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Nach dem EM-Aus: Joachim Löw geht über das Rollfeld am Flughafen Nürnberg.
© Daniel Karmann/dpa

Die Tragik des Joachim Löw: Das unrühmliche Ende einer ruhmreichen Ära

Joachim Löw hat den richtigen Moment für den Abschied aus dem Amt verpasst. Das muss er sich vorwerfen lassen. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Stefan Hermanns

Eine letzte Herausforderung hielt der Abend für Joachim Löw noch bereit. Er war ihr leider nicht gewachsen.

Löw saß im Wembleystadion bei der virtuellen Pressekonferenz nach dem Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft. Er wartete auf die nächste Frage, aber es kam keine Frage. Also griff der Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft ein wenig gedankenverloren zu einer der beiden Cola-Flaschen, die eigentlich nur zu dekorativen Zwecken vor ihm auf dem Podium standen. Löw drehte am Kronkorken. Natürlich bewegte er sich kein Stück.

Man konnte darin durchaus etwas Symbolisches erkennen. Das, was Joachim Löw in den drei Jahren seit dem WM-Debakel 2018 in Russland probiert hatte, glich in etwa dem Versuch, mit bloßen Händen den Kronkorken von einer Colaflasche zu entfernen. Es war zum Scheitern verurteilt. Löw hat es versucht. Er hat – sinnbildlich – gedreht und gedreht, aber nichts rührte sich.

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Natürlich hätte es auch anders kommen können. Wenn zum Beispiel Thomas Müller am Dienstagabend wenige Minuten vor Schluss gegen England der späte Ausgleich gelungen wäre. Oder wenn Timo Werner die Deutschen in der ersten Halbzeit bei seiner ähnlich glänzenden Chance sogar in Führung gebracht hätte.

Vielleicht hätten die Deutschen die Engländer tatsächlich wieder einmal bezwungen und wären anschließend, dank der leichteren Gegner in ihrer Turnierhälfte, sogar gleich ins Finale der EM durchgerauscht. Das abschließende Urteil der Ära Löw fiele dann wahrscheinlich geringfügig anders aus.

Achtelfinal-Aus gegen England

Aber es ist eben nicht so gekommen. Es kam: das Aus im Achtelfinale. Und dieses frühe Scheitern hatte dann doch etwas Folgerichtiges. Der alte Zauber des Bundestrainers hat nicht mehr gewirkt. Man hätte es wissen können. Oder zumindest ahnen müssen.

Torwarttrainer Andreas Köpke, Bundestrainer Trainer Joachim Löw und Hansi Flick feiern 2014 den WM-Titel.
Torwarttrainer Andreas Köpke, Bundestrainer Trainer Joachim Löw und Hansi Flick feiern 2014 den WM-Titel.
© Markus Gilliar/GES/DFB/Pool/dpa

Joachim Löw hat es nie leicht gehabt. Selbst in seinen erfolgreichen Jahren hat es ihm an Kritikern nie gemangelt. An Leuten, die ihn vor allem für ein Glückskind gehalten haben, weil er in einer Zeit Bundestrainer sein durfte, in der der deutsche Fußball über so viel Talent verfügt hat wie vielleicht nie zuvor in seiner Geschichte.

Aber damit tut man ihm Unrecht. Löw hat diesen Überfluss nicht nur verwaltet; er hat in den ersten Jahren seiner langen Amtszeit auch sehr wohl stilbildend gewirkt. Löw war ein echter Fußballlehrer, und in seiner Klasse saßen nicht nur die Nationalspieler, sondern das ganze Land, das von modernem Fußball zu Beginn des Jahrtausends noch nicht allzu viel Ahnung hatte.

Ja, Joachim Löw hat eine Ära geprägt. Nicht nur, weil er sich rekordverdächtige 15 Jahre im Amt gehalten hat und als einer von bisher lediglich vier deutschen Weltmeistertrainern in die Geschichte eingegangen ist. Solche Erfolge hängen nämlich immer auch von Zufällen ab.

Davon zum Beispiel, ob Thomas Müller den Ball ins Tor schießt, wenn er alleine auf den gegnerischen Torhüter zuläuft. Oder doch knapp am Pfosten vorbei. Viel wichtiger ist die Konstanz, die das Nationalteam unter Löw bewiesen hat. In den ersten sechs seiner acht Turniere (inklusive des Confed-Cups 2017) erreichten die Deutschen immer das Halbfinale. Eine solche Bilanz kann keine andere Nation vorweisen.

Den Absprung verpasst

Insofern stimmt es nur bedingt, dass der letzte Eindruck bleibt. Der letzte Eindruck bei Löw ist kein guter: Dem Vorrundenaus bei der WM 2018 folgte jetzt bei der EM das Aus im Achtelfinale. Aber natürlich trüben die letzten beiden Turniere das Gesamtbild seiner Amtszeit.

Bundestrainer Joachim Löw bei seinem letzten Spiel als Nationaltrainer gegen England.
Bundestrainer Joachim Löw bei seinem letzten Spiel als Nationaltrainer gegen England.
© imago images/ULMER Pressebildagentur

Löw hat sich das selbst zuzuschreiben. Seine Tragik ist, dass er den richtigen Moment des Abschieds verpasst hat. Er hätte 2014, nach dem WM-Titel, aufhören können, auf dem höchsten aller Gipfel. Aber dass er als Weltmeister auch noch Europameister werden und Geschichte schreiben wollte, das kann man ihm nicht vorwerfen.

Er hätte 2016 aufhören können, nachdem er im EM-Halbfinale an Frankreich gescheitert war. Aber dass er als Weltmeister seinen Titel verteidigen und Geschichte schreiben wollte, das kann man ihm nicht vorwerfen.

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2018 allerdings, nach dem Debakel in Russland, hätte er aufhören müssen. Dass er das nicht getan hat, das war sein großer Fehler. Und das muss man ihm vorwerfen.

Löw hat sich an das Amt geklammert, in das er sich so sehr verliebt hatte. In einem Moment, in dem die deutsche Nationalmannschaft für den Neuaufbau einen unverbrauchten, unbeschwerten und unbelasteten Bundestrainer benötigt hätte. All das war Löw nach dem historischen Scheitern nicht mehr. Im Gegenteil: Seit dem Scheitern bei der WM 2018 befand er sich in einem permanenten Rechtfertigungsmodus.

Erst musste er sich dafür rechtfertigen, dass er weiter auf Leute wie Müller und Hummels setzt. Dann musste er sich dafür rechtfertigen, dass er Leute wie Müller und Hummels so beharrlich ignoriert. Und vermutlich wird er sich künftig dafür rechtfertigen müssen, dass er Müller und Hummels dann doch für die EM zurückgeholt hat. So hat es Joachim Löw am Ende niemandem mehr recht machen können. Das Schlimme ist, dass man das irgendwann auch seiner Mannschaft angemerkt hat.

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