Die letzte Frau in der Formel 1 : Vom Lieferwagen ins Rennauto

43 Jahre lang hat keine Frau mehr einen Grand Prix in der Formel 1 bestritten. Lella Lombardi war die letzte. Ein Porträt.

Benzin im Blut. Lella Lombardi lebte und liebte den Motorsport.
Benzin im Blut. Lella Lombardi lebte und liebte den Motorsport.Foto: picture alliance / dpa

In Frugarolo gibt es Anfang der sechziger Jahre noch nicht viele Autos. Während etwa 100 Kilometer entfernt in Turin die neuen Fiat-Modelle 600 und Nuova 500 die Stadt langsam für sich einnehmen, ist für die meisten Menschen in dem piemontesischen 2500-Einwohner-Dorf ein Auto noch unerschwinglich. Die Straßen verdienen größtenteils den Namen kaum und gehören meist noch den Bauern mit ihren Eseln oder jungen Männern auf Motorrollern. Ein Auto kennen in Friarò, wie Frugarolo im lokalen Dialekt heißt, aber alle: den Lieferwagen des örtlichen Metzgers. Jeden Tag knattert er durch die engen Straßen, durch die Kurven, Hügel hinauf und hinab, bis an die ligurische Riviera. Am Steuer sitzt Maria Grazia Lombardi, die Metzgerstochter.

Die 18-Jährige wird von allen nur Lella genannt und liefert Salami, Schinken und Würstchen in Rekordtempo aus. Keine 15 Jahre später, am 27. April 1975, hat sie immer noch ein Lenkrad in der Hand und den Fuß auf dem Gaspedal – beim Großen Preis von Spanien fährt sie in Barcelona als erste und bisher einzige Frau in der Formel 1 in die Punkteränge. „Es ist unglaublich, dass meine Tante es geschafft hat, aus einem kleinen Dörfchen fernab jeder Rennstrecke nur mit ihrer großen Entschlossenheit in die Formel 1 zu kommen“, hat Lombardis Neffe Luciano einmal erzählt.

Ein Fiat 500 auf Raten, 42 Lire jeden Monat

Schon als kleines Mädchen war Lella begeistert von der Geschwindigkeit. Mit neun Jahren sitzt sie zum ersten Mal am Steuer, mit 13 kann sie schon besser fahren als die meisten Erwachsenen. In Frugarolo sieht man sie gelegentlich auf der elterlichen Lambretta, dem Konkurrenzprodukt zur Vespa, umherfahren. „Man hat damals schon gemerkt, dass sie verrückt nach Motoren war“, sagte Luciano. „Sie hat ständig die wenigen Autozeitschriften, die es damals gab, gelesen und dabei mit offenen Augen von einer Karriere als Rennfahrerin geträumt.“

Auch wenn es der Familie finanziell nicht schlecht geht, ist der Weg in den Motorsport für Lombardi ein weiter. Anders als die erste Frau in der Formel 1, die neapolitanische Baronin Maria Teresa de Filippis, wird sie weder gefördert noch finanziell unterstützt. Ihre ersten Rennen fährt Lombardi heimlich. 1965 kauft sie sich im Alter von 24 Jahren ein gebrauchtes Rennauto. Durch die Arbeit als Lieferantin für die väterliche Metzgerei hat sie ein bisschen Geld angespart, das reicht aber längst nicht. Also zahlt sie den aufgemotzten Fiat 500 auf Raten ab, 42 Lire jeden Monat. Bei den ersten Rennen dient der örtliche Schmied als Mechaniker.

Ihre Eltern erfahren es aus der Zeitung

Trotz der keineswegs professionellen Bedingungen feiert Lombardi schnell Erfolge, ihr Talent ist nicht zu übersehen. Als sie ihr erstes Rennen gewinnt, erfahren die Eltern davon aus der Zeitung. Ihr Vater ist zuerst nicht begeistert und unterstützt sie auch später nie öffentlich. Wenn sie nicht zugegen ist, wird sein Stolz aber deutlich. Auch im Dorf überwiegen die positiven Reaktionen – obwohl im streng katholischen Italien zu jener Zeit der passende Ort für eine Frau immer noch eher die Küche sein soll und es noch dazu kein Geheimnis ist, dass Lombardi lesbisch ist. Ihr Charakter macht es den Menschen aber schwer, sie nicht zu mögen. Lombardi inszeniert sich nicht, sie ist höflich und bescheiden, gleichzeitig aber auch entschlossen und selbstbewusst. Trotz ihrer kleinen Statur schüchtert sie die Männerdomäne Motorsport nicht ein.

Lombardi weiß, wie gut sie ist, und will sich mit den anderen Fahrern messen. Dass diese fast ausschließlich Männer sind, macht für sie keinen Unterschied. „Die männlichen Konkurrenten sind auf der Strecke ziemlich hart mit ihr umgegangen, mit dreckigen Tricks. Sie konnte aber auf sich aufpassen, war tough und hatte viel Ausdauer“, sagte Angela Webb, die Bernie Ecclestone 1974 für 5000 Pfund einen Brabham BT42 abkauft und Lombardi zu ihrem ersten Formel-1-Einsatz verhilft. Damals nehmen noch deutlich mehr Fahrer am Qualifying teil als heute und nicht für alle gibt es einen Startplatz. Lombardi wird in der Qualifikation 29., es reicht nicht. Ihr Talent lockt allerdings Sponsoren an. Ein Kaffeeunternehmen zahlt 50.000 Pfund und finanziert Lombardi damit ein Formel-1-Cockpit für die nächste Saison. Ihr bestes Rennen macht sie auf dem Nürburgring, wo sie die Punkte als Siebte nur knapp verpasst.

Ein halber Punkt in Barcelona

Zu diesem Zeitpunkt hat sie schon einen halben WM-Punkt auf dem Konto, schöne Erinnerungen sind mit ihrem besten Rennergebnis aber nicht verbunden. Denn der Große Preis von Spanien in Barcelona bleibt nicht nur wegen ihrer historischen Platzierung in Erinnerung, sondern vor allem wegen eines schweren Unfalls. Schon nach wenigen Runden fliegt Rolf Stommelen mit seinem Auto von der Strecke. Der Deutsche wird schwer verletzt, fünf Zuschauer sterben. Als das Rennen abgebrochen wird, liegt Lombardi auf Rang sechs. Da weniger als 75 Prozent der Distanz absolviert sind, wird die Punktzahl halbiert.

Ihre Karriere in der Formel 1 dauert noch ein Jahr. Am 15. August 1976 wird Lombardi im österreichischen Spielberg 12. Es ist bis heute der letzte Renneinsatz einer Frau in der Formel 1. Lombardi fährt allerdings weiter, bei Touring-Rennen, in Le Mans und sogar in der DTM. Ein Leben ohne den Motorsport ist für sie nicht vorstellbar. 1988 beendet sie ihre Karriere schließlich und gründet ein eigenes Team. Da weiß sie bereits von ihrer Krebserkrankung, an der sie 1992 im Alter von nur 50 Jahren stirbt.

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