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Im Risikogebiet? Deutschlands Stürmer Timo Werner unter lauter Ukrainern, von denen vier Teamkollegen positiv auf das Coronavirus getestet worden waren.

© imago images/ActionPictures

Obwohl vier Spieler aus dem Kader der Ukraine coronapositiv sind, hat das Länderspiel gegen Deutschland stattgefunden. Das Verständnis dafür schwindet.

Profifußballer haben eine gewisse Neigung, das ganze Leben als Spiel zu betrachten. Wetten kann man auf fast alles. Selbst darauf, wessen Gepäck bei der Auswärtsreise als erstes auf dem Kofferband erscheinen wird. Als Manuel Neuer und Leon Goretzka, die beiden deutschen Nationalspieler, sich am Samstagnachmittag in ihrem Teamquartier unterhielten, ging es ebenfalls um Quoten. Auf 60:40 bezifferte Kapitän Neuer die Wahrscheinlichkeit, dass das für den Abend angesetzte Spiel in der Nations League gegen die Ukraine nicht würde stattfinden können.

Für die breite Öffentlichkeit schien das sogar noch eine eher optimistische Einschätzung zu sein, nachdem am Freitagabend bekannt geworden war, dass es im Tross der Ukrainer fünf neue Coronafälle gegeben hatte. Vier Spieler und ein Teammanager waren positiv getestet worden. Gespielt wurde tags darauf trotzdem.

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Als die Entscheidung noch ausstand, twitterte Benjamin Lischka vom Basketball-Bundesligisten Baskets Bonn: „5 positive Fälle und wir überlegen noch, ob wir das Spiel noch irgendwie anpfeifen können.“ Aber wehe, es gebe im Handball oder Basketball einen positiven Fall. Vermutlich hat Lischka damit vielen aus der Seele gesprochen.

Im Frühjahr, in der ersten Welle der Coronavirus-Pandemie, ist der Profifußball für viele andere Sportarten leuchtendes Vorbild gewesen. Er hat es – natürlich auch dank seiner herausragenden finanziellen Möglichkeiten und einer guten Vernetzung in die Politik – erstaunlich schnell geschafft, in den Spielbetrieb zurückzufinden. In der zweiten Welle aber scheint sich die Stimmung mehr und mehr zu drehen und gegen den Fußball zu wenden, nicht zuletzt wegen der Einschränkungen, die jetzt wieder für normale Bürger gelten, auch für Jugend- und Hobbysportler.

„Wir können von uns aus kein Spiel absagen.“

„Ich weiß, dass die Menschen im Moment andere Dinge bewegen. Es ist keine einfache Situation“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem 3:1-Sieg seiner Mannschaft gegen die Ukraine. „Aber wir können von uns aus kein Spiel absagen.“ In der Bundesliga werde schließlich auch gespielt, in anderen Ligen ebenfalls.

Nach dem Bekanntwerden der neuen Fälle im ukrainischen Team waren die verbliebenen Spieler des Kaders erneut getestet worden. Alle Ergebnisse fielen negativ aus. Zudem hatte das Gesundheitsamt in Leipzig versucht, die Kontakte der Infizierten nachzuverfolgen. Die Mitspieler, mit denen sie seit Anfang der Woche in denselben Hotels, in denselben Flugzeugen, denselben Bussen, auf denselben Fußballplätzen zusammen gewesen waren, waren nach Aussagen des Ukrainischen Verbandes keine Kontaktpersonen der ersten Kategorie. „Wir nehmen diese Aussagen so hin“, sagte der Sprecher der Stadt Leipzig. „Es gibt auch keinen Grund, daran zu zweifeln.“ Und damit auch keinen Grund, das Länderspiel abzusagen.

Dass solche Fälle unterschiedlich gehandhabt werden, trägt nicht gerade zum allgemeinen Verständnis bei. So ist die komplette norwegische Nationalmannschaft am Wochenende von der zuständigen Gesundheitsbehörde für zehn Tage in Quarantäne geschickt worden, nachdem Außenverteidiger Omar Elabdellaoui positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Die Nations-League-Partie in Rumänien musste daher abgesagt werden. Ob die Norweger am Mittwoch in Österreich mit einer B-Elf antreten werden, ist noch offen. Immerhin dürfen die im Ausland beschäftigten Nationalspieler, darunter auch Rune Jarstein von Hertha BSC und der Dortmunder Erling Haaland, die Quarantäne in Oslo verlassen und an ihre Wohnorte abreisen.

Der Unmut in der Bundesliga wächst

Als die Bundesliga Mitte Mai ihren Spielbetrieb wieder aufnahm, tat sie das in einem geschlossenen und daher recht gut zu kontrollierenden System. Das ist inzwischen nicht mehr der Fall. Die Spieler reisen gerade zum dritten Mal seit Saisonbeginn im September für Länderspiele um die halbe Welt. Das führt nicht nur fast zwangsläufig zu einem höheren Infektionsrisiko. Es führt auch verlässlich zu Unmut bei den Vereinen, weil sie fürchten, dass ihre Spieler sich in der Fremde mit dem Coronavirus infizieren.

Fälle gibt es inzwischen zur Genüge. Andrej Kramaric hat es im Oktober bei der kroatischen Nationalmannschaft erwischt. Bis heute hat der Stürmer nicht mehr für seinen Klub, die TSG Hoffenheim, spielen können. Auch Fälle wie der seines Landsmanns Domagoj Vida nähren den Unmut der Klubs. Vida ist in dieser Woche ebenfalls positiv getestet worden. Das Ergebnis wurde ihm in der Pause des Freundschaftsspiels der Kroaten in der Türkei übermittelt – nachdem Vida in der ersten Hälfte des Spiels noch auf dem Platz gestanden hatte.

Jetzt geht es nach Sevilla – ins Hochrisikogebiet

Die deutsche Nationalmannschaft reist an diesem Montag zum letzten Nations-League-Spiel nach Spanien. Es geht um den Gruppensieg und damit die Qualifikation für das Finalturnier im Oktober 2021. Vor allem aber geht es um die Gesundheit der Nationalspieler. „Wir haben unsere Regeln. Daran halten sich alle bei uns ganz konsequent“, sagte Bundestrainer Löw. „Wir passen auf. Wir sind diszipliniert.“

Die Nationalmannschaft und ihr Tross fliegen im Charterflugzeug nach Sevilla, mitten hinein ins Hochrisikogebiet Andalusien. Eine Einreise ist derzeit nur mit triftigen Gründen möglich. Und wenn die Nationalspieler am Dienstagabend, nach ihrem Spiel, zurück in ihr Hotel gefahren werden, gilt in Sevilla bereits seit mehr als einer Stunde die nächtliche Ausgangssperre.

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