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Wjatscheslaw Fetissow war Kapitän der legendären sowjetischen Nationalmannschaft der achtziger Jahre. 1989 setzte er noch vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion seinen Wechsel von ZSKA Moskau in die nordamerikanische Profiliga NHL durch. Nach seiner aktiven Karriere arbeitete er von 2002 bis 2008 als russischer Sportminister. Heute vertritt Fetissow, 56, als Abgeordneter die Pazifik-Region Primorje im Föderationsrat. Das Foto zeigt ihn mit seinem russischen Kollegen Igor Larionow nach dem Gewinn des Stanley Cups mit den Detroit Red Wings im Juni 1997.
© promo

Kinostart von "Red Army": Eishockey-Legende Fetissow: "Ich habe das System besiegt!"

Heute startet "Red Army" im Kino, eine Dokumentation über die legendäre sowjetische Eishockeynationalmannschaft der 1980er Jahre. Deren damaliger Kapitän Wjatscheslaw Fetissow spricht im Interview über den Film, sein Leben in zwei Welten und Wladimir Putin.

Herr Fetissow, Sie, einer der besten Eishockeyspieler der Geschichte, haben Wladimir Putin als Sportminister gedient und jetzt werden Sie auch noch Kinostar. In „Red Army“, einem Film über das Schicksal der legendären sowjetischen Nationalmannschaft vor und nach dem Ende des Kalten Krieges, treten Sie auf als … Wjatscheslaw Fetissow! Was sagen denn Ihre früheren Kollegen?

Nur Gutes. Viele sind extra meinetwegen ins Kino gegangen. Gerade erst habe ich eine SMS von Wayne Gretzky bekommen. Der Film hat ihm gefallen und er war ganz erstaunt über all das, was ich erlebt habe, bevor ich aus Moskau in die NHL gewechselt bin.

Sie sind dort im Sommer 1989 nicht besonders herzlich empfangen worden.

Die Amerikaner haben mich wie einen kommunistischen Staatsfeind behandelt. Dabei habe ich doch gegen das System gekämpft und es besiegt! Ich habe das vorher nie erzählt, warum auch, ich muss mit meiner Geschichte nicht hausieren gehen. Aber jetzt bin ich dem Regisseur Gabe Polsky sehr dankbar, dass er in seinem Film erzählt, was wirklich passiert ist.

Sie hatten ein Problem mit Wiktor Tichonow, dem Trainer von ZSKA Moskau und der sowjetischen Nationalmannschaft.

Ach, Tichonow! Er war ein Rädchen im Getriebe, Trainer von Gnaden des KGB, und daraus hat er seine Vorteile gezogen. Ich habe damals nicht gegen Tichonow gekämpft, sondern gegen das System.

Weil Sie im Herbst Ihrer Karriere noch einmal das große Geld verdienen wollten.

Nein, das war nicht der Punkt. Ich wollte über mich selbst bestimmen. In der Sowjetunion hatten immerzu andere über mich bestimmt. Ja, Eishockey war mein Leben, aber was war das für ein Leben? Wir waren elf Monate im Jahr einkaserniert und haben bis zu viermal am Tag trainiert. Für einen jungen Burschen mag das ja okay sein, aber wenn du älter wirst, hast du andere Prioritäten. Du willst mit deiner Familie zusammen sein, aber ein Familienleben bei nur drei freien Tagen im Monat kann nicht funktionieren. Tichonow wollte die totale Kontrolle über uns. Nicht nur über uns als Sportler, sondern auch als Menschen.

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Aber er hatte Erfolg als Trainer.

Tichonow hielt sich für größer als Gott. Aber mit dem Erfolg funktionierte es nur, so lange er die totale Kontrolle hatte. Die fehlte ihm bei der Generation nach uns. Da war er als Trainer gefragt, und wir wissen ja alle, wie das ausgegangen ist. Nicht besonders gut für das russische Eishockey. Für Tichonow waren wir Maschinen, menschliche Regungen waren ihm fremd. Als sein Vorgänger Anatoli Tarassow starb, wollte seine Familie ihm zu Ehren eine Zeremonie im Stadion von ZSKA Moskau abhalten. Tichonow hat das untersagt. Können Sie sich so etwas vorstellen? Alles, was Tichonow war, verdankte er Tarassow. Er hat ihm eine perfekte Mannschaft aufgebaut und hinterlassen.

Diese perfekte Mannschaft hat bei den Olympischen Spielen 1980 gegen amerikanische Collegeboys verloren ...

Was soll ich dazu sagen? Solche Tage gibt es. Die Amerikaner haben daraus eine nationale Legende gemacht, aber wir haben immerhin gelernt, dass du nie einen Gegner unterschätzen darfst. Außerdem habe ich die berühmteste Silbermedaille der Geschichte, das ist doch auch etwas.

Tichonow ist im November 2014 gestorben. Waren Sie bei seiner Beerdigung?

Für fünf Minuten, um Blumen am Grab abzulegen. Das gehört sich so. Aber haben Sie bitte Verständnis dafür, dass mir diese Beerdigung nicht so ans Herz gegangen ist wie die von Wladimir Krutow …

… dem Linksaußen des sowjetischen Superblocks mit Igor Larionow, Sergej Makarow, Alexej Kassatonow und Ihnen. Er starb im Juni 2012 an Leberzirrhose, kurz nach den Interviews für den Red-Army-Film.

Er war das Herz und die Seele unseres Blocks. Er hat nicht viel gesprochen. Aber wenn, dann hat jeder zugehört.

Krutow war der Initiator eines Fernsehinterviews Ende 1988, in dem die Stars der Nationalmannschaft mit Streik drohten für den Fall, dass Tichonow eine gegen Sie verhängte Sperre nicht aufheben würde.

Wenn du ihn als Freund gebraucht hast, war er da. Ich habe nie einen Eishockeyspieler mehr respektiert als ihn.

Ausgerechnet Alexej Kassatonow, Ihr bester Freund in der Mannschaft, hatte sich in jenen Tagen auf Tichonows Seite geschlagen.

Das tat weh, und ich wusste lange Zeit nicht, wie ich damit umgehen sollte. Aber diese Sache liegt jetzt ein Vierteljahrhundert zurück. Ich habe Alex verziehen, wir sind wieder Freunde. Für mich war das ein Gebot des christlichen Miteinanders.

"Ich bin Russe und stolz auf mein Land!"

Den Untergang der Sowjetunion haben Sie nach Ihrem Wechsel 1989 zu den New Jersey Devils aus der Ferne verfolgt.

Ich hatte erst einmal genug mit mir selbst zu tun. Die Armee wollte mich nicht entlassen und die Regierung wollte an meinem Vertrag mitverdienen, aber das kam für mich nicht infrage. Dafür hatte ich nicht gekämpft! Ich bin dann als mein eigener Herr nach Amerika gegangen, aber das war eine andere Welt. Ich sprach kein Englisch, die Kollegen wollten nichts mit mir zu tun haben und die Gegner haben mich gehasst.

Berühmt ist eine Szene aus einem Ihrer ersten Spiele für New Jersey gegen die Toronto Maple Leafs. Wie Sie völlig verwirrt Torontos Wendel Clark anschauten, weil der Sie ohne jeden Grund in einen Kampf verwickelte ...

Stopp, das war kein Kampf! Das war eine hinterhältige Attacke in meinen Rücken, sie hätte meine Karriere beenden können. Und er hat das auch nicht ohne jeden Grund gemacht, sondern aus politischer Motivation heraus. Die wollten uns einfach nicht in ihrer Liga haben. Na, im nächsten Spiel habe ich ihn hart gecheckt, und darauf ist er erst mal ein paar Wochen ausgefallen. Das war meine Lehre aus diesem Vorfall: Ein Mann muss kämpfen, um Respekt zu bekommen.

Wann haben Sie diesen Respekt bekommen?

Das hat gedauert, bestimmt zwei Jahre lang. New Jersey hatte keine gute Mannschaft, und meine Kollegen waren nicht daran interessiert, mich gut aussehen zu lassen. Makarow hatte es einfacher bei den Calgary Flames, die waren amtierender Stanley-Cup-Sieger. Krutow und Larionow spielten immerhin zusammen in Vancouver. Ich war Einzelkämpfer.

Sie haben 13 Jahre lang in den USA gelebt. War es nie eine Option, für immer dazubleiben und einen US-Pass zu beantragen?

Meine Tochter ist in den USA geboren, sie hat den Pass und ich hätte ihn auch haben können, aber das kam nie infrage. Ich bin Russe und stolz auf mein Land!

Sie haben mit den Detroit Red Wings zweimal den Stanley Cup gewonnen, als Anführer eines Blocks, der aus fünf Russen bestand. Damals lag Ihnen ganz Detroit zu Füßen und der Rest des Landes begegnete Ihnen mit höchstem Respekt. So populär war Russland in den USA nie wieder.

Meinen Sie das jetzt politisch? Ich würde lieber beim Sport bleiben.

Sie waren immerhin sechs Jahre lang Sportminister.

Also gut. Es ist für mich schwer zu verstehen, wie sich die Dinge entwickelt haben. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: 1997, ein paar Tage nach dem ersten Stanley-Cup-Sieg, hatten wir mit einer von den Red Wings gemieteten Limousine einen schweren Verkehrsunfall. Ich musste ein paar Tage im Krankenhaus bleiben, mein Mitspieler Wladimir Konstantinow fiel ins Koma. Tausende von Amerikanern haben damals vor dem Krankenhaus gewartet und für ihn gebetet. Trainer Scotty Bowman ließ seine Familie zwei Wochen in Toronto warten, bis Wladimir endlich aufwachte. Es war ein unglaublich herzliches Miteinander. Ich frage Sie: Sind es wirklich die Menschen, die jetzt für die Eiszeit zwischen den USA und Russland stehen? Oder sind es doch eher Gehirnwäsche und Propaganda?

Wladimir Putin macht es nicht jedem leicht, ihn zu mögen. Viele empfinden seinen Patriotismus als bedrohlich.

Was ist verkehrt an Patriotismus? Viele Länder leiden daran, dass sie nicht patriotisch genug sein. Wladimir Putin hat Russland nach dem Chaos der neunziger Jahre seinen Stolz zurückgegeben. Achtzig Prozent der Russen unterstützen ihn. Ich weiß, Ihr Deutschen seid alle ganz vernarrt in Gorbatschow. Aber unser Land hat er leider ruiniert. Putin arbeitet hart, und genau das ist es doch, was ein Staatsmann für sein Land tun sollte.

Und was ist mit der Krim? Mit der Ost-Ukraine?

Wir Russen haben immer nur unser Land verteidigt, gegen Napoleon, Hitler, Dschingis Khan oder wen auch immer. Putin ist nach den Anschlägen am 11. September 2001 sofort nach Washington geflogen und hat den USA Anteilnahme und Unterstützung zugesichert. Glauben Sie mir, von Russland geht keine Gefahr aus.

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