollten den Sport treiben, die Frauen seien zum Applaudieren da. Er sprach sich gegen die Zulassung von Frauen zu Olympischen Spielen aus und musste zähneknirschend hinnehmen, dass der Internationale Olympische Kongress ihm widersprach.

„Frauen waren anfangs die Petersilie auf der Olympischen Platte“, sagt Petra Tzschoppe, Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Daraus haben sich die Grid Girls bei der Formel 1 und die Küsschen gebenden Frauen mit Modelmaßen etwa bei der Tour de France entwickelt, wobei die Grid Girls aber mittlerweile abgeschafft wurden.

Körperbilder

Frauen bekommen teilweise immer noch archaische Geschlechterbilder zu spüren, oft sogar über die offiziellen Regelwerke der Verbände und Veranstaltungen. Bei den US Open kam es kürzlich zu einem doppelten Eklat, als die französische Tennisspielerin Alizé Cornet eine Ermahnung erhielt, weil sie ihr verkehrt herum angezogenes T-Shirt auf dem Platz aus- und wieder anzog.

Die Schiedsrichter waren der Meinung, Cornets Sport-BH sei nicht ziemlich, im Gegensatz zu den nackten Oberkörpern, die ihre männlichen Kollegen regelmäßig und straffrei am Platzrand zeigen dürfen. Cornet allerdings winkte ab: „Was Bernard Giudicelli über den Catsuit von Serena Williams gesagt hat, war zehntausendmal schlimmer als das, was mir auf dem Platz passiert ist“, sagte sie. Der Präsident des französischen Tennisverbands hatte nämlich eine Verschärfung der Regeln gefordert, weil Williams statt im wehenden Röckchen und bloßen Beinen mit einem Kompressionsanzug angetreten war, um Blutgerinnsel zu vermeiden.

In dieser Hinsicht sind ausgerechnet die Beachvolleyballerinnen schon ein Stück weiter: Wurde der Sport mit seinem Kurze-Höschen-Zwang oft als Beispiel für sexistische und sexualisierende Regeln herangezogen, dürfen die Spielerinnen mittlerweile auch im langärmligen Dress und mit Kopftuch antreten. Die Frage ist nur: Wollen sie das? Laura Ludwig, Olympiasiegerin im Beachvolleyball von 2016, gibt zu, dass sie und ihre Partnerin Kira Walkenhorst gezwungen sind, aus ihren braungebrannten Körpern Kapital zu schlagen. „Es ist ohnehin schon schwierig, Partner und Unterstützer zu finden“, sagte die 32-Jährige. „Da ist man gezwungen, etwa mit dem guten Aussehen zu spielen.“

Medien

Auch die Darstellung von Athleten und Athletinnen in den Medien ist ein großes Thema, formen Medien doch entscheidend, meist aber unbewusst den Blick auf die Welt. Studien zeigen, dass in der regulären Sportberichterstattung außerhalb von Olympischen Spielen Frauen weniger als 15 Prozent der Sendezeit bekommen. Außerdem existiert seit Jahrzehnten und über Landesgrenzen hinweg ein gleichbleibendes mediales Bild von Frauen und Männern im Sport, das sich erst langsam wandelt.

„Frauen werden eher verniedlichend und trivialisiert dargestellt, die Erzählungen über sie beziehen sich oft auf ihre Eigenschaften außerhalb des Sports. Männer dagegen bekommen Stärke und Kraft zugeschrieben, sie dürfen auch aggressiver und intensiver jubeln“, sagt Jörg-Uwe Nieland, Kommunikationsforscher an der Universität Münster.

Ein aktuelles Beispiel: Simone Blum, amtierende Weltmeisterin im Springreiten, wurde vor ihrem Gold-Ritt bei der Reit-WM in Tyron, USA, mit folgenden Worten vorgestellt: Sie habe als „junge Deern“ schon alles erlebt, sei nur Dank ihres Pferdes und ihres Ehemannes so erfolgreich. Einen männlichen Reiter hätte Kommentator Carsten Sostmeier wohl kaum so vorgestellt. „Wird sie zur Rose erblühen?“, rief der Kommentator des öffentlich-rechtlichen Fernsehens vor dem letzten Sprung aus. Von blühenden Birnbäumen hätte Sostmeier bei Ludger Beerbaum wohl nicht gesprochen.

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