Bundestrainer Joachim Löw : "Ich wollte niemanden mehr hören oder sehen"

Bundestrainer Joachim Löw gibt im Interview ungewöhnlich persönliche Einblicke in sein Gefühlsleben nach der WM 2014, sein Leben in der Öffentlichkeit und Probleme mit jungen Spielern.

Christoph Geiler
Joachim Löw, 58, ist seit 2006 Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft.
Joachim Löw, 58, ist seit 2006 Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft.Foto: dpa

Er werde sich wohl nie daran gewöhnen, dass er immerzu beäugt und beobachtet wird, sagt Joachim Löw. „Du spürst die Blicke“, erzählt der Trainer von Fußball-Weltmeister Deutschland. „Was macht er, was tut er? Ich weiß nicht, ob man das lernen kann, dass man sich irgendwann so frei fühlt, dass einem das nichts mehr ausmacht.“

Nach fast zwölf Jahren im Amt des Bundestrainers hat Löw freilich längst für sich ein Konzept entwickelt, mit seiner Popularität und Bekanntheit umzugehen. Während im Trainingslager in Eppan (Südtirol) einige Nationalspieler den Sportplatz in Nobelkarossen mit verdunkelten Scheiben verlassen, lässt es sich Joachim Löw nicht nehmen, in der Kantine auf einen Espresso vorbeizuschauen. „Ich versuche, mich so normal wie möglich zu benehmen“, sagt der 58-Jährige.

Auch wenn es ihm nicht immer leicht fällt. Wenn etwa daheim in Freiburg wildfremde Menschen an der Tür klingeln und nach Eintrittskarten für WM-Spiele fragen. Oder wenn er wie zuletzt in Eppan mit dem Fahrrad zum Trainingsplatz fährt und ihm die Fans zu Hunderten den Weg versperren. „Da sind so viele Leute auf mich zugesprungen. Ein Foto hier, ein Foto da. Wenn du da stehen bleibst, bist du verloren.“

Herr Löw, wie ist denn das Leben als öffentliche Person?
Es kommt immer darauf an, wo und wann ich gerade unterwegs bin. Ich lass’ es mir zum Beispiel nicht nehmen, ins Kino zu gehen. Daheim in Freiburg ist es sowieso nicht so schlimm. Da kennen mich die Leute, und wahrscheinlich habe ich da inzwischen alle schon durch mit einem Foto.

Wann und wo wird’s für Sie unangenehm?
In anderen Städten ist es schlimmer. Überhaupt auf Flughäfen und in Bahnhöfen. Da hast du keine Sekunde Ruhe. Wenn ich zum Beispiel im Zug sitze und es steigen Fans ein und die erkennen mich und singen ein Lied. Ehrlich, da würde ich manchmal am liebsten aus dem Fenster springen. Ich weiß, dass es nett gemeint ist, aber es nicht immer einfach für mich.

Sie besuchen in Eppan die öffentliche Kantine, Sie reagieren entspannt auf die letzten Testspielergebnisse. Ist das die Gelassenheit eines Weltmeisters?
Ich weiß mittlerweile genau, was mich erwartet und was auch so alles passieren kann bei einem großen Turnier. Du kannst vier Spiele gut sein und mit einem schlechten Tag, wenn irgendetwas vorfällt, bist du raus. Ich erinnere mich noch gut an die EM in Frankreich.

An das Halbfinal-Aus gegen Frankreich...

Der Schweini macht ein Handspiel, es gibt Elfmeter und dann ist es dahingegangen. Du kannst bei so einem langen Turnier nicht alles planen, du brauchst auch sehr viel Glück, um es bis ins Endspiel oder überhaupt zum Titel zu schaffen. Ich weiß, dass wir vor vier Jahren das Finale gegen Argentinien auch hätten verlieren können. Wenn Higuain das Tor macht, dann wäre vielleicht alles anders gekommen.

Er hat es nicht gemacht, und so sind Sie jetzt Weltmeister. Wie haben Sie diese Stunden des WM-Triumphes erlebt?
Am Anfang bist du voll aufgedreht und auch in einer wahnsinnigen Euphorie.

Und dann?
Dann kommt schon sehr bald die Müdigkeit heraus. Ich war einfach nur fertig und wollte eigentlich niemanden mehr hören oder sehen. Nach dem Finale in Rio habe ich vielleicht zwei Gläser getrunken und gegen zwei, halb drei gesagt: „Ich geh’ jetzt ins Bett.“

Was war die Antwort?
Da ist gerade die größte Party im Gange, da kannst du doch nicht ins Bett gehen.

Sind Sie nach dem WM-Titel etwa in ein Loch gefallen?
Die ersten Tage nach dem Turnier war ich allein auf Sardinien unterwegs. Irgendwann ist dann auch mein Berater gekommen, und nach einem Tag hat er gemeint: „Hey, du bist Weltmeister! Was ist eigentlich los mit dir?“ Ich hab’ ihm gesagt: „Lass mich in Ruhe, ich will nichts mehr wissen von Weltmeister.“

Aufgedreht. Joachim Löw kurz nach dem Sieg im WM-Finale 2014.
Aufgedreht. Joachim Löw kurz nach dem Sieg im WM-Finale 2014.Foto: AFP

Wie haben Sie sich dann wieder aufgerafft, wann ist die Motivation zurückgekommen?
Nach der WM habe ich mir schon die Frage gestellt: „Was wollen wir jetzt eigentlich?“ Jeder von uns. Beim ersten Länderspiel nach der WM im September habe ich gemerkt, dass irgendwas anders ist.

Was war anders?
Das WM-Finale war gerade einmal sechs Wochen her, in dem Moment war einfach kein Zug drin. Keine Dynamik, keine Power. Man hatte bei allen von uns das Gefühl: „Okay, wir machen das schon, wir sind ja Weltmeister.“ Und ich nehme mich da jetzt gar nicht aus. Ich habe dann irgendwann reagiert.

Inwiefern?
Nach den ersten Spielen als Weltmeister habe ich gespürt: So geht’s nicht, auf diese Art und Weise wird es nicht funktionieren. Irgendwann musst du den Schalter umlegen, auch ich als Trainer habe wieder anziehen müssen. Nach zwei Monaten habe ich den Jungs gesagt: „Leute, wir müssen jetzt wieder fighten, wenn wir oben bleiben wollen.“ Und oben zu bleiben, ist bekanntlich noch schwieriger als raufzukommen.

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