Kolumne „Losgelaufen“ : Langsam kommt man auch ans Ziel

Unsere Kolumnistin war noch nie sonderlich schnell. Dabei geht es ihr beim Laufen allerdings auch gar nicht so sehr.

Jeannette Hagen
Tempo ist nicht alles beim Laufen.
Tempo ist nicht alles beim Laufen.Foto: PNN / Ottmar Winter

Jeannette Hagen ist freie Autorin in Berlin, Sportlehrerin und Läuferin. Hier schreibt sie im Wechsel mit Radsporttrainer Michael Wiedersich.

Ich gebe es offen zu: Auch ich gehöre zu den Menschen, die ihre Lauferfolge gern auf Instagram oder Facebook veröffentlichen und die sich über Glückwünsche, Lob und Anteilnahme freuen. Als ich im letzten Jahr die Urkunde vom Berlin-Marathon einstellte, kam neben viel Zuspruch die Bemerkung, dass ich bei der Zeit (5:05 Stunden) wohl entweder falsch trainiert hätte oder den Lauf falsch angegangen sein muss.

Meine Erwiderung, dass es mein erster Marathon war und ich ja auch nicht mehr die Jüngste bin, kam nicht an, sondern forderte einen weiteren Kommentar heraus, der da lautete: Früher sei bei Marathonläufen nach fünf Stunden Schluss gewesen.

Mal abgesehen davon, dass mich das natürlich ein bisschen gekränkt hat, muss ich einfach zugeben, dass ich keine schnelle Läuferin bin. Das war ich noch nie. Schon in der Schule waren mir Sprints verhasst, und es kam nicht nur einmal vor, dass ich ausgerechnet dann fehlte, wenn diese benotet wurden.

Schnelligkeit war und ist nicht mein Ding. Dafür ist mein Körper offenbar nicht ausgestattet. Es ist, als würden mir die sogenannten Fast-Twitch-Fasern fehlen, die in der Beinmuskulatur dafür sorgen, dass manche ohne große Mühe, schnell, kraftvoll und doch grazil wie eine Elfe laufen.

Ich sehe bei einem Sprint eher wie Bridget Jones aus. Dazu kommt, dass ich keine Vorfußläuferin bin. Stattdessen laufe ich über die Ferse, was nicht nur etwas plump daherkommt, sondern einen auch energetisch nicht gerade vorwärtstreibt.

Durchbeißen statt Yoga

Nun steckt aber trotz alledem auch ein ehrgeiziger und kämpferisch veranlagter Mensch in mir, der Gegebenheiten ungern als unumstößlich hinnimmt. Also baue ich, obwohl es mir wirklich schwerfällt, Tempoläufe in mein Training ein. Besser: Ich lasse sie einbauen, denn ich habe mir einen Coach gesucht, der mich bei meinem Lauftraining unterstützt.

Es ist eine Frau, die mir die Trainingspläne schreibt, meine Erfolge und Misserfolge mit mir bespricht und die stets Ansprechpartnerin für mich ist, wenn ich nicht vorankomme. Dass sie da ist, macht mein Verhältnis zu Tempoläufen zwar nicht besser, aber es sorgt dafür, dass ich mich durchbeiße, obwohl ich eigentlich schon das Handtuch werfen und lieber erfolgreich im Yoga werden möchte, wenn ich montags den Wochenplan aufschlage und die Worte Tabata-Intervalle oder Monaghetti-Fahrtspiel lese. Es sorgt auch dafür, dass ich mittendrin im Training, wenn die Verlockung, das Tempo zu drosseln, plötzlich auftaucht, nicht aufgebe, sondern weiterlaufe.

Die Frage, warum ich das mache, warum ich mich quäle, statt auf dem Sofa zu sitzen und auf Fast-Twitch-Fasern zu pfeifen, liegt in der Magie des Laufens begründet. Um die zu verstehen, muss man selbst laufen. Fangen Sie an und glauben Sie mir gern, dass der Zauber sich entfachen wird. Und wenn sie eine Frau treffen, die versucht, schnell zu laufen und dabei auf ihre Trainerin schimpft, dann bin ich das.

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