• Massenstürze statt Corona-Angst: Beim Auftakt der Tour de France übertönen alte Gefahren die neuen Risiken

Massenstürze statt Corona-Angst : Beim Auftakt der Tour de France übertönen alte Gefahren die neuen Risiken

Die Tour de France rollt und soll die neue Normalität in Corona-Zeiten demonstrieren. Auf der ersten Etappe geht es aber vor allem um Stürze.

Start der Tour de France: Helfer beim gestürzten Kevin Ledanois
Start der Tour de France: Helfer beim gestürzten Kevin LedanoisFoto: AFP/Anne-Christine Poujoulat

Von Corona mochte nach dem Start dieser ersten Etappe der 107. Tour de France niemand mehr reden. Zu sehr hatte sich das Thema Stürze in die Köpfe und auf die Leiber der Fahrer geschrieben. Die Regenwolken, die sich über dem Startort Nizza entluden, machten die Straßen glatt wie Seife. Dutzendweise kamen Fahrer zu Fall, darunter auch Mitfavorit Thibaut Pinot. Vor allem bei den Abfahrten machten sich die extremen Bedingungen bemerkbar.

„Die Straßen waren extrem glatt. Selbst beim Antreten nach der Kurve hat man gemerkt, wie das Hinterrad durchdreht“, sagte der Berliner Simon Geschke dem Tagesspiegel im Ziel. Geschke kam ohne Sturz durch, wie auch der mit einem Schlüsselbeinbruch angetretene Maximilian Schachmann. Der zweite Berliner im Feld ging diesen Tag wegen seiner Vorverletzung besonders vorsichtig an. „Ich bin heute mit 120 Prozent Sicherheit auf den Abfahrten gefahren. Ich war meistens hinten im Feld, habe viele Positionen verloren“, sagte der Bora hansgrohe Profi im Ziel. Immerhin kam er gesund durch.

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Zu verdanken hatte er dies auch einem Landsmann. Tony Martin raffte sich zum Sprecher des Pelotons auf und setzte eine langsame Fahrt auf der letzten Abfahrt durch. „Ich habe gemerkt, dass eigentlich alle im Feld eine Neutralisierung wollten, aber wie es so ist, hat es dann niemand in die Hand genommen. Ich habe dann die Initiative ergriffen. Wir sind dann die letzte Abfahrt neutralisiert herunter gefahren. Die einzigen, die sich nicht daran gehalten haben, waren die Fahrer von Astana. Aber die haben das dann auch bezahlt“, meinte Martin im Ziel.

Astana preschte vorneweg, in einer Kurve stürzte aber deren Kapitän Miguel Angel Lopez. Danach blieb es ruhig, bis kurz vor dem Ziel. An der 3-km-Marke zerriss erneut ein Sturz das komplette Feld. Den Sprint des Halbpelotons gewann der erfahrene Norweger Alexander Kristoff. Noch den Dreck der Strecke im Gesicht durfte er sich das erste Gelbe Trikot dieser Rundfahrt überstreifen.

Infektionszahlen in Frankreich steigen

Wie lange er es tragen wird, wie lange es überhaupt ein Gelbes Trikot in Frankreich gibt – all das ist derzeit sehr ungewiss. Die Zahl der Infektionen stieg auf 7379 Fälle am 28. August. Das ist der zweithöchste Wert im Laufe der gesamten Pandemie im Lande. Die Zahl der Infizierten pro 100.000 Einwohner stieg im Department Alpes Maritimes, zu dem Nizza gehört, auf 119,1.

Das veranlasste den Polizeipräfekten des Departements, Bernard Gonzalez, bei Start und Ziel die Zuschauerzahl von ursprünglich 500 auf nur noch 50 zu reduzieren. An der Strecke standen natürlich Menschen. Sie hielten nicht immer den geforderten Abstand von zwei Metern  ein. Aber der Großteil von ihnen trug Masken. Und die Stimmung war der Situation angemessen, bedrückt und gedämpft. Einen Anteil daran hatte sicher auch der Regen. Aber auch das klassische Aufheizmodul der Tour, die Werbekarawane, hielt sich zurück. Zwar zogen noch immer die bunten Vehikel über die Straßen. Aber nur wenige Werbefahrer hatten die Erlaubnis, Geschenke zu verteilen. Die aus früheren Jahren bekannte frenetische Stimmung gab es einfach nicht.

Auch bei den ersten Anstiegen war das zu spüren. Präfekt Gonzales hatte die Order erlassen, dass keine Autos mit Fans hochgelassen werden durften. Nur zu Fuß oder per Rad durfte man hoch, was den Zustrom auf ganz natürliche Weise reduzierte.

Ob all dies ausreicht, ob die Tour sicher ihren Weg fortsetzen kann, weiß derzeit niemand. „Es würde mich nicht überraschen, wenn wir nicht bis Paris kommen. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn wir nicht einmal über dieses Wochenende hinauskommen“, meinte der irische Profi Sam Bennett.

Für Erleichterung sorgte bei den Rennställen, dass es im Falle positiver Tests nun eine Art B-Probe gibt. Zuvor galt als Regel, wer positiv ist, fliegt. Und bei zwei positiven Fällen im Team muss der gesamte Rennstall die Tour verlassen. „Ich habe Angst, dass ganze Rennställe wegen falsch positiver Tests von der Tour ausgeschlossen werden“, hatte Ralph Denk, Manager des Rennstalls Bora hansgrohe, schon frühzeitig Bedenken angemeldet. Sein Team hatte bereits einen solchen Fall. Es war ungefähr der 400ste Test des gesamten Rennstalls. Die Falsch-Positiv-Quote liegt also bei 0,25 Prozent. Das heißt, die Tests sind zu 99,75 Prozent sicher.

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Das bedeutet aber auch, dass im Zuge häufiger Tests falsch-positive Ergebnisse immer wahrscheinlicher werden. Kurz vor dem Start zur 1. Etappe gab Veranstalter ASO dann bekannt, dass bei positiven Befunden die Möglichkeit einer Nachkontrolle bestehe. „Aber nur, wenn ausreichend Zeit ist. Sollte ein Fahrer 40 Minuten vor Start einer Etappe einen positiven Test haben, reicht die Zeit nicht für einen Nachtest. Dann muss er sofort raus“, sagte ein ASO-Sprecher Tagesspiegel.

Das Damokles-Schwert eines Ausschlusses schwebt also über allen. Und die Gefahr einer Infektion selbstverständlich auch. Selbst wenn aktuell das Risiko eines Falsch-Positiv-Tests in der Hygiene-Blase der Tour de France größer erscheint als die Gefahr Infektion selbst. Die beiden Betreuer von Team Lotto Soudal, die nach positiven Tests nach Hause geschickt wurden, hatten bei Nachtests allesamt negative Ergebnisse. Ebenso ihre beiden Zimmerkollegen, die ebenfalls aus Sicherheitsgründen nach Hause reisten.

Die Tour ist ins Rollen gekommen. Tourveranstalter ASO ist gewillt, das Rennen auch bis Paris zu bringen. Er hat dabei politische Verbündete. Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer meinte in Bezug auf die Tour: „Das ist ein Zeichen, dass wir mit dem Leben weitermachen, ein Zeichen der Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft.“ Die Tour de France wird also zum Symbol des „new normal“, zur Ermöglichung auch großer Events in Pandemiezeiten. Niemand, nicht einmal Tourchef Christian Prudhomme, weiß aber, ob die Sache auch gut ausgeht.

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