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Herausgeputzt: Hier wird keine Vuvuzela von Speichelresten gereinigt, sondern die Stadionsitze im Nelson Mandela Bay Stadion in Port Elizabeth abgespritzt.
© dpa

Vor dem Afrika-Cup am Kap: Fußball-Lethargie in Südafrika

Nur die Vuvuzela ist geblieben: Am Samstag beginnt der Afrika-Cup in Südafrika. Eine Vorfreude wie zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 bleibt aus. Denn das Image des heimischen Fußball hat zuletzt arg gelitten.

Aaron Kahwemba ist schon bestens vorbereitet. Der 28-Jährige hat einen Haufen Dosengetränke in seinem kleinen Zimmer im Township Orlando angehäuft. Genügend Eis für die Kühlbox hat er beim Nachbarn auch schon bestellt. Samstag soll sein großer Tag werden. Dann, wenn in Johannesburg im Soccer-City-Stadium, das für die kommenden Wochen in „Nationalstadion“ umgetauft wurde, das Eröffnungsspiel des 29. Afrika-Cups angepfiffen wird, will Aaron das Geschäft seines Lebens machen. „Ich glaube, dass ich bestimmt 200 Dosen verkaufen kann“, rechnet er. Das scheint realistisch – für die Partie zwischen Gastgeber Südafrika und Außenseiter Kapverden sind bereits 50.000 Tickets verkauft. Gut möglich, dass das 90.000-Zuschauer-Stadion nahezu ausverkauft sein wird.

Der Afrika-Cup als Zuschauermagnet? Eigentlich kaum vorstellbar angesichts der Erinnerung ans letzte Jahr, als sich bei der Afrikameisterschaft in Äquatorial Guinea und Gabun zur Vorrundenpartie zwischen dem späteren Gewinner Sambia und Sudan gerade einmal 200 Fans auf den Tribünen verloren. In den letzten Jahren hat sich der Afrika-Cup zum Fernsehereignis entwickelt. Der Wettbewerb, der bis Mitte der 80er Jahre so gut wie nicht im TV übertragen wurde, registrierte bei seiner Ausgabe 2012 bei 32 Partien insgesamt 6,6 Milliarden Fernsehzuschauer weltweit. Selbst vor Ort hat sich der Fernsehgenuss durchgesetzt: Anstatt dem Ereignis live beizuwohnen, sparen sich die Fans die für sie immer noch teuren Eintrittskarten und schauen die Spiele vor Leinwänden oder Fernsehschirmen im Public Viewing.

Spiele in vollen Stadien dürfte es tatsächlich auch diesmal wieder nur geben, wenn Gastgeber Südafrika beteiligt ist. Hohe fünfstellige Zahlen sind sowieso nur im Soccer-City-Stadium am Rande von Soweto zu erwarten. Nur dort, wo in den Townships mittlerweile geschätzte 3,5 Millionen Menschen leben, sind die Fußballfans zu Hause. Ansonsten spielt in Südafrika auch zwei Jahre und sieben Monate nach der Weltmeisterschaft Fußball eher eine Nebenrolle. Rugby ist nach wie vor Südafrikas wichtigste Sportart.

Dass Südafrika nach 1996 überhaupt schon wieder die Afrikameisterschaft bekam, hat das Land vom Kap ohnehin nur den Unruhen in Nordafrika zu verdanken. Eigentlich war Libyen als Gastgeber 2013 auserkoren, doch nach Ausbruch des Bürgerkrieges dort war klar, dass dies nicht mehr geht. Als kurzfristiger Ersatz kam nur Südafrika in Frage. Dort steht seit der WM die erforderliche Infrastruktur, dort hat man Erfahrung mit der Organisation von Großereignissen. Dass der Afrika-Cup binnen zwölf Monaten schon wieder ausgespielt wird liegt daran, dass der afrikanische Verband das Turnier in Zukunft immer in den ungeraden Jahren austragen will, um nicht mit der Weltmeisterschaft konkurrieren zu müssen.

Die Schiedsrichter werden unter Quarantäne gehalten

Kurz vor Turnierbeginn deutet in den Städten allerdings kaum etwas auf das bevorstehende Ereignis hin: Keine Plakate, keine Fanartikel, keine sichtbare Fußballbegeisterung. Lediglich der Gebrauch der unvermeidlichen Vuvuzela hat sich konserviert. Die laute Tröte gehört dazu und wird mit Begeisterung sogar beim täglichen Marktbesuch gepustet. Dass Südafrikas Team sportliche Euphorie entfachen kann, darf bezweifelt werden.

Südafrikas Fußball ist nach dem Gewinn der Afrikameisterschaft 1996 und der WM-Teilnahme 2002, der letzten WM für die sich das Land sportlich qualifiziert hatte, schwächer geworden. Bei der WM im eigenen Land enttäuschte das Team, für die letzten zwei Afrika-Cup-Endrunden konnte man sich nicht einmal qualifizieren. Favorisiert für das Turnier sind eher die Elfenbeinküste mit ihren internationalen Stars sowie das junge, starke Team Ghanas.

Zudem erschütterte jüngst ein Wettskandal das ohnehin kaum vorhandene Vertrauen in die südafrikanische Fußballgemeinde. Offenbar mit Wissen der Verbandsfunktionäre waren im Vorfeld der WM 2010 Vorbereitungsspiele der „Bafana Bafana“ zu Gunsten der asiatischen Wettmafia manipuliert worden. Das fand eine Untersuchungskommission des Fußballweltverbandes Fifa heraus. Daraufhin mussten Verbandspräsident Kirsten Nematandani und vier seiner Mitstreiter ihre Ämter ruhen lassen.

Mittlerweile ist Nematandani wieder installiert. Aus Furcht vor unlauterer Beeinflussung der Schiedsrichter - in Afrika seit Jahren ein Problem - haben sich die Organisatoren zu einer radikalen Maßnahme entschlossen: Alle am Afrika-Cup beteiligten Referees werden während des Turniers unter Quarantäne gehalten. Die Unparteiischen leben während der drei Wochen in einem abgeschirmten Hotel in Pretoria, das sie nicht verlassen dürfen. Herausgelassen werden die 39 ausgewählten Schiedsrichter und ihre Assistenten nur, wenn es zu ihren Einsatzorten geht.

Zum Beispiel nach Soweto zum Eröffnungsspiel. Zehntausende Fans und Hunderte Kleinhändler warten bereits. Wie Aaron Kahwemba mit seinen Kaltgetränken.

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